Wer die Überschrift gelesen hat, wird binnen 1888 Millisekunden bemerkt haben, dass mit dieser Selbstbeschreibung der Blog HSV-Arena nicht gemeint sein kann, vielmehr handelt es sich um die mehr als lächerliche Erklärung unter der Überschrift „Über uns“ aus Münchhausens Insolvenzblog. Kein Gag, der feiste Speckschorle meint tatsächlich, er sei unabhängig und kritisch und er sei nicht im Besitz einer Vereinsbrille – der Treppenwitz des Jahres. Aber gucken wir uns den aktuellen Bolg, also das unkritische und unabhängige Machwerk vor dem ersten Heimspiel der neuen Saison doch einfach mal im Detail an, okay?

Sonntag, 15:30 Uhr. Ausverkaufter Volkspark. Erstes Heimspiel der neuen Bundesliga-Saison. Eigentlich braucht es gar nicht viel mehr, um zu erklären, warum die Vorfreude auf dieses Spiel gegen Mainz 05 riesig sein darf. Und trotzdem fühlt sich dieser Saisonstart für mich noch einmal etwas anders an. Denn ich gehe mit einem verdammt guten Gefühl in diese Spielzeit 2026/27.

So wie ich, denn auch ich gehe immer mit einer extremen Vorfreude ins erste Heimspiel der Saison, wenn „mein“ Team das Auftaktspiel sang-, klang- und chancenlos verkackt hat. Aber das Spiel in Dortmund hat die gesamte Abteilung, zu der eben auch der fette Insolvenzblogger gehört, einfach mal ausgeblendet, als hätte es nie stattgefunden.

Sondern weil ich den Eindruck habe, dass dieser Verein in diesem Sommer sehr vieles genau so gemacht hat, wie man es sich seit Jahren gewünscht hat: gezielt, wirtschaftlich nachvollziehbar, mit Entwicklungspotenzial – und trotzdem mit sofortiger Qualität.

Was von den Eindrücken des Schmierlappens zu halten ist, sollte inzwischen hinlänglich bekannt sein, aber wie genau kommt der Vogel eigentlich auf „sofortige Qualität“, wenn doch noch keiner der Atom-Raketen auch nur eine Minute gespielt hat? Naja, bis auf die Knaller Bournout (komplett überfordert), Paris Dakar (der nicht weiß, wo das Tor steht), Müffi (ohne jeden Impact), Nadir (gegen den eine Schnecke Carl Lewis genannt werden sollte). Und auch Weltkicker Alphons Grönkohl war in Dortmund nicht zu sehen. Woher jetzt also die „sofortige Qualität“?

Und an dieser Stelle muss man auch mal jemanden loben, den wir im vergangenen Jahr noch deutlich kritisiert haben: Klaus Kroster. Was der HSV in dieser Transferperiode auf die Beine gestellt hat, verdient Anerkennung.

Aber unbedingt. Denn wer einfach mal mehr als € 30 Millionen, die man nicht hat, für Wundertüten verpulvert, der muss ein Genie sein. Und dann noch diese irren Verkäufe. Glatzel (€ 1,7 Mio.), Poreba (€ 1,6 Mio.), Königstiger (ablösefrei), Dompteur (ablösefrei mit Abfindung), Michelbierschiss (ablösefrei), Tahiti (ablösefrei mit Abfindung), Hermann (Leihe), Elfadli (Leihe), Knatterbach (Leihe), Sumohorror (Leihe), Philippe (Leihe). Dazu kommen die € 7 Mio. für Auswechselspieler Baldè, die außerhalb Hamburgs eh keine Sau glaubt. Ehrlich, was Blech-Auge Klaus Kroster in dieser Transferperiode geleistet hat, das lässt selbst Dukaten-Düdü Beiersdorfer vor Neid erblassen.

Ja, da steht zunächst einmal ein kalkuliertes Transferminus von rund 20 Millionen Euro. Das klingt viel. Und es ist viel. Aber diese Zahl allein erzählt eben nur die halbe Geschichte. Denn auf der anderen Seite stehen Spielerwerte. Und wenn die Entwicklung auch nur halbwegs so verläuft, wie man es sich beim HSV erhofft, dann dürften einige der Neuzugänge ihren aktuellen Einkaufswert relativ schnell deutlich übersteigen.

Nichts davon ist kalkuliert, es sind Wetten auf Wundertüten, also exakt das, was der KSV schon immer gemacht hat und womit er ständig auf den Arsch gefallen ist. Welche Neuzugänge werden „ihren aktuellen Einkaufswert relativ schnell übersteigen“, du Idiot? Grönkohl, den Rennes unbedingt loswerden wollte? Dakar, der aus der zweiten englischen Liga abgestiegen ist? Vieiria, den Arsenal nach Hamburg verramscht hat, weil ihn keiner wollte? Müffi? Adelheit? Soll das ein beschissener neuer Witz sein? Halt nein, es ist ein beschissener bekannter Volksparkwitz, denn es ist der gleiche Witz, den man schon über Spieler wie Philippe, Dompteur, Michelbierschiss, Elfadli, Knatterbach, Sumohorror, Rössler-Lilifee, Omari, Bambi Lumumba, Remberg, Capaldo, Hefti(g) und gefühlten 300.000 anderen KSV-Spieler erzählte. Von all diesen Spieler wurde bei ihrer Verpflichtung gemutmaßt, dass man sie mit unfassbarem Gewinn weiterverkaufen würde, aber Fakt ist, dass der KSV nicht einmal WM-Fahrer Muh Miroheim an den Mann bringen konnte. Fakten, du Hackfresse!

Genau darin liegt für mich der entscheidende Unterschied zu früheren HSV-Zeiten. Damals wurden teilweise hohe Summen für Spieler ausgegeben, die unmittelbar funktionieren mussten. Jeder Transfer brachte automatisch Erwartungsdruck mit sich. Jeder Neuzugang musste aufgrund seiner Ablöse sofort liefern.

Ach, und das ist jetzt anders? Wenn man für mehr als € 30 Mio. neue Maltafüße holt (von den Gehältern wollen wir gar nicht erst anfangen), dann müssen diese nicht funktionieren? Oder sollte dies ein dezenter Hinweis auf das Verhalten der gestörten Liebessekte sein, die von Abteilung Hofbericht sediert absolut jede Scheiße bejubeln werden? Dann stimmt das natürlich, denn einen Leistungsdruck gibt es in St. Ellingen seit Jahren genausowenig wie ein Leistungsprinzip.

Was diese Entwicklung für mich zusätzlich spannend macht: Es kommen wieder junge Spieler nach. Natürlich weiß heute niemand, welcher dieser Jungs am Ende tatsächlich den dauerhaften Sprung in die Bundesliga schafft. Aber genau dafür muss man ihnen überhaupt erst einmal die Möglichkeit geben. Und einen Spieler nehme ich dabei inzwischen ausdrücklich aus jeder vorsichtigen Prognose heraus: Robert Lemke. Für mich hat Lemke inzwischen mehr als einmal gezeigt, dass er nicht einfach nur „ein Talent“ ist. Der Junge kann dem HSV helfen. Jetzt. Nicht irgendwann.

Und weil Robert Lemke dem KSV sofort weiterhelfen kann, werden ihm gleich zwei etablierte Spieler vor die Nase gesetzt, sodass er am Ende der Saison wahrscheinlich auf ähnliche Einsatzminuten kommen wird wie Baldè in der letzten Saison. Keiner der Herren aus dem NWLZ wird in dieser Saison den Sprung in die Startelf schaffen, es sein denn, der halbe Kader bricht sich den Arsch, hör doch einfach mal auf, Scheiße zu erzählen.

Und damit bin ich automatisch beim Trainerteam. Auch hier bin ich weiterhin überzeugt davon, dass der HSV einen sehr guten Weg eingeschlagen hat. Merlin Polzin ist kein Trainer, der sich über seine Mannschaft stellt. Er arbeitet mit ihr. Auf Augenhöhe. Und vor allem habe ich bei ihm weiterhin den Eindruck, dass er bereit ist, seine eigenen Überzeugungen zu hinterfragen. Das halte ich für eine riesige Stärke.

Genau meine Meinung, deshalb lässt Doofy Gilmore auch mit Dreierkette spielen und hat bis vor Kurzem auf den blinden Stolperjochen Daffeh gesetzt. Weil er bereit ist, seine eigenen Überzeugungen zu hinterfragen. Und ein Trainer, der in Dortmund beim Stand von 0:2 einen Philippe in der 89. Minute für Lemke bringt, der hat das Zeug zum Bundestrainer. Doofy Gilmore hat genau zwei Stärken: Er sieht aus wie eine speckbackige Witzfigur und er schafft es, während seines selbstgerechten Sprechdurchfalls mindestens 7 Mal das Wort „maximal“ in 4,6 Minuten einzubauen.

Vielleicht ist das aktuell das Schönste an diesem HSV. Man muss keine völlig verrückten Erwartungen formulieren, um sich auf diese Saison zu freuen. Der Kader ist besser geworden, die Mannschaft ist breiter geworden, es gibt junge Spieler, die Druck machen, und es gibt einen Trainer, der sich selbst und seine Mannschaft weiterentwickeln will.

Dazu noch das Traumwetter in Hamburg, das beste Stadion der Welt, die sauberste Luft und den schönsten Bürgermeister. Ich schätze mal, wegen dieser neutralen Sichtweite nennt man sich selbst „unabhängig, aber kritisch“. Aber klar, wenn schon keine Euphorie vorhanden ist, muss man zumindest versuchen, sie herbeizulabern. Immerhin wird man dafür bezahlt.