Protokoll eines Stadionbesuchs

Wie jedes andere Heimspiel habe ich auch das Nordderby gegen Holstein Kiel live im Stadion mitverfolgt. Danach war ich einige Zeit nicht in der Lage, mich über den HSV auszutauschen, denn dieser Verein macht mich zunehmend krank. So ein extrem schlechtes Gefühl hatte ich zuletzt nach dem Besuch der Mitgliederversammlung im August, als Präsident Pinselreiniger seine absurde Wiederwahl inszeniert hat. Nachdem ich die ausnahmslos negativen Erlebnisse rund um das Spiel nun verarbeitet habe, möchte ich meine Eindrücke hier noch zu Protokoll geben.

Kurze Vorgeschichte: In den früheren Jahren des Niedergangs, als noch um 15:30 gespielt wurde, bin ich meistens ne halbe Stunde vorher mit dem Auto losgefahren, war kurz vor Spielbeginn am Parkplatz Rot, wo man ab 15:25 die freigebliebenen VIP-Parkplätze nutzen konnte und saß pünktlich zu Spielbeginn auf meinem Dauerkarten-Platz im Block 20A, direkt an der Treppe. Vorteil dieses Ablaufes: Kaum Stau auf den Straßen, keine nervige Parkplatzsuche, keine Begegnungen mit alkoholisierten Brüll-Orks in öffentlichen Verkehrsmitteln, kein unerträgliches Fremdschämen bei “Hamburg meine Perle”, kein Gedränge im Stadionumlauf und direkter Zugang zu meinem reservierten Sitzplatz. Danach 90 Minuten Rumpel-Fußball und dann, um den unvermeidlichen Rückfahrtstau zu umgehen noch bissl Zeit in der Raute verbracht, Interviews und Zusammenfassung des Spiels angeschaut und dann schnell weg aus dem Epizentrum der Wohlfühloase.

Seit den sportlich unattraktiven Zweitligajahren und dem Beginn meiner investigativen Suche nach der Keimzelle von HSV-Virus und Minderleistungskultur haben die Recherchen nach den Ursachen des Niedergangs einen höheren Stellenwert eingenommen als der Fußball selbst und infolgedessen bin ich bei An- und Abfahrt auf den HVV umgestiegen und habe im Stadion für mich das Prinzip des flexiblen Sitzplatzes eingeführt. Da die meisten Spiele schon lange nicht mehr ausverkauft sind und aus sportlicher Sicht uninteressant sind, habe ich mehrmals pro Spiel den Platz gewechselt, ursprünglich, um die wenigen spannenden Spielszenen optimal beobachten zu können, später aber auch, um die omnipräsente Spezies des kritiklosen Dauerhüpfers zu erforschen, um endlich zu kapieren, warum die Massen immer noch euphorisiert ins Stadion pilgern. Später kamen dann die Besuche auf dem Trainingsgelände, in den Trainingslagern, auf Mitgliederversammlungen und anderen Veranstaltungen sowie im verstörenden Umfeld der Medienvertreter dazu.

Und damit kann auch die Frage beantwortet werden, was meine Motivation ist, immer noch ins Stadion zu gehen, das Elend beim Training anzuschauen und den Niedergang des Vereins aktiv zu begleiten. Ganz einfach: Der Gesamtdefekt HSV ist für mich zu einem abstrakten Forschungsobjekt mutiert, um die fatalen Auswirkungen von Faulheit, Arroganz und Inkompetenz an diesem Fallbeispiel öffentlich zu dokumentieren und sich damit das letzte bischen Würde zu erhalten, wenn man schon im Umfeld der Lachnummer der Nation unterwegs ist. Der Verein ist schon lange gefallen bzw. von inkompetenten Totalversagern besetzt und wird solange am Boden bleiben, bis er rückstandslos von all den widerlichen Selbstoptimierern und verblödeten Vereinsmeiern befreit wird. R.I.P. HSV.

Aber zurück zum Samstagabend. Schon die Anreise per S-Bahn und später im Shuttle-Bus war geprägt von einer erschreckend hohen Zahl an schwerstalkoholisierten Brüll-Orks aller Jahrgänge mit hohem Gewaltpotential und erschütternd geringem Fußballsachverstand. Das mag kein Alleinstellungsmerkmal des HSV sein, sondern auch dem Zeitgeist geschuldet sein, aber die Anzahl der Unsympathen innerhalb der HSV-Fangemeinde ist einfach deutlich höher als in anderen Stadien. Nachdem man den Shuttle-Bus unbehelligt verlassen hat, folgt ein kurzer Moment des Innehaltens vor der kalten, aber strahlend beleuchteten Betonschüssel, aus der es früher nach Sieg gerochen hat und wo einem schon beim Anblick und den Fangesängen das Adrenalin in die Blutbahn schoss und wo man unbedingt reinwollte, um einem sportlich attraktiven Wettkampf der eigenen siegreichen Mannschaft aktiv beizuwohnen.

Aber das war die alte Welt, heute ist alles anders. Sobald man seinen Platz erreicht hat und den Rasen und die Ränge kurz gesichtet hat, wird man des ganzen Elends gewahr, was einen dort umgibt. Angefangen mit einem inakzeptablen musikalischen Vorprogramm, über verblödete Fangesänge wie “Scheiß auf Schule und Arbeit” bis hin zum Ärger über die Bekanntgabe der untauglichen Startelf, über die man sich bereits in der WhatsApp-Gruppe ausgekotzt hat, verstärkt sich mit jeder weiteren Minute das Gefühl, dass man mit den Leuten um einen herum eigentlich nichts zu tun haben möchte. Während man früher noch altbekannte Dauerkartenbesitzer begrüßte oder sympathische Kultfans mit ihren alten Westkurve Block E-Kutten mit einem Schmunzeln entdeckte und zwischendrin den einen oder anderen Juppi mit seiner für ihn viel zu gut aussehenden Tussi erspähte, ergänzt durch ständig rotierende Firmenkunden, die sich seit ewigen Zeiten die Dauerkarten teilen und einige verstreute Mitglieder aus Fanclubs, die nicht alle zusammen sitzen konnten sowie einige Familien, bestehend aus Papa, Mama und dem stolzen Nachwuchs, ist man heute von der ganzen Bandbreite der Unsympathen dieser Gesellschaft umgeben.

Direkt mit dem Anpfiff keimt dann kurzzeitig die Hoffnung auf ein gutes Fußballspiel, eine tolle Atmosphäre und einen gelungenen Abend im Volksparkstadion auf, um schon nach kurzer Zeit ein jähes Ende zu finden. Mit Entsetzen muss man alsbald zur Kenntnis nehmen, dass sich der 149 kg schwere Nachbar nicht nur unangemessen breitmacht, sondern auch noch eine verfickte Fluppe nach der anderen anzündet und einem dabei bewusst wird, dass man viel zu dicht neben einem wildfremden Spacken sitzt, der weder Maske trägt noch irgendeine Abstandsregel einhält und aufgrund seines ungezügelten Zigarettenkonsums ständig am ekzessiven Abhusten ist. Irgendwann hat man sich mit dem Elend arrangiert und kann sich endlich dem spektakulären Walter-Fußball zuwenden. Die erste Halbzeit gegen die gerupften Störche konnte durchaus den Eindruck einer totalen Überlegenheit des HSV vermitteln, was durch den verwandelten Elfmeter zur 1:0 Führung sogar noch bestätigt wurde, sich beim genaueren Hinschauen aber als logische Folge der Kieler Taktik entpuppte, wonach defensiv in einer 4-5-1 Formation verteidigt wurde, keinerlei Angriffsbemühungen stattfanden und auch auf jegliches Pressing gegen den HSV verzichtet wurde.

Dass die von Übungsleiter Tim Walter einem seriösen Trainingsbetrieb entzogene Rumpeltruppe immer noch keine einstudierten Offensivspielzüge abrufen kann, weiterhin unterirdische Flanken und katastrophale Torabschlüsse produziert und ihre im Trainingslager antrainierte Kurzpasssicherheit und Pressingresistenz zunehmend wieder verliert, führte im Angesicht der latenten Gefahr eines Gegentores für eine immer größer werdende Unruhe im Publikum, was sich in einem permanten Hin- und Hergeschiebe von zahlreichen Zuschauern äußerte, die sich – ich weiß nicht wie oft – an mir vorbeidrängten, um Bier und Wurstwaren ranzukarren. Bei genauerer Sichtung des Publikums konnte man dann die unheilvolle Mischung erkennen, bestehend aus einer großen Schar von unbelehrbaren, muffeligen alten weißen Männern und einer befremdlich anmutenden Gruppe von fußball-uninteressierten Event-Fans, garniert mit einem großen Anteil freiwillig selbstverblödeten Jungvolks, das keinen Satz ohne “Digga” artikulieren kann und nur zum Saufen und zum Feiern anwesend war und einigen wenigen Familienvätern, die sich mit ihren Kindern sichtlich unwohl fühlten, weil überall eine latente Genervtheit zu spüren war, die jederzeit beim geringsten Vorfall zu eskalieren drohte, eben ein Abbild der Gesellschaft, wie man sie jeden Tag im Supermarkt oder im Straßenverkehr erlebt.

Besonders unangenehm wurde es dann in der zweiten Halbzeit, als sich die Maltafüße kurz nach dem Anpfiff eine selten dämliche Kirsche einfingen und sich der typische Ablauf eines aktuellen HSV-Spiels ankündigte. Die Unzufriedenheit des Publikums ging phasenweise in offene Agressivität über, die sich primär gegen den wieder mal unterirdisch schlecht spielenden Quoten-Flüchtling Jatta richtete und gleichzeitig die Wut und das Unverständnis über die vom sturen Übungsleiter erneut verweigerte Auswechslung kumulierte. Als die Heimmannschaft dann auch noch zeitweise jegliche Aktivität einstellte und sich von den Kontern der Kieler fast ausspielen ließ, drohte die Stimmung zu kippen. Sowohl der junge Alidou als auch der überforderte Kittel hatten ihr Pulver bereits verschossen und die viel zu späten Auswechslungen waren wiedermal ohne jeglichen Wirkungsgrad. Am Ende konnte sich der HaSiVau mit einem weiteren Unentschieden durchmogeln, was das genervte Publikum völlig zu Recht mit einem heftigen Pfeifkonzert quittierte.

Und dann wälzten sich die enttäuschten Massen aus dem Stadion raus, hin zu den Bussen oder zu den Autos oder zum Fußmarsch: Außer Spesen nix gewesen, aber was solls, Mund abwischen und weiterhoffen, dass der Aufstieg im vierten Anlauf irgendwie klappt. Mut, Geduld, Entwicklung, Kontinuität, Jugend forscht, alles supi, man ist fein mit der Liga, hauptsache Bier, Würste und Spektakel. Aber eines wird beim Stadionbesuch immer wieder deutlich: Der überwiegend große Teil des Zuschauer ahnt nichts von den inkompetenten Totalversagern und moralbefreiten Selbstoptimierern hinter den Kulissen und hat im Leben kein Training der Profis miterlebt, keine Mitgliederversammlung besucht und bezieht sein Wissen rund um den HSV ausschließlich aus den Artikeln der Hofberichterstattung und von den Kommentatoren der TV-Sender. Umso wichtiger ist es, hier weiterhin die Wahrheit zu verkünden. In diesem Sinne…

Von | 2021-11-04T15:14:22+01:00 3. November 2021|Allgemein|15 Kommentare

15 Comments

  1. Andreas 3. November 2021 um 05:38 Uhr

    Ich bewundere die Nerven und den Mut in so ein Stadion zu fahren.
    Mein letztes live Erlebnis war als der Lotte Barde noch brüllte und die wabernden Massen sich das Bier um die Köpfe warfen.
    Schon die Anreise durch den von Knallkörpern beherrschten Tunnel in Stellingen war für mich der Horror.
    Ich habe damals einen langen Brief an die Stadt Hamburg geschrieben und auf die Gefahr für Menschen in Sachen Panik hingewiesen, interessierte die Beamten jedoch nicht.

    Vielleicht bekommt ja der eine oder andere/ innen immer Freikarten.

    Dann habe ich mich noch einige Jahre vor der Drückerkolonnen Sky Glotze gequält bis auch das vorüber war.
    Jetzt lese ich nur noch hier, werde zunehmend Pauli Fan und wette im kickspiel immer auf verlieren HSV
    Mir geht es gut
    Lg
    Andreas

  2. jandpunkt 3. November 2021 um 06:20 Uhr
    • Saschas Alte Liebe 3. November 2021 um 16:02 Uhr

      Es gibt nicht mal eine satte Abfindung abzugreifen? Alles abgefressen?
      Flucht via –> “Rattenroute” ?

  3. Revi22 3. November 2021 um 08:02 Uhr

    Danke für die Schilderung,nun brauche ich die 200 km nicht auf mich nehmen um einmal ein KSV-Zweitligaspiel zu betrachten…
    Erschreckend!!

  4. jusufi 3. November 2021 um 09:09 Uhr

    Klingt nach einem runden Abend, Alex!

    Ich halte es ja so: Wenn ich ins Stadion gehe, weiß ich, worauf ich mich einlasse (das gilt wohl für alle hier). Wähle ich den ÖPNV, stehe ich im Gedränge, umgeben von lauten, angetrunkenen Menschen mit schlechten Manieren, wähle ich das Auto, stehe ich regelmäßig im Stau. Im Stadion selbst ist klar, dass 3G herrscht, es wird geraucht, getrunken und gemeckert. Kann ich grundsätzlich mit leben. Unerträglich wird´s für mich aber dann, wenn sich mein Umfeld im Stadion nicht benehmen kann, jegliche Rücksicht vermissen lässt und aggressiv wird. Dieser Punkt scheint beim HSV schnell erreicht zu sein.

    Das schlimmste an einem Stadionbesuch ist aber, wenn dem HSV ein Tor “passiert”, weil dann dieser unsägliche Torjingle ertönt.

  5. Revi22 3. November 2021 um 09:12 Uhr

    @ jusufi :
    Was für einen Jingle haben sie denn im Moment am Start??

  6. jusufi 3. November 2021 um 09:14 Uhr

    Ich meine am Samstag Elektroschrott und das Gebrüll von Scooter gehört zu haben.

  7. Fernsehsportler 3. November 2021 um 09:20 Uhr

    Super Bericht. Danke schön

  8. Revi22 3. November 2021 um 10:00 Uhr

    @ jusufi:
    Oh jemine…
    Vielen Dank

  9. Fohlenstall 3. November 2021 um 11:14 Uhr

    Moin zusammen,
    du bist aber hart im “nehmen”, Alex😁!
    Kannst du etwas über den Support über das gesamte Spiel sagen? War es wirklich so grottig, wie
    man es fast überall lesen kann? Und eine Frage hätte ich noch bzgl. Anssi Suhonen. Kennst du die
    Beweggründe warum er nicht für`s Spiel nominiert wurde?

    • Alex 3. November 2021 um 12:28 Uhr

      Moin Fohlenstall. Also das alberne Gejammer über den fehlenden Support der aktiven Fanszene ist geradezu grotesk. Jahrelang werden die Ultras irgendwas zwischen geduldet und geächtet und nun sollen sie den Laden wieder in Schwung bringen, absurder geht es wohl kaum. Aber wenn dann ein harmloser Böller in der Nordtribüne mal bumm macht, laufen alle sofort Amok und möchten diese unverantwortlichen Randgruppen gleich wieder weghaben, was für ein verlogenes Scheißspiel.

      Solange die Ultras nur unorganisiert auftreten, gibt es eben keine Choreo und keine gesteuerten Fangesänge. Das heißt aber noch lange nicht, dass in der Nord keine Stimmung aufkommt, zu Beginn des Spiels und beim Tor von Jonny ging auch so reichlich die Post ab und für ein gepflegtes “Scheiß auf Schule und Arbeit” hat es immer noch gereicht. Selbst das dynamische Wechselspiel der Gesänge zwischen den Blöcken 25A und 22C hat immer wieder mal funktioniert, aber auf das permante Hintergrundrauschen einer tumben Dauerbeschallung musste man eben verzichten, dafür haben die Event-Fans gut performt – wenn es etwas spektakuläres zu sehen gab.

      Das eigentliche Problem ist der Scheiß-Fußball, den die Trümmertruppe zusammenspielt, insbesondere die unerträglichen Auftritte des Antifußballers Jatta werden einfach nicht mehr toleriert und die grausamen Flanken ins Nirwana und Torschüsse in Richtung Tribünendach werden vom Publikum mit deutlicher Missbilligung kommentiert. Und beim Thema “Schieß doch mal” nähert man sich einer Null-Toleranz-Grenze an, die Zuschauer sind dermaßen genervt, wenn die Spieler in aussichtsreicher Position nicht mal abziehen, die könnten vor Wut fast platzen. Und das geht eben nicht nur gegen die Spieler, sondern auch gegen die Verantwortlichen, sprich das Trainerteam, das nicht dafür sorgt, dass die Maltafüße endlich mal vernünftig performen. Der Standard-Spruch des gequälten Publikums dazu lautet: “Was trainieren die eigentlich?” Und ich denke dann immer: Gut, dass ihr das Elend auf den Trainingsplätzen nicht mitbekommt, ansonsten würden die bocklosen und trainingsfaulen Übungsleiter wohl ganz fix vom Hof gejagt werden.

      Zu Anssi kann man nur sagen: Enteierung abgeschlossen. Tim Walter ist ein Idiot. ENDE

  10. Demosthenes 3. November 2021 um 14:38 Uhr

    Mein letzter Stadionbesuch war 25A. Danke, reicht.

  11. Hans Beimer 3. November 2021 um 15:07 Uhr

    Was will man im Hamburg Dungeon, wenn man auch zum HSV Heimspiel kann? Es gibt mehr Keime als bei der Pest, das Essen ist schlechter als auf dem Mittelaltermarkt und betrunkene, marodierende Horden sind auch zugegen. Dazu ist man hinterher pleite und riecht sowie ein echter Leibeigener! Ein Erlebnis von dem Ken Follett noch in 341 Jahren Bücher schreiben wird.

  12. Saschas Alte Liebe 3. November 2021 um 16:05 Uhr

    Klingt nach umfassend erfüllendem Wochenenderlebnis.
    Empfehlung “nicht nachahmenswert”
    Stand eh nicht zur Debatte.

  13. Pascal Jarosch 3. November 2021 um 18:38 Uhr

    Es hat seinen Grund warum ich schon früher wenn ich ins Stadion bin über Eidelstedt und nicht Stellingen gefahren bin. Da konnte ich steuern wie ich das mache. Die zwei Male mit Shuttlebus haben mir mehr als gereicht.

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