Es ist Spätsommer in St. Ellingen. Die Tage werden kürzer, die Hitzewelle ist vorbei und die Blätter beginnen sich dunkel zu verfärben. In New England nennt man diese Zeit „Indian Summer“, an der Müllverbrennungsanlage ist dies traditionell die Zeit, um Hoffnungen zu verbreiten, für positive Stimmungen zu sorgen, den Anhängern die Sorgen zu nehmen und freudig in die Zukunft zu blicken, kurz – es ist die Zeit für dümmlichste KSV-Propaganda. Die Transferperiode neigt sich dem Ende zu und selbstverständlich ist es den Verantwortlichen gelungen, wie in jedem Jahr die Creme de la Creme des Weltfußballs in den Volkspark zu locken, natürlich zu Spottpreisen und ebenso selbstverständlich ist es den hochbezahlten Herren gelungen, Vereinen wie Real Madrid, ManCity und Eintracht Riad eine lange Nase zu zeigen. Wie immer hängt der Hamburger Himmel voller Geigen, wie immer hat man den ultimativen Übungsleiter an der Außenlinie stehen und wie immer zerrt man irgendwelche abgehalfterten Schießbudenfiguren vor die Schreibblöcke, damit diese irgendein hoffnungsvolles Statement über den KSV absondern können. Ich nehme man an, das ist es, was die hüpfenden Trottel meinen, wenn sie von „Tradition“ reden. In diesem Jahr, dem Jahr 1 des Versuchs, Tasmania Berlins Rekord zu knacken, ist es aber doch irgendwie anders, denn die Versuche, Zuversicht zu verbreiten, wirken in diesem Jahr noch ein ein wenig lächerlicher als in den Jahren zuvor. Ein paar Beispiele, ergänzt mit einigen Kommentaren dazu.

 

Ex-Kapitän wechselt den Verein. Es ist die optimale Lösung – sowohl für Schonlau als auch für den HSV. Die Details des Transfers. Nach vier erfolgreichen Jahren in Hamburg wechselt der 31 Jahre alte Innenverteidiger in die US-amerikanische MLS (Kampagnenblatt)

Aber natürlich, mehr als optimal. Jeder Kapitän eines Zweitligisten freut sich ein zweites Loch in den Arsch, wenn er nach vier Jahren in der Liga der Maltafüße telefonisch rausgemobbt und anschließend in eine unterklassige Liga abgeschoben wird. Ich schätze, dass sich Fräulein Schönlauch vor Freude gar nicht mehr einkriegt, wenn er sieht, dass nun französische Teilzeitsöldner an seiner Stelle gegen Leverkusen, Bayern und Dortmund spielen dürfen, während er in Nordamerika Meilen sammelt. Meine Prognose: Es dauert ca. 5 Spieltage, bis die ersten Stimmen sagen werden: „Dann hätten wir auch Johann, das Gespenst behalten können, der hat wenigstens gekämpft“. Aber egal, optimal, diese Lösung. Es ist immer optimal, wenn man einem Spieler, der noch einen Vertrag für ein Jahr hat, mehrere Hundertausend Euro nachwirft, damit er sich verpisst. 

 

Die Chancen, dass es mehr als eine Saison Bundesliga wird, stehen gut. Im Tor gibt es Konkurrenzkampf auf höchstem Level zwischen Heuer Fernandes und Neuzugang Peretz. Dazu kommen gute Transfers in der wohl oft geforderten Abwehr (Gotscholeischwili, Omari). Vor allem aber steht Merlin, der Zauberer, an der Linie. Polzin ist als achtem Cheftrainer gelungen, was zuvor keiner geschafft hat. In der HSV-Doku wird der Weg nachgezeichnet, wie der Ex-Assistent das große Ziel erreicht. Glauben kann er auch dem neuen Kader einimpfen, trotz Rückschlägen in der Vorbereitung. (https://www.rnd.de/sport/warum-die-bundesliga-saison-fuer-den-hamburger-sv-ein-erfolg-wird-E4XRWF4IOBFCTFA7KSWPHT7GDY.html)

Aber natürlich. Der Kampf zwischen Feuer Hernandes und Bayerns Nr. 4 ist nur noch mit einem Battle zwischen Manuel Neuer und Donnarumma zu vergleichen, mehr Qualität geht ja gar nicht. Und selbstverständlich ist der warme Omari, der in der letzten Saison ganze sieben Liga-Minuten sammeln konnte, ein Top-Transfer, ebenso wie Philippe, Bimbo Romburg, Calpacchio, Turnbeutelbringer und Opa Foulsen. Die ultimative Hoffnung jedoch verbreitet der zaubernde Anzeigenhauptmeister Doofy Gilmore, der nicht nur den Kapitän via Smartphone rausgemobbt hat, sondern der dem zusammengewürfelten Flickenteppich auch noch ein System verordnet hat, das nicht funktionieren kann. Mehr Hoffnung geht kaum

 

Die Rekonvaleszenten machten etwas mehr als die Aufwärmübungen mit, danach ging es für Dompé, Pherai und Jatta auf den Nebenplatz für ein individuelles Programm mit Reha-Trainer Sebastian Capel. Poulsen machte dagegen zwei von sechs Spielformen „elf gegen elf“ mit und hinterließ dabei einen guten Eindruck. (Kampagnenblatt)

Aber natürlich, selbstverständlich hinterließ Käpt’n Reha einen Top-Eindruck, immerhin konnte er nach 8 Wochen ohne Spielbetrieb „etwas mehr als die Aufwärmübungen“ mitmachen, gepriesen sei Allah. Ich schätze, dass sich Harry Kane in München bereits jeden Abend in den Schlaf weint, denn die Torjäger-Kanone ist in diesem Jahr fest in St. Ellinger Hand, doppelschwör.

 

Farb-Kommandos, spezielle Trainingsshirts, Leadership-Gruppe – damit der HSV nach sieben Jahren in Liga 2 auch in der Bundesliga besteht, setzt Trainer Merlin Polzin (34) auf einen Rettungsplan inklusive Geheim-Sprache. (Bild)

Aber natürlich, wie geil ist das denn? An der Hamburger Bank steht demnächst ein Fahnenschwenker, die Zeit des „Hand-vor-den-Mund-halten“ ist vorbei, im Volkspark hat eine 32-Mann-starke Entwicklungsabteilung mit KI-Unterstützung an einer Geheimsprache gearbeitet. Absolut sinnvoll, wenn man bedenkt, dass 70% der Mannschaft kein Wort Deutsch sprechen. Allerdings soll es im Zuge dieser Innovation bereits zu Irritationen gekommen sein, denn der aussortierte Identitätsbescheißer Bacardi Daffeh (Ex-Kultfigur) soll mit der geheimen und verschlüsselten Message „Ene mene muh und raus bist du“ nichts anfangen  können und bittet um Übersetzung in Mandinka.

 

Der Deal ist dabei aus allen Perspektiven fair: Schonlau hat mit Vancouver einen attraktiven neuen Verein gefunden, unterschreibt dort einen längerfristigen Vertrag, wird sportlich noch einmal gefordert sein und finanziell keineswegs schlechter dastehen. Gleichzeitig erhält er vom HSV sogar noch eine kleine Abfindung – obwohl sein Vertrag ohnehin aufgelöst wurde. Auch das zeigt, dass man sich respektvoll trennt. (Speckschorle Münchhausen)

Aber natürlich, das ist Fairness und Respekt in Reinkultur. Anzeigenhauptmeister Doofy Gilmore via iPhone 12: „Pass auf, Johann, wir brauchen dich nicht mehr. Du bist alt, häßlich und langsam und wir wollen lieber noch mehr dunkle Franzosen, die das Doppelte von dir verdienen. Wenn du denkst, du könntest deinen Vertrag aussitzen, garantiere ich dir ein unschönes Jahr. Also sei schlau, nimm‘ die € 500.000 Abfindung, kauf dir ne neue Spiegelreflex und mach‘ in Kanada ein paar nette Elch-Fotos“. Jawoll, das ist St. Ellinger Respekt, dieser Verein steht für etwas. Und wenn es nur Scheiße ist.

 

 

Hach, all diese wunderbaren Blüten im Hamburger August. Wieder einmal empfinden sich Journalisten-Simulanten als Hoffnungsverbreiter und Überbringer von Jubelmeldungen, dabei war die eigentliche Aufgabe eines Journalisten ursprünglich einmal die Abbildung dessen, was tatsächlich passiert und nicht, was im besten Fall passieren könnte/sollte. Aber das lassen wir lieber, wir wollen schließlich „keine Unruhe in den Verein bringen“, gell!?