Ein zutiefst krankes Selbstbild…

Ich hatte es ja schon geschrieben, ich bin müde von diesem Verein. Müde von der Dummheit und Ignoranz der immer noch vorhandenen Hüpfern, die meinen, nur weil man Horst Hrubesch als Nr. 1 der Kühne-Bettelprinzen verpflichten konnte, wird nun alles gut. Während sich selbst in Corona-Zeiten Vereine wie Mainz, Augsburg und Freiburg um Lichtjahre von diesem Verein in Hamburg absetzen, denken sie immer noch, dass man „mit zwei oder drei guten Transfers“ den Rückstand wettmachen könnte. Nun, sollen sie. Ein alter deutsche Sinnspruch lautet: „Wer nicht hören will, muss fühlen“ und fühlen werden sie. Auch nach der nächsten Saison. Und der übernächsten. Aber scheiß drauf. Ich habe gestern einen Text, es war wohl ein Leserbrief in der ZEIT, gefunden, der meine Stimmungslage in diesen Tagen recht gut wiedergibt und ich erlaube mir, ihn in diesem Blog zu teilen. Warum? Weil sich dieser Text, zumindest in Teilen, auch gut auf den KSV anwenden lässt. 

In Berlin haben die Leute nicht gegen Corona-Regulierungen demonstriert. In Berlin haben Menschen für Ihr Recht demonstriert, von der Komplexität der Welt überfordert zu sein. Gegner einer Impfung, die es noch gar nicht gibt, verhutzelte Rentnerinnen, die im Rausch der Euphorie den Tag der Freiheit ausrufen, Menschen die tatsächlich glauben, die Maskenpflicht würde dadurch sofort abgeschafft. Die Journalistin Hayali wird bepöbelt, sie hätte die Versammlung auflösen lassen. Langhaarige Rocker und Metalfans tragen die Flagge eines Reichs umher, in dem sie für ihre Frisur zusammengeknüppelt worden wären und in der die Impfpflicht polizeilich durchgesetzt wurde. Thor Steinar T-Shirts und Pegida-Schilder. Und irgendwo sitzt eine junge Frau in Hippie-Klamotten mit einem Schild auf dem Rücken: „Deutschland braucht Jesus“.


Ich äußere mich nur deshalb zu diesem kollektiven kognitiven Vollversagen, weil ich auch hier zwei Aspekte wiedererkenne. Zwei Aspekte, die mir in meiner Arbeit ständig begegnen. Zum einen vermittelt das Netz 2.0 den Eindruck, dass wir alle wichtig sind. In unserer Sucht nach Anerkennung und Relevanz verlieren wir aus den Augen, dass wir nur Ameisen in einem Haufen sind. In der Egozentrik des Zeitgeistes und mit der Fähigkeit jeden Hirnfurz über Social Media öffentlich machen zu können, haben wir aus den Augen verloren, dass wir selber außerhalb unseres persönlichen Umfeldes für andere Menschen keinerlei Relevanz haben.


Und zum anderen der Verlust eines demokratischen Miteinanders.
Wir reden uns Bedeutung und Freiheiten ein, die wir nie hatten. Und als kleinster Teil einer Gesellschaft niemals haben werden. Denn wenn wir demokratisch leben wollen und die deutliche Mehrheit will, dass ich eine Maske trage, dann habe ich verfickt nochmal eine Maske zu tragen.
Das und nichts anderes bedeutet Demokratie. Und deshalb ist es auch vollkommen gleichgültig, ob da nun 20.000 Menschen öffentlich ihre Egozentrik zur Schau gestellt haben oder eine Million. Entscheidend in einer Demokratie ist nicht gegen etwas zu sein. Sondern für etwas. Man muss Alternativen anbieten, Lösungskonzepte, in den politischen Diskurs gehen. Und zwar nach den Regeln der Gesellschaft, deren Demokratie man einfordert und die man mitgestalten will.


Genau deshalb ist Pegida gescheitert. Und genau deshalb wird die AfD langfristig keine politische Wirkkraft entfalten. Und deshalb wir nie etwas dabei herauskommen, wenn Impfgegner sich mit freiheitsliebenden Rentnern, Rechtspopulisten und fundamentalchristlichen Hippies zusammentun.
Und sie werden an ihrem Dunning-Kruger-Effekt scheitern. Denn wenn sie nicht einmal die Kompetenz besitzen zu verstehen, dass die Regulierungen Ländersache sind und Dunja Hayali keine Demonstration auflöst, haben sie auch nicht die Kompetenz ihre Forderungen zu artikulieren. Merkel öffnet keine Grenzen, die längst offen waren. Und Merkel erklärt auch keine Landtagswahlen für ungültig. In ihrer Kompetenzlosigkeit verstehen sie nicht einmal, welche Kompetenzen ihnen fehlen.


Plötzlich ist jeder Epidemiologe, Virologe, Klimaforscher, Migrationsanalyst, Religionswissenschaftler und Jurist. Dabei haben die meisten nicht einmal das Grundgesetz verstanden. Und einige Verstehen nicht, dass es unsere Verfassung ist. Sie plappern im psychologischen Bestätigungsfehler das nach, was Rattenfänger ihnen aus eigennützigen Gründen vorbeten. Getrieben von ihren Ängsten, ihrer Überforderung und davon, sich plötzlich ihrer Unwichtigkeit bewusst zu werden und einen Kontrollverlust zu erleben. Der nur darin begründet ist, dass sie sich vorher eine Kontrolle eingeredet haben, die sie nie hatten. Wir leben in keiner „Meinungsdiktatur“.

Wir leben in einer Kompetenzdiktatur. Denn wir leben in einer Demokratie, in der man bestimmte Voraussetzungen erfüllen muss, um die Gesellschaft mitgestalten zu können. Die Gefahr ist, dass diese Menschen aber den Weg bereiten, um eine tatsächliche Diktatur heraufzubeschwören. Denn nach 75 Jahren Frieden und Freiheiten, wie sie noch kein Volk zuvor jemals gekannt hat, haben sie offenbar völlig aus den Augen verloren, welche Freiheiten sie tatsächlich haben. Sie demonstrieren für Freiheit und merken nicht einmal, dass sie dabei eine der größten Freiheiten bereits in Anspruch nehmen. Sie kommentieren auf Social Media über den Verlust von Meinungsfreiheit und bemerken den Widerspruch nicht einmal.
Sie glauben tatsächlich die demokratische Mehrheit seien die Diktatoren, weil sie vor lauter Freiheit vergessen haben, was Unfreiheit tatsächlich bedeutet.

Von | 2020-08-11T07:26:31+02:00 7. August 2020|Allgemein|17 Kommentare

17 Comments

  1. Boxer 7. August 2020 um 08:46 Uhr

    Herrlich geschrieben. Zu 100 Prozent meine Meinung. Konstruktiv zu sein ist eben auch schwerer als nur immer nur gegen alles zu sein. Das findet man leider überall. Wenn man diejenigen dann nach Lösungen fragt kommt fast immer gar nichts. Sind aber fast immer diejenigen, die im Leben nichts auf die Reihe bekommen und sich gleichzeitig furchtbar wichtig nehmen.

  2. Stefan 7. August 2020 um 09:41 Uhr

    Wow, das trifft es aber sowas von. Hut ab für so einen Kommentar und danke für das Posten hier…

  3. Matthias 7. August 2020 um 10:01 Uhr

    Moin, der/die SchreiberIn trifft auch meine Meinung zu 100%. Klasse, dass Du es online gestellt hast. Eines finde ich auch noch wichtig, es kommt auch in dem Text raus. Man sollte diese Menschen nicht mit putzigen Begriffen wie Aluhutträger benennen, nein, es sind subversive Bekloppte, die in unserer Gesellschaft Schäden hinterlassen. Ich freue mich über unsere Demokratie, unsere Meinungsfreiheit, in der sogar die bekloppten der AFD ein Forum finden. Diese Kultur sollte von den wenigen nicht kaputt gemacht werden.

  4. Christian 7. August 2020 um 10:35 Uhr

    Ich finde die Auseinandersetzung definitiv gut! Und danke, dass Du auch andere Themen in den Blick nimmst. Den „Blick über den Tellerrand“ gab es hier schon immer, Du weitest ihn nur noch mehr aus! Super!

    Dank Dir Grave, haben wir einen besseren Durchblick was den HSV angeht als ein normaler Konsument. Den Durchblick habe ich in der Politik nicht. Trotzdem – oder vll auch deswegen – ist mein Eindruck, dass eben nicht in erster Linie fachliche Kompetenz dazu führt, dass jemand etwas zu sagen hat.

    Stichwort „Kompetenzdiktatur“. Es scheint eher mediale oder im weitesten – und nicht zwingend im besten – Sinne soziale Kompetenz zu sein, die Menschen in verantwortliche Positionen bringt.

    Bessere Lösungen zu fordern ist gut. Aus meiner Sicht ist Kritik aber auch zulässig, wenn ich keine besseren Angebote habe. Ich muss mindestens artikulieren können, wie es mir mit gegebenen oder erwarteten Umständen geht. Im Idealfall würden die Betroffenen oder ihre Vertreter sich darüber austauschen in einer offenen und vor allem lernbereiten Atmosphäre. Wenn dann alles verstanden ist, wenn klar ist, warum diese oder jene Standpunkte, Meinungen, Gefühle vorhanden sind, wäre das eine bessere Basis, Lösungen zu finden, die erstens dem Wohle der Mehrheit dienen, mit denen sich aber auch die Mehrheit wohlfühlt.

    Oft genug stehen Meinungen schon vorher fest, sind oft genug von Minderheitsinteressen getrieben und müssen dann auch durchgesetzt werden. Der Prozess ist hier nur noch die passenden Worte zu finden, um die Mehrheit einzufangen, zu überreden, bei Laune zu halten – siehe die Interviews von Wettstein.

  5. Goldfather 7. August 2020 um 11:51 Uhr

    Der Kommentar ist zweifelsohne zutreffend und beschreibt die gegenwärtige Situation sehr gut. Auch das Bild dazu macht deutlich wo das Problem liegt. Doch wer den wirklichen Horror der aktuellen Lage auch nur ansatzweise verstehen will, dem empfehle ich sich mit Betroffenen auseinanderzusetzen. Menschen die kaum noch atmen können während eines akuten Krankheitsverlaufs sowie Menschen die schwerst geschädigt wurden, ohne das eine Besserung für sie in Sicht ist.
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    Und ja, natürlich ist auch die Grippe eine Infektionskrankheit die zu schweren Verläufen bis hin zum Tod führen kann. Doch ein derartiges Argument hätte man auch im Mittelalter während der Pestepedimien anführen können.
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    Wir stehen am Anfang einer Pandemie von der wir bislang noch nicht wissen, welche Auswirkungen sie letztendlich haben wird. Wir kennen weder die langfristige Wirkung nach einem Kontakt mit dem Virus noch wissen wir ob sich eine Immunität entwickelt. Kein Mediziner kann heutzutage guten Gewissens sagen wie sich das Virus langfristig im Körper junger Menschen auswirkt.
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    So wie HIV unser Leben seit Jahrzehnten verändert hat, so wird auch Corona ein epochaler Einschnitt sein, der die Menschheit noch lange begleiten wird. Menschen die es ablehnen eine Maske in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Supermärkten zu tragen betrachte ich als menschenverachtende Individuen denen sowohl ihr eigens Leben, als auch das aller anderen Menschen vollkommen egal ist.
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    Neben den Toten die gezählt werden, gibt es eine deutlich größere Zahl an Menschen die eine Infektion überleben, aber niemals wieder ihr urspüngliches Leistungsvermögen erreichen und möglicherweise sogar berufsunfähig geworden sind.
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    Und vor diesem Hintergrund möchte ich eine Lanze für den HSV brechen, der in seiner Kompetenzlosigkeit im deutschen Profifußball keinesfalls alleine ist. Die DFL prüft tatsächlich Konzepte Fans in der kommenden Saison wieder zu Tausenden ins Stadion zu lassen. Warum sollten die Verantwortlichen des HSV besser und schlauer agieren, als die eigene Verbandsspitze?
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    Selbst wenn man nur ein Drittel der Plätze im Stadion belegen würde, so wäre sowohl beim Einlass, als auch bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel die Möglichkeit den Sicherheitsabstand halten zu können nicht mehr gegeben. Hinzu kommt, dass es sich um Fußballfans handelt, die häufig anderes im Sinn haben als gewisse Regeln einzuhalten.

  6. Carsten2 7. August 2020 um 16:25 Uhr

    Mal wieder 5 Sterne für den heutigen Blog und ein sehr treffender Leserbrief!
    Auch das von Grave eingestellte Bild lohnt es sich zu teilen damit sich einige Mitbürger mal hinterfragen.

  7. Maddin 7. August 2020 um 19:37 Uhr

    Hier mal die Namen von ein paar bekloppten anders Denkenden: Kopernikus, Galileo, Columbus, Newton, Darwin, Hubble, Einstein. Und ohne Aluhüte hätten wir heute noch einen Kaiser und die Franzosen Könige.

    • Gravesen 7. August 2020 um 20:06 Uhr

      Ach so. Und du meinst, Einstein, Newton und Hubble wären während einer weltweiten Pandemie ohne Maske in Berlin auf einer Idioten-Demo rumgeturnt und hätten gegen 5G, Bill Gates und Merkels Diktatur protestiert?

      • Nichtkunde 7. August 2020 um 21:00 Uhr

        Ist doch logisch – schließlich waren das ja alles ebenfalls Märtyrer im Kampf gegen die faktenbasierte Wissenschaftsdiktatur!!!!!111111

        • Peter 8. August 2020 um 07:47 Uhr

          Kopiert, ausgedruckt, eingerahmt und aufgehangen!
          Dabei bete ich täglich zu Gott, dass die Populisten einerseits und die benachteiligten Lemminge andererseits nicht irgendwann die Überhand in unserer Gesellschaft übernehmen.

    • Joscha 8. August 2020 um 00:50 Uhr

      @Maddin In einer Demokratie wären diese Wissenschaftler eben nicht umgebracht, verfolgt oder diskreditiert worden, wie in den damals vorherrschenden klerikal-feudalistischen Strukturen. Bei Einstein war es dann auch die nationalsozialistische Diktatur Deutschlands, die ihn zur Emigration zwang. In den demokratischen Staaten wurden ihm Preise, Ehrungen und höchste wissenschaftliche Anerkennung zuteil.
      Mir scheint, dass gerade Sie, Maddin, sich kritisch mit dem Leserbrief auseinandersetzen und sich dabei selbstreflektierend die ehrliche Frage stellen sollten, ob Sie nicht genau zu der Zielgruppe der dort Angesprochenen gehören.

  8. Maddin 7. August 2020 um 20:47 Uhr

    Nö, aber unser allseits beliebter Bundespräsident ( Der, der genau diese Leute als Idioten bezeichnet) ist gerade im Urlaub in Tirol, hält sich nicht an Hygiene Vorschriften Trägt keine Maske, hält seine eigenen Abstandsregeln nicht ein und Twittert das auch noch ganz stolz. Was soll man denn davon halten?

    • Mosche 8. August 2020 um 07:36 Uhr

      Wie kann man bitte so blöd sein! Grundrechte sind lediglich zum Teil ausgesetzt, weil Regeln gegen die Pandemie eingeführt wurden.
      Deutschland#Demo#Berlin – Maskenpflicht
      Österreich#Urlaubsort#Bundespräsident – KEINE! Maskenpflicht
      Bitte verschont uns bei dieser Thematik mit HSV Szenarien …

  9. Rothose78 7. August 2020 um 22:15 Uhr

    👏👏👏👏

  10. Keynes 8. August 2020 um 01:13 Uhr

    @maddin Klassischer WhatAboutism. Mit der ersten Argumentation aufs peinlichste auf die Fresse geflogen und dann wird die nächste nur extrem peripher relevante Sau durchs Dorf getrieben. Fox News in Reinkultur.

    Selbst wenn das Bild ein Fehler ist, so ist die Bezeichnung der Demonstranten als Idioten immer noch korrekt. Das eine widerlegt das andere nicht im Geringsten.

  11. Ben 8. August 2020 um 08:27 Uhr

    Moin zusammen,
    Ich finde den Kommentar eher grenzwertig und finde spannend, dass dieser hier so sehr gefeiert wird.
    Grave zeigt jeden Tag, wie scheiße Presse und Journalismus bezogen auf den hsv.
    Denkt ihr es ist in anderen Bereichen anders. Die Medien sind gleich geschaltet und berichten, was die Politik vorgibt.
    Und jeder hat das Recht das zu tun.
    Bei blm war das ja ganz toll, oder?
    In diesem Sinne wünsche ich euch ein schönes

  12. Saschas Alte Liebe 10. August 2020 um 17:17 Uhr

    ich bin nun hier zwei Tage zu spät, der Blog ist durch und ich lasse nur mal da, dass ich jenseits aller Verschwurbelungen und rechtsoffen spiritueller Fantasien doch einige gewichtige Argumente und bedenkenswerte belastbare Fakten bzw. Indizien aus dem „Innenleben“ der Entscheidungsgremien und Mechanismen hätte konkret beisteuern können, die allerdings zumindest fundierte Zweifel an den Grundlagen derzeitiger „Corona Politik“ sowie v.a. den exekutiven Entscheidungs/Umsetzungswegen undmethoden zwingend begründen. Dies insbesondere rückbezogen auf die verfassungsmäßigen Grundprinzipien, auf die sich der (in Teilen in sich durchaus schlüssige) Blogtext beruft.
    Naja, ich bin gleichwohl nicht wirklich motiviert, nochmal so eine Diskussion wie zum Thema Jatta hier zu befeuern. 😉
    Es gibt vermutlich auch wenig Grund, von den hier geäußerten Meinungen Offenheit für Kritik und Zweifel zu erwarten.
    Insofern haben Maddins und Bens Einsprüche durchaus prinzipielle Berechtigung und keinesfalls polemische Abkanzelung verdient!
    Denn wer weiß hier wirklich FAKTISCH (nicht nur aus den Medien!) mehr als jene, über die pauschaliert als Idioten hergezogen wird.
    Sei’s drum, versucht objektiv kritisch zu bleiben, sonst geht es Euch womöglich mal wie Graupenscholle, wenn er es vorher (nicht) gewusst haben wollte/müsste/sollte … 😉

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