Wie bekannt, lebe ich weit weg von alldem, mehrere 1.000 km entfernt von all dem Scheißdreck, dem Gaza, dem Iran, dem Washington, dem Berlin Neu-Kölln etc. Und dennoch kommt man selbst im australischen Busch nicht umher, Teile dieser (inzwischen) zutiefst kranken Welt zu registrieren. Klar, ich könnte mich ohne große Probleme komplett ausknipsen und sagen: „Geht mich alles nichts mehr an, schlachtet euch doch gegenseitig ab, ich gehe Koalas füttern (was nicht funktioniert)“, aber das wäre nicht ich, jedenfalls nicht zu großen Teilen. Etwas, was mich in diesen Tagen besonders anwidert, ist ein zunehmender Opportunismus, eine halb-elegante Gleichgültigkeit und eine Tendenz (besonders in Deutschland ausgeprägt), immer auf der richtigen Seite stehen zu wollen, das eigene Verhalten binnen Sekundenfrist anpassen zu können, die Pferde im Galopp wechseln zu können. Haltung existiert kaum noch, Haltung ist unbequem und anstrengend und das will sich kaum noch einer antun. Es scheint nur noch ein vorherschender Gedanken zu existieren: „Lohnt sich das für mich, was ist für mich dabei drin“.

Konkret möchte ich auf den Fall Ulmen/Fernandes zu sprechen kommen, weil für diese Geschichte scheinbar ähnliche Parameter gelten wie im Volkspark im Fall Kuntz. Ich muss die näheren Umstände dieser „Affäre“ nicht schildern, ich denke, jeder Mediennutzer Deutschlands weiß, worum es geht. Ich selbst habe absolut keine Ahnung, was genau dort passiert ist, was Christian Ulmen tatsächlich getan hat, warum seine eigene Frau angeblich 10 Jahre lang nichts davon wusste und es mag durchaus sein, dass vieles von dem, was gerade gespielt wird, den Tatsachen entspricht, aber darum geht es nicht. Es geht nicht um Ulmen oder Fernandes und es geht auch nicht um Kuntz, sondern es geht um diejenigen, die dann plötzlich in der Lage sind, eine Reaktion zu zeigen und diese Reaktion ist zu 99% Abscheu, Abkehr vom Beschuldigten, Solidarität mit dem Opfer. Nur!!! – warum erst jetzt? Warum erst dann, wenn es durch die vorverurteilende Presse geht? Wo waren all die Ulmen-Kumpels, die von dieser Geschichte seit Jahren wussten? Jetzt kriechen sie alle aus ihren Löchern, bekunden Beileid mit dem armen Opfer, welches mittlerweile zu Großdemonstrationen aufruft. 

 

 

 

Erst dann, wenn „man“ Gefahr läuft, selbst ein Teil dieser Geschichte werden zu können (durch Geschäftsbeziehungen, Freundschaft etc.) kommt der überlaute Aufschrei, aber warum? Warum hat niemand die arme Frau Fernandes bereits vor 3, 5 oder 8 Jahren vor dem Monster gewarnt? Ganz einfach, weil man nicht persönlich betroffen war und weil die Geschichte nicht medial aufbereitet wurde. Jetzt kann man sich natürlich als der deutsche Gutmensch etablieren, jetzt kann man zeigen, wie sehr man doch an der Seite des Opfers steht, wie schockiert man ist. Warum hat niemand beim DFB, beim FCK etx. über den (angeblich) übergriffigen Kuntz berichtet? Weil’s nicht in der BILD stand! Sorry, aber solche Menschen kotzen mich ebenso an wie das Republikanerpack in den USA, welches in dröhnender Lautstärke schweigt, während das orange Arschloch den Tod eines Vietnam-Veteranen und ehemaligen FBI-Direktors feiert. Am Tag nach Trumps Ableben (hoffentlich bald und hoffentlich unter Schmerzen) werden sie alle kommen und erklären, wie sehr sie doch versucht hatten, dem Diktator Einhalt zu gebieten, wollen wir wetten?

Und -natürlich, die hatte ja noch gefehlt. 

Ricarda Lang hat Bundeskanzler Friedrich Merz aufgefordert, sich im Fall Collien Fernandes und Christian Ulmen klar zu positionieren. „Ich würde mir wünschen, dass Friedrich Merz sich zu dem Fall Collien Fernandes äußert, denn er ist Bundeskanzler dieses Landes“, sagte die Bundestagsabgeordnete von Bündnis90/die Grünen zu RTL/ntv. „Und als Bundeskanzler trägt er auch Verantwortung dafür, ob wir in einem Land leben, in dem sich Frauen sicher fühlen können – egal, ob auf der Straße oder im Netz.“

 

Warum äußert sich nicht der Papst? Warum gibt es keine UN-Sondersitzung? Warum werden nicht alle Männer flächendeckend vom Internet ferngehalten bzw. sicherheitshalber kastriert? Ernsthaft, ich möchte auf keinen Fall verharmlosen, was Christian Ulmen hier angeblich!! getan hat. Wenn es bewiesen ist, gehört er hart bestraft. Aber daraus nun eine politische Bewegung machen zu wollen, einen Geschlechterkampf, eine Generalabrechnung mit der Spezies Mann, das wirkt auf mich so, als hätten dort diverse „Menschen“ nur auf diese eine Gelegenheit gewartet, um ihre persönlichen Befindlichkeiten rausrotzen zu können, um politische Statements setzen zu können etc. 

Ne, tut mir leid. Das ist nicht meine Welt.