„Der hat die Raute im Herzen. Aber sowas von…“

Liebe Leser,

wer kennt das nicht? Da gibt es auf der einen Seite Menschen, die sind durchaus in der Lage, ein Spiel oder eine Situation so zu bewerten, wie es/sie ist. Einigermaßen neutral, objektiv, ohne rosa Vereinsbrille. Diese Menschen können zugeben, wenn die Mannschaft Käse zusammengespielt hat, die können erkennen, dass eine Vereinsführung gescheitert ist. Und dann gibt es die Anderen. Für diese Fans ist das kickende Personal immer noch so etwas wie ein Olymp voller Halbgötter, Menschenwesen, die sich herablassen, für sie zu spielen. Diese teilweise durchaus talentierten Sportler lieben ihren Verein (wenigstens einige von ihnen), würden alles stehen und liegen lassen, um im großartigen Volksparkstadion bolzen zu dürfen. Wie las ich neulich noch von einem besonders verstrahlten Schweinebauern, der für sich in Anspruch nimmt, zu der kritischen Gattung Fans gehören zu wollen? „Vergiss Dieki nicht, der lebt den HSV“

Was für ein unvorstellbarer Bullshit. Der Verein ist ein Arbeitgeber, für Spieler, für Trainer und für Funktionäre. Dieser Arbeitgeber bezahlt über alle Maßen gut, ist in aller Munde, ist eine bekannte Marke. That’s it. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn ein Lewis Harry Holtby heute die Raute küsst, so hat er in der Vergangenheit die Vereinswappen von Borussia Mönchengladbach, Alemannia Aachen, Schalke 04, VFL Bochum, Mainz 05, Tottenham und Fulham geküsst. Alle Vereine waren für ihn etwas besonderes, die Fans all dieser Vereine waren „unglaublich“. Daran ist überhaupt nicht Verwerfliches, das Ganze nennt sich Profi-Fußball!

Die einzigen Menschen, für die ein bestimmter Verein etwas Besonderes ist, sind die treuen Anhänger dieses Clubs. Sie sehen im Laufe ihres Fan-Daseins teilweise Hunderte Spieler, Duzende Trainer und eine Vielzahl von Präsidenten. Alles ändert sich, Menschen kommen und gehen und nur eines bleibt: Der Verein.

Insofern ist es fast schon kindlich naiv, wenn einige Fans denken, der Spieler ist dem Verein ganz besonders verbunden (im besten Fall hat er die Raute) oder ein anderer Spieler gehöre wohl eher zu Kategorie Söldner. Der Unterschied zwischen diesen beiden Akteuren ist zumeist einfach nur: Der eine Spieler erzählt geschickt das, was die Leute hören wollen. Er ist aktiv bei Facebook und Twitter. Er postet bei jeder sich bietenden Gelegenheit Selfies von sich und seinen geliebten Mannschaftskollegen und er betet den Verein an. Der andere Spieler, der vermeintliche Söldner, macht etwas anderes – er sagt die Wahrheit.

Ich habe einmal eine kleine Auswahl an Aussagen zusammengefasst, die man als Spieler (oder als dessen Berater) bei passender Gelegenheit in den Orbit husten sollte, wenn man sich die Herzen der Fans sichern möchte.

„Ich kann mir vorstellen, meinen Vertrag beim HSV zu verlängern…“

„Meine Familie und ich fühlen uns in Hamburg extrem wohl…“

„Hamburg ist die schönste Stadt der Welt….“

„Der HSV gehört unter die Top 5 in der Bundesliga…“

„Für den HSV habe ich auf Geld verzichtet….“

„Wenn ich „Hamburg, meine Perle“ höre, läuft es mir eiskalt den Rücken runter….“

„Das Volksparkstadion ist die schönste Arena Deutschlands….“

„Ich habe als Kind in HSV-Bettwäsche geschlafen…“

„Der HSV ist mein Baby…“

„Ich kann mir nicht vorstellen das Wappen eines anderen Vereins zu küssen…“

„Der HSV ist mehr als ein Verein, der HSV ist meine Familie….“

„Der HSV hat die besten Fans der Welt….“

„Nach dem Ende meiner Karriere wollen meine Frau und ich in Hamburg leben….“

Beherzigt man diese Tipps, hat man gute Chancen, in eine der „besseren Kategorien“ in der Fan-Wahrnehmung aufzusteigen. Dies bedeutet zumeist:

Fehler werden verziehen. Vertragsverlängerungen werden verlangt. Spieler können sich einfach mehr erlauben.

Folgende Kategorie sind aktuell beim HSV existent:

Aktuelle Spieler mit Raute (im Herzen): Holtby, Diekmeier, Adler, Drobny

Spieler auf dem Weg zur Raute (im Herzen): Ostrzolek, Rudnevs, Müller

Spieler ohne Chance auf Raute (im Herzen): Kacar (Söldner), Schipplock, Hunt (Bremer), Ilicevic (nervt)

Spieler, die mal die Raute (im Herzen) hatten, jetzt aber nicht mehr: Lasogga

Spieler ohne Raute (im Herzen), aber mit Legenden-Status: Ekdal

Spieler, die mal die Raute (im Herzen) hatten, diese aber verkauft haben: Olic

Brasilianer: Clèber

Spieler, die weder Laufwege kennen noch die Raute (im Herzen) haben: Bahoui

Schluchtenscheisser: Gregoritsch

Eigene Kategorie: Spahic

Pornstar oder Baba (Der Typ, der bei den Piraten von Asterix im Ausguck sitzt): Djourou

Sonderkategorie:

Legenden mit der Raute (im Herzen): Seeler, Dörfel, Schnoor, Hrubesch, Keegan, Jarolim, Jansen, Matz

Das Leben (auch für einen Spieler, Trainer oder Funktionär) kann so herrlich einfach sein, wenn man sich nur richtig zu verkaufen weiß.

Frohe Ostern.

[Für dich, Papa]

 

 

 

Von | 2016-03-25T07:42:54+01:00 25. März 2016|Allgemein|2 Kommentare

2 Comments

  1. Thomas S. 25. März 2016 um 10:38 Uhr

    Also, wenn ich wüsste, dass kein Verein mir je wieder so viel zahlen wird wie der HSV, würde ich gar nicht mehr aufhören, die Raute zu küssen…
    Klar ist es wichtig, dass sich ein Spieler wohlfühlt. Aber die Betonung auf Identifikation mit dem Verein ist oft doch nur ein (leider oft erfolgreicher) Versuch, das Leistungsprinzip, bzw. sachliche Argumente, auszuhebeln.

  2. Saschas Alte Liebe 27. März 2016 um 04:30 Uhr

    Besteht also eine Kausalität in Form eines umgekehrt proportionalen Verhältnisses zwischen mangelnder Leistung und Rautenherz ?? Und hat der HSV dabei ein Alleinstellungsmerkmal vorzuweisen ?
    😉

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