Warum der FC St. Pauli mittlerweile der bessere Hamburger Verein ist

Ich höre die dümmsten „Fans“ der Welt schon wieder durch meine Heimatstadt orken: „Die Nr. 1 der Stadt sind wir“ oder „Hamburg gehört uns“, dabei haben die Vollpfosten immer noch nicht realisiert, was in den letzten Jahren passiert ist – „ihr“ KSV wurde vom Stadtteilklub abgehängt und zwar leise, geräuschlos, ohne große Sprüche, durch Leistung. Während im Volkpark gelabert wird, wird an der Reeperbahn gearbeitet. Während St. Pauli Trends setzt (Hürzeler), rennt der KSV diesen Trends ständig hinterher und versucht verzweifelt zu kopieren, was woanders erfolgreich war (Doofy Gilmore). Während bei St. Pauli strategisch gedacht wird, agiert man bei der Müllverbrennungsanlage aktionistisch. Während man bei St. Pauli eín klares spielerisches Konzept erkennen kann, dödelt der Anzeigenhauptmeister mit einem Spielplan herum, den nicht einmal die eigenen Spieler begreifen. 

Die Transfers

Laut Transfermarkt.de hat die Mannschaft des Zweitligadinos einen um 20 Millionen Euro höheren Marktwert als die des FC St. Pauli (€ 68 Mio. vs € 48 Mio.), also müsste das anstehende Stadtderby doch eigentlich eine klare Sache sein, oder? Warum ist dann aber der Stadtteilverein bei so gut wie jedem der eigentliche Favorit für das Derby? Fujita, Oppie, Pyrka, Pereira Lage, Treu, Mets, Wahl, Sinani, Nemeth, Eggestein, Boukhalfa, Saad, Metcalfe, Saliakas, Smith, Medic, Hartel, Vasilj, Irvine, Pacarada, Burgstaller, Kyereh oder Leihen wie Hountondjl, Weishaupt, van der Heyden, Kemlein, Banks, Matanovic, Zalazar, Östigard, Gyökeres, Diarra, Möller Daehli – von solch einer Bilanz träumt man im Volkspark. Mehr als 50% der Spieler kamen ablösefrei, viele Leihspieler wurden zu echten Stars. Dabei arbeitet man nahezu kostendeckend, die Ausgaben überschreiten selten die Einnahmen, eben auch deshalb, weil man Spieler holt, die die Experten im Volkspark gar nicht kennen. St. Pauli holt Spieler von bestenfalls Mittelklasse-Vereinen, beim KSV ist der Name des abgebenden Vereins wichtiger als die Qualität des Akteurs.

 

Die Kommunikation

Beim KSV wird gewinselt, bei St. Pauli wird gearbeitet. Ich habe eigentlich noch nie gehört, dass man sich aus dem Stadtteil beschwert hat, dass man wieder einmal eklatant benachteiligt wurde, beim KSV gehört das zur Vereins-DNA. Auch hat St. Pauli bei weitem nicht die gekaufte Lobby bei der Abteilung Hofbericht, hier wird über die Dinge so berichtet, wie sie sind und nicht so, wie man sie als bezahlter Fanboy gern hätte. Bei St. Pauli spielt man gegen einen Champions League-Teilnehmer 3:3, freut sich kurz und geht anschließend direkt in den Analyse und erklärt, was alles nicht funktioniert hat und was man verbessern muss. Beim KSV ermauert man sich bei einer komplett indisponierten Borussia aus Mönchengladbach ein 0:0 und führt sich anschließend flächendeckend!!!! auf, als hätte man sich fürs Halbfinale der Europa League qualifiziert. Das Schlimme: Es betrifft absolut alle Ebenen. Vorstand, Trainer, Spieler – sobald man einen Vertrag beim KSV unterschrieben hat, muss man offenbar auch noch die Zusatzklausel „Ab sofort eine Riesenfresse aufreißen“ unterzeichnen. All das ist im Stadtteil weniger als Null gegeben, die Spieler fühlen sich nicht als Superstars und führen sich nicht wíe welche auf. Bei St. Pauli arbeitet ein Bornemann im Stillen und präsentiert Ergebnisse, im Volkspark wird mehr über die Medien kommuniziert, was man alles vorhat und an wem man dran ist, um dann am Ende mit leeren Händen dazustehen.

 

 

 

Das Spiel

Die Strategie beim FC St. Pauli war klar: Keine irren Transfers, keine finanziellen Stunts. Obwohl man den Erfolgstrainer vor der Bundesliga-Saison verlor, veränderte man die spielerische Ausrichtung. Massierte Defensive, Kompaktheit, Laufbereitschaft, Absicherung mit dem Ziel, sowenig Gegentreffer wie möglich zu kassieren. Der Plan mit einem ausgezeichneten (und zurückhaltenden) Trainer Blessin ging auf, man stellte die zweitbeste Defensive der Bundesliga, als Aufsteiger. Der nächste Step erfolgt jetzt. Defensiv weiterhin kompakt stehen, aber deutlich früher angreifen und mit deutlich mehr Tempo als zuvor schnell nach vorn spielen. Der KSV versucht nun, die erste Bundesliga-Saison des FC St. Pauli zu kopieren, findet aber bisher noch keinerlei Balance, auch deshalb nicht, weil man das gesamte Mannschaftsgefüge zerstörte und im Grunde eine nahezu komplett neue Mannschaft zusammenkaufte. 

 

Fazit: Alles das, was der KSV eigentlich machen müsste, macht St. Pauli und sie machen es geräuschlos, aktiv und erfolgreich. Während im Stadtteil die Leistung spricht, sprechen im Volkspark nur die Großfressen. Im Laufe der Zeit hat sich St. Pauli zum deutlich sympathischeren Hamburger Verein entwickelt und wenn ich als jemand, der 40 Jahren HSV-Fan war, sowas sage, sollte das eigentlich schmerzen. Sicher, mit der politischen Haltung und solchen Dingen wie diese Regenbogen-Solaranlage kann ich nicht wirklich viel anfangen, aber beim FC St. Pauli hat man den Eindruck, sie machen das, weil sie wirklich dran glauben. Beim KSV dagegen ist absolut alles auf den nächsten Effekt, auf die nächste PR-Geschichte ausgelegt und man veranstaltet die Nummern, weil man meint, dass sie gut ankommen. Insofern: ST. Pauli ist echt, der KSV ist Propaganda