2019 – das Jahr der Entscheidungen

Liebe Leser,

wer immer noch glaubt, dass der Abstieg aus der Bundesliga im Jahr 2018 ein Zufall war, der glaubt auch, dass ein Wiederaufstieg in diesem Jahr eine Selbstverständlichkeit wäre und mit ihm alle Probleme des Vereins gelöst sind. Spätestens das erste Spiel der Rückrunde gegen Holstein Kiel sollte gezeigt haben, dass hier mal überhaupt nichts sicher ist und jeder, der nicht in der Lage ist, die Punkteausbeute und die Tordifferenz in einen Zusammenhang zu bringen, sollte dringend aufwachen. 37 Punkt bei gerade einmal 25 geschossenen Toren, das ist verrückt. Es zeigt aber eben auch, dass die durchschnittliche Qualität in der zweiten Liga weit mehr als eine Klasse schlechter ist als die in der Bundesliga. Wer das nicht glaubt, sollte sich den Gefallen tun und nur einmal die Bundesliga-Konferenz auf Sky gucken.

Das aber will man im Reich der Hüpfer nicht hören, hier ist man der Meinung, der HSV könnte mit zwei oder drei Nachbesserungen in der ersten Liga bestehen. Könnte er nicht. Zumal nicht mal im Ansatz geklärt ist, wie sich der Verein in der Sommerpause überhaupt auch nur eine Verstärkung leisten kann. Immer und immer wieder liest man das Argument, „Hoffmann wird schon etwas einfallen“ aber was sollte das denn bitte sein? Weitere Verkäufe von Anteilen sollen laut Antrag des SC unterbunden werden und die Kassen sind nicht leer, die Kontostände befinden sich maximal im Minus. Stand heute müsste der Verein nach Ende der Saison nicht nur die geliehenen Spieler Mangala, Hwang und Lacroix wieder abgeben, er müsste auch die letzten verbliebenen „Leistungsträger“ wie Pollersbeck, Douglas Santos und Arp (ja, ich weiß) zu Geld machen. Angesichts der selbstauferlegten Gehaltsobergrenze von maximal € 2 Mio. in der Bundesliga sind auch Vertragsverlängerungen für Spieler wie Lasogga und Holtby illusorisch und was dann noch bleibt, kann sich jeder selbst ausrechnen.

Aber all diese FAKTEN werden ganz locker mit dem Argument „Hoffmann wird schon was einfallen“ beiseite gewischt, nur wenn man fragt, was Hoffmann denn einfallen könnte, kommt nichts mehr. Als bekennender rosa Hüpfer muss man anscheinend nach wie vor in einer Parallelwelt leben, aus der man beständig mit einem Knall aufwacht, aber dennoch nicht dazu lernt.

Trotzdem: Der sofortige Wiederaufstieg ist ohne echte Alternative, denn schafft man es in dieser Saison nicht, ist man im Unterhaus gestrandet. Einen erneuten Etat von knapp € 35 Mio. wird es nicht geben, man würde sich in Zukunft auf einem Niveau wie ein durchschnittlicher Zweitliga-Verein wiederfinden und mit Durchschnitt steigt man nicht auf. Ein zweites Jahr 2. Liga würde sich eben auch in anderen Bereichen auswirken, denn Sponsoren, Logen-Mieter und Zuschauer ertragen vielleicht ein Jahr fiesen Fußball, ein zweites Jahr nicht. Doch dies ist nur die sportliche Seite der Medaille, die andere Seite ist die Vereins-interne Seite. Am 19.01.2019 wird der neue Präsident des HSV e.V. gewählt und so richtig stellt sich scheinbar niemand die Frage, warum sich bei der letzten Wahl lediglich zwei Gestalten (Hoffmann und Meier) für das Ehrenamt begeistern konnten, während diesmal eine ganze Reihe von Bewerbern dem Beirat die Bude ein rannten. Soviel Spaß an unentgeltlicher Arbeit für Dartsspieler, Beachvolleyballer und Curling-Artisten? Sicher nicht, denn in seiner unnachahmlichen Art hat uns Bernd Hoffmann bewiesen, wie schnell man aus dem Nichts nicht nur wieder am großen Rad mitdrehen kann, man kann auch innerhalb weniger Monate vom erfolglosen Spielerberater zum gut bezahlten Vorstandsvorsitzenden werden, wenn man den Verein nur gut genug kennt.

Hoffmann hat in seinen ersten Monaten als Boss des Vereins einige Sachen durchaus richtig gemacht (Peters, Titz, Wolf), aber dies alles wird eben auch nur deshalb so überaus positiv gesehen, weil die Tabellensituation mitspielt. Zwei Siege weniger (und das wäre absolut möglich gewesen) und in Hamburg würde der Baum brennen. Die jubelnden Hofberichterstatter würden deutlicher die Frage nach der Notwendigkeit der Titz-Entlassung stellen, würden fragen, ob die 254. Abfindung oder Lohnfortzahlung denn nötig war. Hoffmann weiß das alles nur zu gut und deshalb gilt es genau jetzt, die Macht zu zementieren. Gelingen könnte dies natürlich mit einem e.V. Präsidenten, der in seiner Funktion als Aufsichtsrat und Mehrheits-Anteilseigner nicht fragt und kontrolliert, sondern uneingeschränkt kooperiert. Für die Hoffmann-Fans wäre dies die Erfüllung ihrer Träume, für den HSV wäre es fatal.

Ich wage an dieser Stelle einmal zwei (gewagte) Vergleiche.

Zuerst einmal ein Blick in die jüngere Vergangenheit des Vereins. Wir hatten bereits die Situation, in der ein Vorstand unkontrolliert fuhrwerken, dealen, sich bereichern und nach Lust und Laune versagen konnte, oder? Für die aktuelle Situation des Vereins sind insbesondere die Herren Beiersdorfer, Kühne und Struth verantwortlich, in zweiter Linie jedoch eben auch der alte Aufsichtsrat, der nicht kontrollierte und Fragen stellte, sondern lediglich durchwinken wollte. Die Herren Gernandt, Bönte, Becken, Goedhart etc. haben sich maximal mitschuldig gemacht und sind dann (bis auf einen) durch die Hintertür verschwunden, ohne Verantwortung zu übernehmen. Installiert man erneut einen Aufsichtsrat (und e.V. Präsidenten), der nur nicht anecken möchte, wird sich das Schicksal zwangsläufig wiederholen. Warum stellt eigentlich niemand die Frage : „Was qualifiziert Marcel Jansen eigentlich für die Aufgabe im Gesamtverein“? Ganz einfach, weil sie kaum einen interessiert. Man möchte einen Ja-Sager und Hoffmann-Kumpel an einer Schaltstelle sitzen sehen, dann wird alles gut. Hatte man nicht das Gleiche von Gernandt gedacht?

Ein zweiter Blick führt uns über den Atlantik in die USA. Dort reißt ein minderbemittelter Rassist gerade alles ein, was über Jahrzehnte aufgebaut wurde. Warum? Weil er es kann. Die Republikaner hatten in den letzten zwei Jahren die Mehrheit in beiden Kammern (Senat und Repräsentantenhaus), was dazu führt, dass Trump eines nicht wurde: Kontrolliert. Eine Diktatur wird eben nicht dadurch besser, dass man den Diktator gerade mal cool findet, denn er bleibt ein Alleinherrscher und das noch nie zu etwas Positivem geführt.

Die Rolle des Beirats, der aus welchen Gründen auch immer drei Kandidaten ausgewählt hat, die Auswahlkriterien nicht preisgeben und die abgelehnten Bewerber nicht über die Gründe der Ablehnung informiert hat, ist im Übrigen ohne Worte und allein der Umstand, dass diese Posse nicht sanktioniert wurde, sagt vieles über den Zustand des Gremiums und des Vereins aus.

Anyway, ist wird ein spannendes und richtungsweisendes Jahr für den HSV. Der Aufstieg ist keinesfalls gesichert, die Finanzen befinden sich mittelfristig in einem desaströsen Zustand und man ist dabei, alte Fehler zu wiederholen und einen Alleinherrscher zu installieren. Aus persönlicher Erfahrung kann ich schildern, wie der Mann tickt. Während der Beiersdorfer-Zeit bat Hoffmann mehrfach um ein persönliches Gespräch, um seinem Gesprächspartner Honig um den Bart zu schmieren. Ich zitiere aus einer Facebook-Unterhaltung:

Der Leiter der Sportredaktion einer großen deutschen Wochenpublikation sagte mir gerade, dass deine Blogs das Beste sei, das im deutschen Sportjournalismus aktuell zu lesen sei… Wollte ich nur mal so weitergeben. Gruß

Eine weitere Aussage lautete: „Sollte ich jemals wieder bei diesem Verein etwas zu sagen haben, soll es eurer Schaden (wir waren zu Dritt) nicht sein“.

Seit dem 27.05.2018 ist Bernd Hoffmann wieder Vorstandsvorsitzender des HSV, ich habe seither nie wieder etwas von ihm gehört. Soviel zum Thema Zuverlässigkeit und Kontrolle.

Um es deutlich zu machen – es geht nicht darum, pro oder Kontra Hoffmann, Hunke, Hartmann oder Jansen zu denken, es geht darum, in diesem für den Verein alles entscheidenden Moment das Richtige zu tun und nicht das Einfache oder Populäre. Das hat man 2014 schon mal gemacht und das Resultat sieht man heute. Es geht um Kontrolle und Miteinander und nicht darum, dass wieder einmal Einzelne das für sich Beste rausholen. Es geht um Transparenz, damit die Fehler der Vergangenheit endlich der Vergangenheit angehören. Deshalb werde ich mich, wie bei der Wahl Hoffmann vs Meier, erneut von einer Art Wahlempfehlung fernhalten. Ich möchte nur jeden Wahlberechtigten dringend auffordern, sich genau zu überlegen, wem er warum seine Stimme gibt. Nur zu Masse der Siegesjubler gehören zu wollen war noch nie der richtige Grund.

 

Von | 2019-01-02T07:29:06+01:00 2. Januar 2019|Allgemein|13 Kommentare

13 Comments

  1. Volli 2. Januar 2019 um 11:59 Uhr

    Naja, du hast in jedem Fall schon mal eine nicht Wahl Empfehlung gegeben. Aber was spricht für Hartmann oder Hunke als e.V. Präsident? Was den Beirat, bei der Auswahl geritten hat, kann ich nicht nachvollziehen. Aber neutrale Kandidaten standen wohl nicht bereit. Mit Demokratie hat der ganze Spaß nicht allzu viel zu tun.

    • Gravesen 2. Januar 2019 um 12:04 Uhr

      Hartmann hat zumindest schon in anderer Funktion für den e.V. gearbeitet und Hunke würde Hoffmann auf die Finger gucken

      • Volli 2. Januar 2019 um 12:19 Uhr

        Bei Hunke wäre ich mir allerdings nicht sicher, ob es bei dem auf die Finger gucken bleibt 😉

        • Gravesen 2. Januar 2019 um 12:24 Uhr

          Das solltest du erklären und am besten beweisen, sollte es zu Verdächtigungen kommen.

          • Volli 2. Januar 2019 um 13:46 Uhr

            Das die Beiden nicht gut miteinander können, ist doch wohl ein offenes Geheimnis. Wie gesagt, ich halte keinen der drei für geeignet. Aber das ist nur meine Meinung.

  2. Gravesen 2. Januar 2019 um 12:03 Uhr

    Ach ja,. total falsch? Wo haben sie dich Klugscheißer denn rausgelassen?

  3. Peter 2. Januar 2019 um 13:25 Uhr

    Verdrängung ist keine Lösung. Die dunkelsten Kapitel der „Vereins“geschichte müssen auf- und verarbeitet werden. Ein Fan bist du sicherlich nicht wenn dir diese Thematik nicht wichtig ist.

    DAZKE! ! !

  4. hessenadler1899 2. Januar 2019 um 13:32 Uhr

    Hallo Gravesen, wäre eine Planinsolvenz eine Lösung ?

    Ähnlich wie beim VfR Aalen ???

    Einen Punkteabzug von neun Punkten sollten doch zu kompenzieren sein.

    So wäre zumindest ein Verbleib in der 2. ten Lige gesichert, um auf der anderen Seite Schuldenfrei zu sein !

    Leistungsträger wie Mangala oder Santos sind eh nach dieser Spielzeit weg !!!

    Gruß

  5. UngebetenerGast 2. Januar 2019 um 14:00 Uhr

    Findet man eigentlich die „qualifizierte Bewerbung“ der drei Kandidaten irgendwo im Netz oder auf der offiziellen Seite des HSV/der Seite des Beirats?!

    Oder anders gefragt: Wie bildet man sich als unwissender eine „objekive“ Meinung zu den drei Kandidaten? (Ok, vermutlich ist es beabsichtigt, dass genau das nicht passiert und man wieder „Wahlkampf nach Grabenzugehörigkeit“ macht.)

  6. Mullemaus 2. Januar 2019 um 16:02 Uhr

    Der HSV steckt in einem Dilemma.

    Der Aufstieg ist alternativlos. Ein zweites Jahr zweite Liga wäre keine Konsolidierung, sondern ein weiterer Schritt im schleichenden Verfall.

    Sollte der Aufstieg gelingen, besteht größer Bedarf an bundesligatauglichen Spielern, die der HSV aktuell kaum hat. Hier sehe ich eigentlich nur Pollersbeck, Santos, Mangala und mit Abstrichen bzw. Entwicklungspotenzial Narey, van Drongelen, hoffentlich Arp und Hwang. Wer von den genannten nächstes Jahr noch beim HSV ist, steht in den Sternen.

    Sollte man nach einem Jahr wieder direkt absteigen, wäre dies sogar noch schlimmer als der erste Abstieg.
    Wenn Martin Kind anmerkt, dass nichts so teuer wie ein Abstieg ist, hat er wohl recht.

  7. VSabi 2. Januar 2019 um 17:41 Uhr

    Ich vermute einmal, sollten die zwei, drei Mitbewerber für den Aufstieg nicht in der jetzigen Tranferphase Personell aufstocken, wird der HSV mit seinem Fussball-Glück den Aufstieg schaffen.
    Das Problem, in der ersten Liga zu überleben, ist nur vertagt. Mit diesem Spielerpotential ist nichts zu gewinnen in der 1. Liga zumal die aktuellen Leistungsträger wahrscheinlich ( Leihspieler sowieso ) den Verein verlassen. Weniger begabte Spieler wie Hunth und Sakai, welche massgeblich zum Abstieg beigetragen haben, dreschen nur Leerhülsen, wenn sie den Verein helfen wollen, ihn zum Aufstieg zu führen. Grossverdiener wie Lasogga und Dauerläufer Holtby sollten keine Vertragsverlängerungen erhalten. Torschützen wie Lasogga ( nur wendiger, schneller ) gibt es in der 1. Und 2. Liga zur Genüge, man muss nur den Markt im Auge haben! Leider kommen Luschen wie Wood zurück und belasten das Budget.
    Die Vermutung liegt nahe nach dem Ruf zum Gönner. Wer Kühne als Gönner sieht, glaubt auch an den Weihnachtsmann . Dieser Mann hat nur ein Ziel, seinen eigenen Vorteil !
    Warten wir die MV in wenigen Tagen ab, dann ist Hoffmann gefordert. Mit seinem Finanzjongleur Wettstein wird er nicht weit kommen, denn alle Schlupflöcher sind ausgereizt. Die Rüchzahlung der Fananleihe soll ja schon durch eine neue ersetzt werden.

  8. Mullemaus 2. Januar 2019 um 18:39 Uhr

    Die zweite Liga ist immer weiter ins Hintertreffen geraten.
    Die Gründe sind vielschichtig. Einmal wurde das TV Geld unfairer verteilt und die Kader der Erstligisten sind größer geworden. Alles was in der zweiten Liga halbwegs kicken, wechselt sofort den Verein und meistens damit auch die Liga.
    Ich erinnere mich, dass es früher recht ansehnliche Montagsspiele gab. Auch erinnere ich mich, dass die Relegationsduelle früher spannender und offener waren. Heute, so glaube ich, würde kein Zweitligist mehr aufsteigen, wenn man die Relegation auf alle 3 Plätze verteilen würde. Naja, kaum Aufsteiger.
    In den letzten Jahren gibt es einen Trend zu weniger Wettkampf- national wie international. Schade.

  9. Fritz 2. Januar 2019 um 19:16 Uhr

    Geau das ist der Punkt – wem sollte ich warum meine Stimme geben?

    Hunke, klar, den würden viele der Anti-Hoffmann Fraktion gerne wieder am Ruder sehen, aber ich denke, er wird es nicht werden (vielleicht ist da aber auch mehr der Wunsch der Vater des Gedankens).
    Dr. Hartmann, das liest sich für mich wie Müllermeierschmitt. Wer ist das, warum will er Präsident werden, was will er für den HSV? Marcell Jansen? Schon vom Alter her irgendwie nicht wirklich das, was man sich landläufig so als Präsident vorstellt. Warum also soll bzw. will er gewählt werden?

    Was bringt der einzelne Kanidiat unserem HSV? Wer ist willens und in der Lage sowohl den Gesamtkomplex HSV im Auge zu haben als auch das Treiben der AG kritisch und auf Augenhöhe zu begleiten?

    Da hätte ich mir schon viel früher klare Aussagen der Protagonisten gewünscht. Aber auch der Beirat gibt mit diesem mehr als fragwürdigen, intransparenten Zulassungsprozedere ein unsägliches Bild ab. Das ganze Konstrukt ist doch denkbar ungeeignet. Kann man sich eigentlich gar nicht ausdenken sowas.

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