Die Kehrseite der Medaille

„Wir haben die Woche über hart gearbeitet….“

„Die Mannschaft weiß, worum es geht…“

„Wir denken nur noch von Spiel zu Spiel…“

„Mit sachlicher Kritik müssen wir leben und versuchen, daraus zu lernen…“

„Wir sind voll auf das nächste Spiel fokussiert…“

 

Solche und ähnliche Worthülsen und gelernte Satzbausteine müssen Fans und Anhänger in Zukunft wohl vermehrt, vielleicht irgendwann ausschließlich registrieren, wenn sie Interviews mit Spielern und Trainern konsumieren wollen.

Nicht nur die Fragen werden eindimensionaler (auch, weil einige Fragen gar nicht mehr zugelassen bzw. im Anschluss aus dem geführten Interview gestrichen werden), auch die Antworten werden immer vorhersehbarer und austauschbarer.

Versucht man mit einem Spieler oder einem Trainer ein Interview zu führen, muss man dieses Wochen zuvor anmelden. Wenn man dann Glück hat (bzw. zu einem großen, vermeintlich meinungsbildenden Medium gehört), trifft man den Gesprächspartner im Beisein seines Beraters, eines Mitglieds der Presseabteilung etc.

Ähnliches passiert bei live-Interviews. Auch hier ist ein Angestellter des Vereins im Grunde jederzeit vor Ort und ist auch gern bereit, dazwischenzugrätschen, wenn ihm eine Frage nicht opportun erscheint bzw. die spontane Antwort des Spielers zu Komplikationen führen könnte.

Führt man ein Interview, welches später in schriftlicher Form erscheinen soll, muss es vom Spieler, vom Berater des Spielers und von der Presseabteilung freigegeben werden, oft genug wird geändert und gestrichen.

Die Resultate dieser „Arbeit“ erleben die Fans jeden Tag und äußern ihren Unmut über diese Art der weichgespülten Informations-Übermittlung.

In der Tat ist es so, dass die Vereine größtenteils dazu übergangen sind, die Informationen selbst zu machen. Kanäle wie die vereinseigene Web-Site, Vereins-TV etc. werden vermehrt genutzt, um Fans und Mitglieder zu bedienen.

Die Folge: Die bekannten Medien, die bisher im Alleinbesitz der Informationshoheit waren, sitzen auf dem Trocknen und müssen mit den verbliebenen Brotkrumen Vorlieb nehmen. Ein Zustand, der massiv frustiert.

Noch vor ca. 10 Jahren bedienten sich HSV-Fans zu maximal 5% beim Verein selbst, wenn es darum ging, Informationen über Spieler, Trainer, den Verein etc. zu bekommen. Heute sind es mehr als 50%. Entsprechend „gesteuert“ sind diese Infos dann natürlich auch.

Aber natürlich ist der HSV nicht allein, Vorreiter dieser Entwicklung ist  – wen überrascht es?- der FC Bayern München. Aktuell konnte man im „Fall Hoeneß“ erkennen, dass die Bayern wirklich wichtige Informationen (Nachfolger Hoeneß, Rücktritt aus den Gremien etc.) über die vereinseigene Website verkünden und die Medien können sich hier bedienen.

Mag mal eventuell entrüstet oder gar enttäuscht über diese Art der Zensur sein, so sollte man sich (besonders die Medien selbst sollten dies tun) fragen, warum diese Entwicklung eingesetzt hat.

Wie würde man selbst agieren, wenn über einen selbst massiv Falschmeldungen, Halbwahrheiten oder gar Lügen in Umlauf gebracht wurden ?

Was würde man selbst machen, wenn man teils erpresst wurde, wenn man hintergangen und belogen wurde ?

Ganz einfach – man würde die Verbindungen kappen. Man würde, hätte man die Möglichkeit, die tatsächlichen Vorgänge so weit es geht aus der eigenen Sicht schildern, um Mißverständnisse zu vermeiden und man würde natürlich versuchen, sich selbst im bestmöglichen Licht zu präsentieren.

Schuld an dieser Entwicklung haben aber nicht die Vereine, sie reagieren anhand aufkommender technischer Möglichkeiten (eigene Website, Vereins-TV, Facebook, Twitter etc.) nur in dieser Form, weil in der Vergangenheit unfair mit ihnen umgegangen wurde.

Es heißt „Säge nicht an dem Ast, auf dem du sitzt“. Ein Großteil der Medien hat nicht nur den Ast abgesägt, sie haben den gesamten Wald abgeholzt. Und heute weinen sie, weil sie nichts mehr bekommen – außer vielleicht den Unmut und die Abwanderungs-Gelüste ihrer Leser.

Dumm gelaufen.

Das Trainingsvideo ist von heute (20.03.2014) und nicht vom Februar

 

Von | 2014-03-20T18:36:22+01:00 20. März 2014|Allgemein|6 Kommentare

6 Comments

  1. Buttje 20. März 2014 um 11:55 Uhr

    Ich muss gestehen, dass ich beim Lesen der ersten Zeilen dachte: Nanu, was ist denn mit Grave los, kritisiert die Informationspolituk des Vereins, nachdem er sich zuvor über die Geschwätzigkeit des Spodi beschwert hat. Dann ging es aber doch in die richtige Richtung, so dass ich dem voll und ganz zustimmen kann! Die Herren Hamburger „Qualitätsjournalisten“ haben selbst schuld, wenn sich das gebrannte KInd zur Wehr setzt. Auch OK scheint sich die letzten Tage doch endlich mal zurückzuhalten, auch wenn er sich nun in kleinen Erfolgen suhlt, für die eigentlich sein Vorgänger verantwortlich ist – wer hat schließlich die Spieler, die nun positiv im Fokus stehen, verpflichtet? Mit der Hetzkampagne gegen vdV sägt die Hamburger Presse nun allerdings nicht mehr nur am Ast, sondern gleich am ganzen Baum!

    • Gravesen 20. März 2014 um 12:51 Uhr

      Hier finde ich z.B., dass der Verein zu wenig tut. Anstatt dort massiv gegenzusteuern und zu dokumentieren, dass van der Vaart sehr viel dafür tut, wieder fit zu werden, läßt man ihn allein im Regen stehen.

  2. profachpersonal 20. März 2014 um 14:11 Uhr

    Ist auch ein schmaler Draht, wenn man sich eloquent zeigen möchte, andererseits aber nicht als (permanenter) Phrasendrescher verurteilt werden möchte. Bei Slomka fällt das imho weniger auf, weil er einen großen Wortschatz zu haben scheint.

    Das bei einem Interview immer Offizielle dabei sind, verwundert mich aber schon. Oder warum kann man lesen, wenn ein Arslan über „vorne rumdödeln“ referiert?

  3. Jakob.K 20. März 2014 um 23:22 Uhr

    Hallo Gravesen,
    kannst Du die HSV-Pressekonferenz hier reinstellten? Das ist noch der einzige Grund den „Qualitätsjournalisten“ Klick zu schenken. Würde ich gern vermeiden 😉
    Das noch kurz zu den „Verbesserungsvorschlägen“ 😉

    • Gravesen 21. März 2014 um 10:17 Uhr

      Ich fürchte, ein tatsächlicher Mitschnitt ist nicht erlaubt, da hätten SKY und die DFL ein leichtes Problem 😉

  4. HSV-Dolly 21. März 2014 um 10:14 Uhr

    Hallo,

    super das Video. Vielen Dank davon könnte es mehr geben unsere Jungs mal beim Training zu sehen finde ich echt Klasse.

    Danke.

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