„Der HSV lebt seit Jahren in einer schwarzen Wolke und kommt nicht mehr raus“

Dieser Satz, den ein HSV-Verantwortlicher vor einiger Zeit in einem Gespräch sagte, hat sich irgendwie in mein Gedächnis gebrannt. Warum ? Weil er wahr ist. Weil er das beschreibt, woran es in diesem Verein krank. Der gesamte Verein ist von einer negativen Aura umfasst, die jeden noch so kleine positiven Ansatz im Keim zu ersticken droht.

Tatsächlich ist es schon so weit gekommen, dass viele Fans und Mitglieder an eine positive Entwicklung nicht mehr glauben wollten. HSVPLUS, seine Unterstützer im Hintergrund, der neu gewählte Aufsichtsrat und vor allem der neu zu bestimmende Vorstand – sie alle stehen zusammen vor einer wahren Herkules-Aufgabe. Die Fragen, die es zu beantworten gilt. lauten: „Wie drehe ich den Trend um ? Wie mache ich aus schlecht gut ? Wie schaffe ich es, im gesamten Verein, im Umfeld, in der Mitgliedschaft, bei den Fans, aber auch bei den Sponsoren für eine nachhaltige Aufbruchstimmung zu sorgen, die nicht nach der ersten Saisonniederlage wieder einmal wie ein Kartenhaus zusammenbricht ?

Zuerst einmal dadurch, dass man endlich einmal mit einer Stimme spricht und das am besten öffentlich so selten wie möglich. Habe ich auch Verständnis dafür, dass sich der designierte Aufsichtsrat und an erster Stelle dessen Vorsitzender Karl Gernandt genötigt fühlt, sich zu bestimmten Themen öffentlich äußern zu müssen, so muss jetzt unmittelbar damit Schluss sein. Nicht nur ich, sondern auch viele Fans und Mitglieder wollen von dem zukünftigen Aufsichtsrat eigentlich überhaupt nichts mehr hören. Es sei denn, es gibt Vollzug zu vermelden wie beispielsweise in der Personalie Dietmar Beiersdorfer.

Dies ist aber nur ein Teil im Puzzle. Ein anderer Teil wird es sein, die gedrückte Stimmung im Verein selbst zu verbessern. Geht man durchs Stadion, durch die Raute, begibt man sich in unmittelbare Nähe derer, die vom Hamburger Sport Verein ein Gehalt beziehen oder die ehrenamtlich tätig sind, so hat man das Gefühl, das dort jeder sein eigenes Süppchen kocht. Es gibt keinen echten Teamgedanken, aber wie auch. „Team“ muss von oben vorgelebt werden und wie man alles andere als wie ein Team arbeitet, konnten wir in den letzten Jahren im Vorstand und Aufsichtsrat beobachten. Natürlich kann ich von meinen Mitarbeitern nicht erwarten, dass einer für den anderen einspringt, wenn sich die Führung des Unternehmens gegenseitig die Beulenpest an den Hals wünscht.

Dieser Teamgedanken setzt sich von ganz oben bis ganz unten durch und wir reden hier nicht von einem Unternehmen von mehreren Tausend Mitarbeitern. Alles zusammen beschäftigt der HSV inkl. Mannschaft, Trainerstab etc. über den Daumen 200 Menschen, also eine Größenordnung, in der eigentlich jeder jeden kennen sollte.

Aber kennen die Spieler beispielsweise die Kollegen (und etwas anderes sind diese nicht) beim Ticketing ? Kennt ein Rene Adler die Kollegen, die die Stadionführungen machen ? Kennt Hakan Calhanoglu die Jungs und Mädels aus dem HSV-Museum ? Höchstwahrscheinlich nicht und ich frage mich dann, warum nicht ? Es sind alles zusammen HSV-Angestellte, ob sie nun € 40.000 oder € 2 Mio im Jahr verdienen.

Auch die Spieler müssen wissen bzw. sie müssen in die Pflicht genommen werden, was dies für ein Verein ist, für den sie spielen. Der ihr Arbeitgeber ist. Fährt man das Prinzip der Mehrklassen-Gesellschaft in einer Gemeinschaft von knapp 200 Personen weiter, wird sich nicht viel ändern.

Aber auch hinsichtlich der Mannschaft selbst muss sich vieles ändern. Wie kann es beispielsweise sein, dass man mit Beister und Rajkovic zwei Langzeitverletzte im Verein hat, die vom Augenblick ihrer Verletzung für den Verein selbst scheinbar keine Rolle mehr spielen? Und zwar so lange, bis sie wieder auf dem Platz stehen. Warum kümmert man sich nicht um diese Spieler und wenn man sich kümmert, warum kommuniziert man es nicht? Warum besorgt man den Spielern Wohnungen und Autos, kümmert sich auf der anderen Seite nicht, wenn es den Spieler mies geht?

Es gibt überlieferte Geschichten von Spielern, da stehen einem die Haare zu Berge. So soll vor einigen Jahren ein damals 17-Jähriger Chrisantus weinend in der Geschäftsstelle gestanden haben, weil ihm der Verein zwar ein Handy besorgt hatte, aber niemand da war, der ihm erklärte, wie ein WC in Deutschland zu bedienen wäre.

Der „neue“ HSV steht vor der Aufgabe, sich im Grunde komplett neu erfinden zu müssen und dabei seine Traditionen behalten zu können. Der „neue“ HSV muss eine positive Stimmung erzeugen, die auch einmal einen Sturm aushält. Wo man sich streiten und trotzdem sicher sein kann, dass man an einem Strang zieht und für eine Sache kämpft. Der „neue“ HSV muss sich selbst wieder zu vertrauen lernen, anders wird es nicht gehen.

Dabei muss der „neue“ HSV sich darüber im Klaren sein, dass er von Seiten der Medien keinerlei Unterstützung zu erwarten hat. Sorry, aber über diese Journalisten, die sich als „HSV-Fans“ bezeichnen, kann ich nicht mal mehr weinen. Und die Vermutung, die Herren von der Presse würden sich doch auch nur einen erfolgreichen HSV wünschen, ist weniger als eine Legende. Über einen erfolgreichen Verein kann man immer nur kurz berichten, aber Skandale und Katastrophen kann man wochenlang ausschlachten.

Es gibt unendlich viel zu tun und man kann unendlich viele Fehler dabei machen, aber wenn man es nicht endlich mal macht, ist es zu spät.

Bei allem Wunsch nach Veränderung innerhalb des Vereins, seinen Gremien, des Mitteilungsbedürfnisses seiner Kontrollorgane müssen sich auch die Fans und Mitglieder des HSV darüber im Klaren sein, dass sie selbst sich ändern müssen. Wir müssen demütiger werden und damit meine ich nicht genügsam. Man darf Ansprüche an sich selbst, an den Verein und die Mannschaft haben und man darf sie  auch äußern. Aber diese Ansprüche müssen realistischer und erfüllbarer werden. Und wir müssen demütiger gegenüber dem Zustand sein, dass der HSV immer noch als einziges Gründungsmitglied der Bundesliga ununterbrochen in der obersten Klasse spielen kann. Dies ist keinesfalls selbstverständlich und sollte mehr als Geschenk denn als Bürde verstanden werden.

Wir sollten auch auch geduldiger mit Spielern und Trainern werden, ebenso mit Vorständen. Wie oft muss man aus besonders berufenen Mündern lesen und hören, dass Spieler, die in Hamburg „großgezogen“ wurden, beim HSV keine Chance erhielten und woanders zu Leistungsträgern und Nationalspielern wurden? Aber lustigerweise waren es zumeist exakt diese „berufenen Münder“, die eben diese Spieler verteufelten, als sie beim HSV versuchten, ihre ersten Schritte ins Profileben zu vollziehen. Wir behaupten, die Durchlässigkeit von den Jugend- bzw. Nachwuchsmannschaften wäre beim HSV nicht gegeben, aber wie sieht es mit der Durchlässigkeit unserer eigenen Erwartungshaltung aus? Wurden nicht Spieler wie Sam, Choupo-Moting etc. in Hamburg zum Teufel gewünscht, als sie hier als Anfang 20-Jährige nicht so funktionierten, wie sich die Experten auf den Sitzplätzen und die Rentner am Trainingsplatz vorgestellt hatten? An die eigene Nase fassen und dann erst kritisieren, bitte!