Die Büchse der Pandora

Ich möchte euch gern an ein paar Gedanken teilhaben lassen, die mir gerade durch den Kopf gehen. Wen es nicht interessiert, einfach abschalten oder sich im Insolvenzblog berieseln lassen. Danke. 

Ich hatte es bereits einige Male angedeutet, ich habe diesen Blog 2012 ins Leben gerufen, nachdem ich zuvor einige Zeit als Kommentator im Abendblatt- Blog Matz ab unterwegs war und es dort zu einer teils zweifelhaften Bekanntheit geschafft hatte. Ich habe damals eine Menge anderer Schreiber kennengelernt, teils beim Training im Volkspark, teils auf verstörenden “Matz ab-Blogtreffen”. Und ich habe eben auch die Blogbetreiber Dieter Matz und Marcus Scholz kennengelernt oder sollte man sagen: kennenlernen müssen? Irgendwann hatte ich dann die Mechanismen dieses Business verstanden, dachte ich. Und weil mir diese Mechanismen und Spielchen dieses Geschäfts zum Hals raus hingen, wollte ich es besser oder zumindest anders machen. Ich hatte ja keine Ahnung…

Denn der eigentliche Plan war, objektiver und wahrheitsgetreuer über einen Verein zu berichten, von dem ich im Jahr 2012 immer noch Fan war. Trotzdem oder vielleicht genau deshalb war ich der Meinung, dass die Fans und Mitglieder ein Anrecht auf die Realität hatten und nicht auf das, was von Medienabteilung im freundlichen Doppelpass mit den hiesigen Medien als Wirklichkeit verkauft wird. 

When Journalists are getting fans. Unfortunately in sports not an exception. Tells us a lot about the professional and intellectual approach of many journalists in our field. (Hajo Seppelt) 

Ich habe im Laufe meiner Tätigkeit als Blogger nicht einen einziger dieser sogenannten “Journalisten”  kennengelernt, der nicht zumindest Sympathisant dieses Vereins war und ich habe verstanden, dass zuviel Nähe zu einer Sache, über die man neutral zu berichten hat, schädlich für das Ergebnis ist. Als Journalist ist man nach meiner Definition in allererster Linie der Wahrheit verpflichtet, sollte sie auch noch so schmerzhaft sein. 

 

Der Journalist ist, wie Wolf Schneider predigt, ein Mensch, den das Haar mehr interessiert als die Suppe.

 

Und nein, ich bin kein Journalist, auch wenn diese Berufsbezeichnung nicht geschützt ist. Aber was im Laufe der Zeit mit meinem Blog und eben auch mit mir als Fussball/Sport-Fan passierte, war ebenso tragisch wie heilsam, denn unfreiwillig öffnete ich die Büchse der Pandora. Nahezu jede Illusion, die ich mir über meinen Verein, über die Presse, über Spieler und Offizielle gemacht hatte, löste sich in Staub auf und dies hat (leider oder zum Glück) zur Folge, dass ich mich abgewandt habe. Weg vom HSV, weg vom Fussball, ja weg vom professionellen Sport im Allgemeinen. Das, was ich in 10 Jahren Blog zu hören und zu lesen bekam, machte ein ” Weiter so” absolut unmöglich. 

In meiner Welt muss man bei einem Training/Spiel anwesend gewesen sein, um davon zu berichten. 

In meiner Welt kann es nicht sein, dass ein Verein, der in ca. 10 Jahren mehr als € 100 Mio. vorsätzlich verbrannt hat, am Ende auch noch mehr als € 10 Mio. Steuergelder kassiert.

In meiner Welt sind ganz bestimmte Dinge nicht verhandelbar, aber dieser Verein, dieser Sport und auch diese Politik verarschen einen jeden, der an so etwas wie Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit glaubt. In meinem Buch habe ich geschrieben, dass es zwischen 5 und 10% sind, die ich weiss und über die ich in ” Alles andere ist Propaganda” berichtet habe. Das ist die Wahrheit, aber die Wahrheit ist eben auch, dass ich mit den restlichen 90% allein klarkommen müsste. Wenn ich im Freundeskreis von einigen Details berichtete, passierte es nicht selten, dass selbst enge Freunde und sogar Familienangehörige nicht glauben wollten, was sie hörten. 

Ich weiss, dass sich das alles vielleicht ein wenig dramatisch anhört und in gewisser Weise kann ich sogar die verstehen, die mir nicht glauben wollten und meinten, ich hätte Teile eigenhändig erfunden. Ich versichere euch, dem ist nicht so. Im Gegenteil. Bei vielen Details ist es wahrscheinlich besser, wenn ihr sie nicht wisst, andernfalls würdet ihr wahrscheinlich mein Schicksal teilen. 

Wie sieht dieses Schicksal aus? Bin ich desillusioniert? Ja, absolut. Bin ich verbittert? Nein, bin ich nicht. Ich bin vielmehr traurig darüber, dass es einen Verein und eine Sportwelt, wie ich sie mir gewünscht hätte, nicht gibt und wahrscheinlich nie gab. War ich naiv? Ja, in jedem Fall. Aber ich kann nun Mal mit verschiedenen Umständen nicht leben. 

Heute habe ich das große Glück, dies nicht mehr tun zu müssen. Wenn ich möchte, mache ich mein Gatter hinter mir zu, gehe die 100 Meter zu meinem Haus und gucke den Papageien zu, wie sie mir die Haare vom Kopf fressen. Ich lese keine deutsche Zeitung mehr, verfolge keinen deutschen Sport und schon gar nicht einen irrelevanten Insolvenzblog. Olympische Spiele gehen an mir vorbei, ich weiss nicht mal, wer wann gegen wen gespielt hat. Aber ich bin mir dieser Privilegien auch wohl bewusst und ich weiss, dass viele von euch sie nicht geniessen können. 

Wäre ich in Deutschland geblieben, hatte mich all das wahrscheinlich zerfressen. All dieser Unehrlichkeit, dieser Beschiss, diese vorsätzliche Manipulation. Ich hätte weiterhin versucht, dagegen anzukämpfen, immer im Bewusstsein, dass es eigentlich vergeblich ist. Für euch habe ich leider kein Patentrezept, wie ihr mit all dem umgehen könnt, aber ich habe einen Rat. Wenn ihr eine Zeitung oder Zeitschrift aufschlagt, wenn ihr den Fernseher anmacht, glaubt maximal 10% von dem, was man euch zu verkaufen versucht.  

Wen es nach wie vor erheitert, wie sich Selbstoptimierter wie Wettstein (hat sich ja nur als wahr herausgestellt), Boldt (wird sich demnächst rausstellen) und WüsteSAN am Verein gesundstoßen, dem kann ich auch nicht helfen, aber in gewisser Weise beneide ich ihn ob seiner kindlichen Sichtweise, seiner inhaltlichen Gleichgültigkeit und seiner Naivität. Mir ist all das leider nicht mehr gegeben bzw. hat man sie mir genommen. 

Zum Schluss habe ich noch eine Frage: Ist es ok, bewusst falsche bzw. unwahre Informationen in die Welt zu setzen, wenn man für sich persönliche Nachteile zu befürchten hat, sollte man es nicht tun? Legitimiert die eigene (finanzielle/berufliche) Abhängigkeit eine bewusste Falschinformation? Oder anders gefragt – ist es in Ordnung, wenn man sich für vorsätzliche Lügen bezahlen lässt? Wäre ich in der Position dieser Herren, die sich jeden Tag ihr Leben zurecht drehen, ich könnte nicht in den Spiegel sehen. 

Welche Trottel sind aber am Ende die Schlimmsten? Die, die sich für ihre Märchen bezahlen lassen und dennoch so tun, als wären sie “kritische Journalisten”? By the way, die Legende von der ach so komplizierten Medienstadt Hamburg, in der erfolgreiches Arbeiten doppelt so schwer wie anderswo sei, ist an Lächerlichkeit nicht zu toppen, aber wie bei allen Legenden muss der Mumpitz nur oft genug wiederholt werden. Oder sind es die, die immer noch an “das Gute” glauben? Nein, die Schlimmsten sind die Berufsarschlöcher, die genau wissen, was vor sich geht, aber aus  unterschiedlichsten Motiven die berechtigten kritischen Stimmen niederbrüllen, diskreditieren, abbeleidigen. Sie sind weder Fans noch Anhänger, es sind Parasiten und niemand verdient meine zutiefste Verachtung mehr als sie. 

 

Von | 2022-02-14T07:32:51+01:00 14. Februar 2022|Allgemein|9 Kommentare

9 Comments

  1. Gravesen 14. Februar 2022 um 09:19 Uhr - Antworten

    Und wieder einmal zeigt sich eindrucksvoll, dass es den immer gleichen Wichsern an der intellektuellen Kapazität mangelt, um auch nur die Grundzüge zu begreifen. Wenn ihr schon zu hohl für die einfachsten Zusammenhänge seid, geht doch besser Bild lesen und haltet die Fresse.

  2. Gravesen 14. Februar 2022 um 10:08 Uhr - Antworten

    Ach ja, Happy Birthday, Kevin Keegan

  3. Dirk 14. Februar 2022 um 10:22 Uhr - Antworten

    Moin,

    beziehst Du Deine Kritik auf den HSV und den Profisport allgemein, oder auch auf andere Themen wie Politik, Wirtschaft etc.?

  4. Matthias 14. Februar 2022 um 10:57 Uhr - Antworten

    Hallo Grave, volle Zustimmumg. Und ja, Du hast es oft genung erwähnt. Wenn einige auch nur ein Bruchteil von dem wüßten, was Du weisst, dann Gute Nacht Marie.
    Aber ich würde gerne in Deinen Kopf schauen können um das ein ode andere noch zu erfahren :-). Denn ich traue diesen wahrlich nur durch Eigenmotivation getriebene Verantwortungsträgern alles zu. Und jetzt spielen die Maltafüße auch noch einigermaßen erfolgreich und denen in die Karten.
    Du genieße Deinen neuen Lebensabschnitt mit Schleifen und Streichen und mach es Dir so richtig muggelig. Ich wünsche Dir, das sich alles so entwickelt wie Du es Dir gewünscht und erträumt hast. Bleib Gesund alter Weggefährte !

  5. Sportjournalist Scholz 14. Februar 2022 um 12:56 Uhr - Antworten

    Danke für den Blog.
    Die Frage ist doch, wollen wirklich alle die Wahrheit erfahren?
    Ist es nicht viel bequemer in die eigene Welt einzutauchen und dort zu verweilen.
    Dazu höre und lese ich was mich stützt.
    Wie sonst kann man sich z.b. die Leserschaft eines Münchhausen erklären?
    Man erklärt die Gegenseite zur reinen Propaganda

  6. Knäbels Rucksack 14. Februar 2022 um 17:28 Uhr - Antworten

    Du bist trotz der riesigen Entfernung näher am Verein und dem Geschehen dran als “Journalisten”, für die typische Aspekte der Arbeit “nicht darstellbar” sind. Und das sagt alles über die Frage, wer nun besser informiert ist und informieren kann.

    • Gravesen 14. Februar 2022 um 21:18 Uhr - Antworten

      Nein, ich bin weit weg von allem. Von jeglicher Information und vom Verein und es tut unglaublich gut.

  7. Alex 14. Februar 2022 um 22:39 Uhr - Antworten

    Selten, wirklich selten war das Zitat von Colonel Kurtz so passend: “Ich habe das Grauen gesehen.” Feiner Unterschied zum Film: Marlon Brando wählte das ENDE, Du die Freiheit! 👋

  8. Andreas 15. Februar 2022 um 00:08 Uhr - Antworten

    Ich glaube der Verein ist nur ein Beispiel für den Haufen Scheiße der in dieser Welt lagert.

    Es ist schon fast egal an welcher Stelle sich Arschlöcher bereichern, ob es in einer Pandemie Maskendeals sind
    Ob es Banker sind die Wirecard oder Greensill mit Milliarden an die Wand fahren
    Ob es Narzissten sind die in Konzernen die Mitarbeiter verheizen und gefeiert werden weil die Ergebnisse toll sind,
    Es ist eigentlich egal
    Und schon Heute im Jahr 2022 läßt sich absehen die folgenden Generationen werden von Kämpfen um die Recourcen geprägt sein ( Wasser, Lebensmittel, Energie )

    Eigentlich ist so ein Verein wie der HSV nur ein Beispiel für versagen auf jeder Ebene, wunderbar über die Jahre aufgezeigt von Gravesen und verleugnet von den vermeintlichen Fans.

    Ich habe sehr viel Hoffnung, die Menschheit wird es schaffen sich selbst zu vernichten

    Viel Spaß in Australien und sonstwo auf der Welt
    Optimistische Grüße
    Andreas

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