Für die Fußball-Fans auf der ganzen Welt hörte vorgestern für einige Sekunden der Planet auf sich zu drehen. Es war ein Gefühl wie damals, als die Nachricht vom Tod Pelès, vom Ableben Maradonas verbreitet wurde. Als man zur Kenntnis nehmen musste, dass auch ein Johann Cruyff und ein Franz Beckenbauer nicht unsterblich sind, der Schmerz ist unbeschreiblich, die Verzweiflung unendlich, viele meinen, es würde einfach nicht mehr weitergehen und das Leben würde keinen Sinn mehr ergeben. Denn was viele bereits seit einigen Jahren befürchteten, ist nun Gewissheit: Einer der ganz Großen tritt von der noch größeren Fußballbühne ab. Man spürt förmlich, wie sich die unabhängigen Ekelfedern vom Kampagnenblatt gegenseitig in den Armen lagen, als sie diese Headline verfassen mussten:

HSV-Torwartlegende beendet Karriere nach Aufstieg

Der Schmerz ist mit Händen zu greifen, die Lobeshymnen über die Torhüter-Ikone, den Erfinder des modernen Torwartspiels kann bzw. wollen nicht enden, in St. Ellingen hat man noch keine Ahnung, wie es ohne den alles überragenden Tom weitergehen soll. Ich hatte das große Glück, die Allergrößten des Sports erleben zu dürfen. Michael Schumacher, Michael Jordan, Muhammad Ali, Tiger Woods, Ronaldo, Tom Brady, Messi, Kroos und Willy Wühlbeck, aber der Rücktritt von Tom Mickel übertrifft alles. Denn Mickel bedeutet für den Weltfußball mindestens das, was Ayrton Senna für die Formel 1 bedeutete, er veränderte den Sport an sich. Allein die Zahlen sprechen für sich, gegen Tom Mickel wirkt ein Luca Modric wie ein untalentierter Bettnässer. 11 Ligaspiele in 13 Jahren, welcher Arbeitnehmer im bezahlten Fußball schafft es bitte mit solchen Werten den Status einer Legende zu erreichen? Doch einer geht noch weiter…

Ein stiller Held nimmt Abschied („Schorle“ Münchhausen)

Herrgott, jetzt habe ich vor lauter Rührung fast vergessen zu atmen. Wer erinnert sich nicht an die zahllosen Heldentaten, z.B. als Super-Tom im Jahr 2019 im Zweitligaspiel gegen den MSV Duisburg (es war der letzte Saisonspiel und absolut bedeutungslos) einen Eckball gekonnt aus der Gefahrenzone faustete und anschließend von der Kurve gefeiert wurde wie Papst Leo bei der Krönungsmesse? Doch natürlich liefert uns der gepimperte Insolvenzblogger die Erklärung für den Legendenstatus eines untertalentierten Torhüters gleich mit.

 Ein verlässlicher Partner, gerade in den Trainingslagern. Ob beim Videotagebuch oder in spontanen Gesprächen – Tom war sich nie zu schade, hat mitgemacht, mitgedacht, mitgetragen.

Damit wären dann das Geheimnis gelöst, wie man es schafft, trotz sportlichen Unwichtigkeit von den Hofberichterstattern in den Status der Legende erhoben zu werden: Man ist ein verlässlicher Partner, ein getreuer Informant, eine Ohr am Puls der Mannschaft. Durch gekonnte Partnerschaft mit der ortsansässigen Abteilung Hofbericht hat es Mickel geschafft, zu einer Vereins-Ikone geschrieben zu werden, was als lobenswerten Nebeneffekt hatte, dass auch ständig eine Vertragsverlängerung dabei raussprang, denn welcher Sportdirektor wagt es schon, eine Legende vor die Tür zu setzen. Diese Nummer ist so erschreckend peinlich, selbst für KSV-Verhältnisse und man kann nur inständig hoffen, dass Atom-Tom, der eine gesamte Vereins-Ära prägte, zum Telefonhörer gegriffen und Münchhausen gefragt hat, wie er eine solche Scheiße veröffentlichen konnte.

Nur der Mickel