Gestern bekam ich eine Whatsapp-Nachricht von einem Freund aus Hamburg, er meinte, ich sollte mir unbedingt die weltverändernde KSV-Dokumentation antun. Meine Antwort: „Eher gehe ich zum Zahnarzt und lasse mir alle Zähne ohne Betäubung ziehen. Außerdem muss ich mir den Mumpitz genauso wenig ansehen wie ich mir Spiele des KSV ansehen muss, ich weiß, was dort passiert. Aber wenn du magst, erzähl doch mal“. Und dann gings los, wobei ich einige der genannten Begriffe leicht verändere, der Sinn und Inhalt bleibt jedoch erhalten.

Guck es dir an, wenn du dich überwinden kannst und frage dich dann: Was ist eigentlich die Message? Was sollen sie mit diesem Machwerk eigentlich transportieren? Der KSV bekommt in dieser Dokumentation einen Hochglanz-Schliff und das für einen Verein, der auf altem, vergilbten Zeitungspapier gedruckt wird. Unglaubliche Bilder, höchste Qualität, Drohnenüberflüge, es wird das Gefühl vermittelt, man sei hautnah dabei, wie ein höchst professionell geführter Verein systematisch und strategisch die Rückkehr ins Fußball-Oberhaus plant. Das Ganze garniert mit Aussagen der Verantwortlichen, stets in staatsmännischem Ton vorgetragen, in denen die jeweilige Situation analysiert wird, jeder Vollpfosten-Versager aus Vorstand oder Aufsichtsrat bekommt die Möglichkeit, sich bestmöglich zu inszenieren. Problem ist nur – es spiegelt die Realität nicht im Ansatz wider. Ein Bilder-Feuerwerk, natürlich voller Emotionen. Es ist zum Totlachen, es ist ein einziger Scherz. Wie weit weg von der Realität muss man sein, wenn man über all die Jahre des Totalversagens auf ganzer Linie eine Hochglanz-Dokumentation erstellen lässt? Alter, das ist so Scheiße.

Meine Antwort darauf: Danke, aber muss ich mir nicht angucken, denn genau das habe ich erwartet. Warum sollte eine Jubel-Dokumentation auch anders sein als die Aussagen, Interviews, Statements etc. der letzten 10 Jahre? Im Grunde ist das Ganze doch nur die logische Folge aus Größenwahn, Realitätstverlust, Legendenbildung und Märchenstunde. Eine Dokumentation über den Hamburger Show Verein kann gar nichts anderes sein als eine Art Netflix-Doku über einen imaginären Sportverein, den es in der Realität gar nicht gibt. Darsteller spielen Aufsichtsräte, Vorstände, Trainer und Spieler und wenn eine Einstellung nicht zur Tonalität der Show passt, wird sie rausgeschnitten oder wiederholt. Man versucht einen Verein zu verkaufen, der nicht existent ist, der nie existent war, aber die Betonung liegt, wie mehrfach beschrieben, auf dem Begriff „verkaufen“. Würden auch nur 5% dessen, was in solchen Veröffentlichungen dargestellt, tatsächlich passieren oder passiert sein, wäre der KSV seit Jahren sicherer Teil der Bundesliga, würde Transfers tätigen wie Eintracht Frankfurt und würde sich mit Leipzig, Dortmund und Leverkusen um den Einzug in die Champions League streiten. Tun sie das? Nein, tun sie nicht, insofern kann man sich diesen Propaganda-Müll angucken, aber wenn man glaubt, dass das Gezeigte auch nur zu einem Bruchteil der Wahrheit entspricht, glaubt man auch, dass Bilbo Beutlin tatsächlich seinen 111. Geburtstag gefeiert hat. 

Da aber ein nicht geringer Anteil der Anhängerschaft tatsächlich glaubt, dass all das, was diese Dokumentation abbildet, der Realität entspricht, wird der Tatbestand der aktiven Täuschung und des Betrugs vollumfänglich erfüllt, man zeigt das Bild eines Vereins, den es nicht gibt. Im Volkspark lügt man sich nun schon seit so vielen Jahren in die eigene Tasche, warum hätte eine Dokumenation über den Verein anders sein sollen. Eine Frage ist allerdings interessant: Was hätte man mit dem Machwerk eigentlich angestellt, wenn man 2025 zum 7. Mal gescheitert wäre? Hätte man das Jubel-Epos um ein weiteres Jahr nach hinten verschoben und dann nochmal und dann nochmal? Oder hätte man vor dem Beginn der Zweitliga-Saison eine Doku gezeigt, die das ständige Versagen abbildet?

 

P.S. Die Stimmung beginnt zu kippen