Man kann es nicht nur spüren, man weiß genau, was kommen wird. Wochenlang sind Sekte und Hofberichterstatter verzweifelt bemüht, die katatrophale sportliche Situation mit einem von 15 möglichen Punkte zu relativieren. Es werden Durchhalteparolen publizert, Homestories veröffentlicht, angezählte Versager wie Doofy Gilmore starkgeschrieben und gelabert und vor allem wird eines nicht gemacht: Fehleranalyse betrieben, die Faktoren für die Situation erarbeitet und identifiziert, die Situation so eingeordnet, wie sie ist oder anders ausgedrückt – die Realität abgebildet. Dann erstolpert man sich gegen die B-Auswahl des VfB Stuttgart einen vollkommen unverdienten Sieg, weiß tatsächlich gar nicht, wie das passieren konnte und was dann kommt, ist so vorhersehbar wie die nächste Niederlagenserie. Die Volksparkruine explodierte. Vieira ist doch plötzlich der Königstransfer, Stolperjochen Balde verkündet, dass es kaum jemanden geben würde, der ihn aufhält und bla bla bla. Man spürte mit jeder Faser, dass sowohl Hohlhüpfer wie auch Fußballverkäufer auf diesen Moment gewartet haben, wie sehr sie die Daumen gedrückt haben, dass es (endlich) passiert, dass man (wieder einmal) die Situation vollkommen falsch einordnen und kollektiv am Rad drehen kann, denn niemand weiß, wann die nächste Gelegenheit zum kollektiven Ausrasten kommen wird, man muss die Feste feiern wie sie fallen.

Als mittlerweile alter weißer Mann kann ich über dieses Verhalten wahlweise lachen oder den Kopf schütteln, denn meine mittlerweile angehäufte Erfahrung sagt mir, was als Nächstes passiert. Der KSV wird es wie immer verkacken, wird wieder auf dem Arsch landen und das billige Spielchen beginnt von vorn. Als Mensch mit einem gewissen Erfahrungsschatz und einem gewissen Alter lässt mich das Verhalten selbst inzwischen kalt, was mich nicht kalt lässt, ist die Tatsache, dass man offenbar weder willens noch bereit ist, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen, im Gegenteil, man ergötzt sich daran, dieselben Fehler immer und immer wieder zu zelebrieren. Warum ist man nicht in der Lage, auch nur einmal die Dinge so zu erkennen, zu benennen und mit ihnen umzugehen, wie sie sind? Nun, die Antwort ist relativ einfach: Weil Normalität, weil Realität nicht verkauft und nur darum geht es. Kaum jemand ist bereit, für Presse-Erzeugnisse, die faktenbasiert, realitätsbezogen und politisch-neutral sind, Geld zu bezahlen oder anzuklicken, es ist die sensationskreischende Headline, die zieht. Die Fans und Anhänger gieren nach dem Spektakel, sie wollen Sensationen, sie wollen Blut sehen, aber keine faktenbasierte Analyse, die ihnen höchstwahrscheinlich die traurige Wahrheit erklärt. Dabei wäre nur und ausschließlich die Betrachtung und Analyse der Fakten der Ausgangspunkt für eine Trendwende, für den Beginn einer tatsächlichen Veränderung. 

Doch offenbar ist diese Veränderung oder sagen wir, Verbesserung, gar nicht gewünscht und notwendig ist sie erst Recht nicht, denn es lebt sich doch wunderbar in der Welt der Fiktion und vor allem verdient es sich scheinbar immer noch wunderbar genug. Ich bin inzwischen der Auffassung, dass jemand, der realitätsbezogen analysiert, der nüchtern und sensationsarm diesen Verein zu führen versucht, gar keine Chance mehr hätte, denn tatsächlich ist der Verkauf heutzutage deutlich wichtiger als der Erfolg. Dabei wäre doch der Erfolg die Basis für einen langfristig gesicherten Verkauf, aber auch Mittel- und Langfristigkeit ist nicht mehr angesagt, in diesen Zeiten ist nur noch wichtig, was heute und morgen passiert, die nächste Woche oder der nächste Monat spielt keine Rolle. Wie gesagt, als Mensch mit einer gewissen Erfahrung kann und will ich nicht verstehen, wie man nicht bereit sein kann, aus der (eigenen) Vergangenheit zu lernen und die dementsprechenden Schlüsse zu ziehen, denn nur so kann man sich entwickeln. Ich nenne mal ein anderes Beispiel, der Ukraine-Krieg. Aktuell sitzen (mal wieder) ukrainische und US-amerikanische Unterhändler zusammen und basteln am (ultimativen) Friedensplan. Am Ende wird man man ein Pamphlet entwickeln, welches Genosse Putin selbstverständlich ablehnen wird. Dann wird der gestörte orange Opa im Oval Office via Truth Social verkünden, wie enttäuscht er von Putin ist, wird mit weiteren Sanktionen drohen, mit weiteren Waffenlieferungen, dann wird Putin beim ihm anrufen. Daraufhin wird Donald Dump twittern, welch cooles Gespräch sie geführt haben und t.b.c. Jeder weiß, dass es so laufen wird, doch warum machen sie es dann überhaupt? Warum lernen sie nicht aus der Geschichte?

Wenn es so etwas wie einen (lieben) Gott geben würde, der den ganzen Mumpitz irgendwann einmal erfunden hat und dieser würde auf seiner Wolke sitzen, den dicken Mopsbauch massieren und auf sein Machwerk herabblicken, müsste er doch eigentlich denken: „Jetzt machen diese Idioten den gleichen Scheiß schon wieder, warum nur lernen sie nicht dazu? Was habe ich angerichtet?“ Zum Glück habe ich, wie bereits beschrieben, ein gewisses Alter erreicht und bin glücklicherweise in der Lage, über viele der alltäglichen Schwachsinnigkeiten zu lachen, weil ich genau weiß, was (in Zukunft) passieren wird, aber eines ist mir immer noch nicht geben: Ich kann und will nicht verstehen, wie man nicht bereit sein kann, aus seiner eigenen Vergangenheit, aus der Geschichte zu lernen.

 

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