Als ich heute morgen, wie immer extrem früh (weil ich im Winter auch extrem früh ins Bett gehe) auf mein Handy schaute, sah ich zwei Nachrichten von zwei Freunden aus Hamburg, beide aus meiner Altersgruppe. Beide waren tief erschüttert, ich bin sicher, dass Beide Tränen in den Augen hatten. Kevin Keegan ist verstorben und damit auch das Allerletzte, was mich noch irgendwie mit diesem Verein verband. Ich wusste, dass Kevin schwerkrank war, aber irgendwie ist es wie immer: Man glaubt und hofft, dass es irgendwie noch eine Lösung geben und ein gutes Ende nehmen kann, aber das tut es nicht. Mit Kevin Keegan ist, so pathetisch es vielleicht auch klingen mag, auch „mein“ HSV endgültig gestorben, denn dieser sogenannte Verein ist nicht mehr der Verein, den ich über 40 Jahre mit Leidenschaft, Begeisterung, Trauer, Wut und Hingabe verfolgt habe, diesen Verein gibt es nicht mehr, er ist Selbstoptimierern und Gewinnlern gewichen, die Selbstbereicherung vor sportlichen Erfolg stellen, die eine gute Schlagzeile einem Sieg vorziehen würden. Kevin Keegan war nicht nur „mein“ HSV, Kevin Keegan war im Grunde die Gründung des HSV, der den deutschen Fußball in den späten 70ern und den 80ern prägte, beherrschte und durch Zeiten führte, von denen die sedierten rosa Hüpfer nur noch träumen können und die nicht wiederkommen werden

Das Verrückte war – jeder in meiner Mannschaft wollte wie Kevin Keegan sein. Egal, ob baumlanger Innenverteidiger oder flinker Linksaußen, jeder wollte sein wie er. 

Es war im Sommer 1977, ich war 12 Jahre alt. Mein Vater, Zeit seines Lebens HSV-Fan, hatte gehört, dass sein Verein einen Spieler aus England verpflichtet hatte und dieser neue Spieler wurde von der Firma British Leyland in Hamburg vorgestellt bzw. wollte am nächsten Samstag eine Autogrammstunde geben. Umgerechnet € 600.000 bezahlte der HSV damals an den FC Liverpool, das muss man sich heute einmal vorstellen, ein Spieler vom LFC wechselt zum HSV, heute absolut undenkbar. Natürlich bettelte ich meinen Vater an, mich nach Wandsbek in die Rantzaustraße zu fahren, denn dort sollte das Event stattfinden. Als wir in Wandsbek ankamen, herrschte dort bereits das blanke Chaos, Tausende waren angereist, um den neuen HSV-Star (und im Gegensatz zu den heutigen Stolperjochen war Kevin Keegan ein HSV-STAR) zu sehen. Egal, ich stellte mich an, bekam nach Stunden ein großes Poster von Keegan in die Hand gedrückt und irgendwann stand ich dann vor dem Tisch, an dem ein kleiner, schüchtern lächelnder Mann mit einer lustigen Frisur saß. Ich lege mein Poster auf den Tisch, Keegan schrieb „All the best, Kevin Keegan“ drauf und ich bedankte mich, denn ich gehöre noch zu einer Generation, die gelernt hat, sich zu bedanken. Kevin schaute auf, lächelte mich an und sagte auch Deutsch!!: „Vielen Dank“. Dieses Poster hing viele Jahre an der Tür meines Kinderzimmers.

Kevin Keegan stand für etwas, was es im heutigen, von FIFA und Trump verseuchtem Fußball nicht mehr gibt. Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Ehre, Fußball spielen, um Fußball zu spielen. Nicht, um Geld zu verdienen oder Follower auf Instagram zu zählen. Großartig zu siegen und ehrenvoll zu verlieren.  

Ich war vorher Fußballfan, ich spielte für den Meiendorfer SV, jeden Samstag auf dem Grandacker am Deepenhorn (ich habe heute noch Steine davon im Knie), aber nach dieser Begegnung war ich HSV-Fan, erst recht, nachdem ich gesehen hatte, wie Keegan das Spiel des HSV veränderte. So etwas wie „Kräfte sparen“ oder „Belastungssteuerung“ kannte der kleine Mann aus Armthorpe nicht, er rannte in einem Spiel mehr als ein Ahmed Foulsen in seiner gesamten ersten Saison für Kühnes Sport Verein. Aber er rannte nicht nur, er spielte auch besser Fußball und bei all dem blieb er immer Kevin, niemals Mr. Keegan. Sein ehemaliger Mitspieler Holger Hieronymus schrieb mir: „Kevs Tod macht mich traurig und stolz. Stolz, weil ich diesen sportlichen und menschlichen SUPERSTAR ein ganzes Jahr „leben“ durfte“

Ich habe leider keine Ahnung, was aus dem Poster geworden ist, aber würde ich es im Haus meiner Eltern wiederfinden, ich würde es heute wieder aufhängen. 

Cheers, Mighty Mouse. Und Danke für alles.