Das Geschäft ist laut genug, Teil 2

Interview mit Peter Knäbel, Direktor Profi Fußball

 

HSV-Arena: „Lassen sie uns zu den aktuellen Themen kommen, in den letzten zwei Wochen gab es zwei Vorfälle, über die man sprechen sollte und die ein Indiz dafür sein könnten, warum beispielsweise Trainer nach relativ kurzer Zeit immer wieder scheitern. Zuerst wurde kurz nach einer Sitzung bekannt, dass der Torhüter getauscht wird und in einem anderen Fall wurde bekannt, dass sich zwei Spieler in der Kabine an die Gurgel gegangen sein sollen. Normalerweise sollte doch das, was in der Kabine passiert respektive besprochen wird, in der Kabine bleiben. Wie gehen sie damit um? Haben sie das ähnlich wahrgenommen?

PK: „Mich beschäftigt eigentlich vielmehr, dass wir unmittelbar nach einem Abschlusstraining öffentlich darlegen, welches die taktischen Überlegungen des Trainers sein könnten und das ist meiner Meinung nach extrem schwierig. Der Standard ist eigentlich doch schon woanders. Das beschäftigt mich, wobei es natürlich ein sehr sensibles Thema ist, aber eigentlich könnte wir doch gleich die DVD vom Abschlusstraining an Jürgen Klopp schicken.

Zum anderen Thema – die Suche nach Maulwürfen bringt überhaupt nichts. In der öffentlichen Darstellung ist für mich wichtig, dass die Spieler nichts Negatives über den HSV sagen, nichts Negatives über den Mitspieler und dass sie sich an die Regeln halten, die hier gelten. Wenn dann mal etwas aus der Kabine nach draußen dringt, dann wird das wohl schon stimmen, aber ich habe einen relativ unverkrampften Umgang damit.

Letztendlich ist das alles doch auch eine Sache der Betrachtungsweise. Wenn man gewinnt, dann kann man solche Vorgänge positiv interpretieren. „Guck an, der akzeptiert seine Rolle nicht so einfach, der kämpft“. Wenn man verliert, wird auch gern ein „Jetzt gehen die sich schon gegenseitig an den Kragen“ daraus.

HSV-Arena: „Wie sanktionieren sie Fehlverhalten?“

PK: „Von Geldstrafen halte ich überhaupt nicht viel, aber wenn etwas passiert, was uns nicht passt, werden wir schon die richtigen Mittel finden“.

HSV-Arena:Wir haben vorhin von Regeln gesprochen. Sind das eigentlich jetzt andere Regeln, seitdem sie und die Herren Beiersdorfer und Peters hier sind? Ist dort etwas verändert worden, eine Ansage gemacht worden? Ich frage deshalb, weil es ja dieses berühmte Video von Thomas Tuchel gibt, in dem er sich darüber verwundert zeigte, dass zu Beginn seiner Amtszeit nicht mal zusammen gegessen wurde.“

PK:Eigentlich muss man sich doch wundern, dass man das überhaupt sagen muss, oder? Auch da gilt bei mir das Prinzip, dass ich erst mal gucke, was überhaupt da ist. Ich habe hier nicht das Gefühl, dass man bei uns etwas drastisch verändern müsste, bisher ist das Verhalten problemlos. Natürlich gibt es hier und da etwas, was man mal hört, aber nichts, wo man jetzt mit der Axt dazwischen hauen müsste.

Natürlich muss man handeln, wenn etwas passiert und dann auch konsequent, ansonsten macht man sich unglaubwürdig. Wichtig ist, dass die Spieler ja sagen können zu den Regeln, die wir aufstellen, weil ich mir sicher bin, dass auch eine Mannschaft Leitlinien will. Am Ende zählen die Spielregeln für mich genauso wie für die Spieler, ich bin ja auch ein Teil vom Ganzen.

HSV-Arena: „Nochmal zurück zum Thema „Nicht öffentliches Training“. Vor einiger Zeit hatte der damalige Trainer Thorsten Fink das Thema angestoßen und war bei einigen Fans auf heftige Ablehnung gestoßen. Bei anderen Verein ist das mittlerweile Gang und Gebe. Wie stehen sie dazu?“

PK:Es ist richtig, dass dies in anderen Vereinen, in anderen Ländern anders gehandhabt wird und man kann davon aus gehen, dass diese Vereine dann auch ihre Gründe dafür haben. Auf der anderen Seite muss man selbstverständlich auch die dazugehörige Infrastruktur berücksichtigen. Ich halte nichts davon, die Zuschauer mit Sicherheitsleuten vom Trainingsplatz fernzuhalten, aber es ist auf jeden Fall ein Thema, mit dem wir uns beschäftigen.

HSV-Arena: „Ist es nicht auch eine Frage der Kommunikation? Also das man den Leuten es begrifflich machen kann, dass ein Training ohne Zuschauer für den sportlichen Erfolg wichtig sein kann?“

PK:Ich finde, man sollte das Thema trotz der Wichtigkeit einigermaßen entspannt angehen sollte. Der HSV wird, solange ich hier was zu sagen habe, nie ein Verein sein, der sich abschottet. Wie leben von den Fans und wir leben mit den Fans. Aber der HSV muss sich auch dort, wo Potenzial ist, um sich professionell weiter zu entwickeln, Schritte gehen, die helfen sollen, um erfolgreicher Fußball zu spielen.

HSV-Arena: „In der Vergangenheit gab es immer mal wieder Spieler, die sich ungerecht behandelt gefühlt haben, die das auch öffentlich kommuniziert haben. Insbesondere galt dies für aussortierte Spieler, die dann mit der U23 trainieren mussten oder für Spieler, die ausgeliehen waren. Aktuell kann man dort eine Veränderung erkennen, besonders der Kontakt zu den verliehenen Spielern wie Tah oder Demirbay scheint relativ intensiv zu sein. Wie stellen sie sicher, dass dieser Kontakt aufrechterhalten wird? Gibt es besondere fixe Termine oder einen bestimmten Ansprechpartner?

PK: „In erster Linie ist es erst mal gut, dass die Spieler überhaupt etwas vom HSV hören. In Kontakt zu bleiben heißt, Interesse zu spüren, Wertschätzung zu erfahren. Man muss Spieler nicht ausleihen, wenn man sich am Ende nicht mehr für sie interessiert. Kümmert man sich nicht, verliert man eventuell nicht nur einen guten Spieler, sondern auch viel Geld. Insofern ist es für mich zwingend notwendig, das zu tun. Sichergestellt wird es auf der einen Seite über die Scouting-Abteilung, über die wir auch die Berichte über unsere verliehenen Spieler bekommen. Natürlich gucken wir auch außerhalb, aber auf der Scouting-Liste steht in dem Fall auch ein eigener Spieler wie Jonathan. Gestern habe ich mich mit seinem Berater, Christian Nerlinger, getroffen und ich werde den Spieler persönlich in Düsseldorf besuchen und nicht gerade, wenn er zufällig gegen St. Pauli in Hamburg spielt. Echtes Interesse heißt für mich auch: Flugkilometer machen, Autokilometer machen, mit den Jungs hinsetzen, Zeit verbringen.

Didi Beiersdorfer ist ein Typ, der das gern macht, insofern teilen wir uns diese Aufgabe.

Natürlich kann das im negativen Fall auch mal heißen: „Schau, Plätze besetzt, willst du nicht bleiben?“ Die Spieler sind doch auch nicht blöd, die merken auch, ob man immer nur dann kommt, wenn es um Transfer oder nicht geht.

HSV-Arena:“Anderes Thema. Sie selbst sind ausgebildeter Trainer, einige ihrer Manager-Kollegen sind es nicht. Finden sie persönlich es wichtig, als Sportchef auch die Trainer-Seite zu kennen und ein Ansprechpartner auf Augenhöhe zu sein oder ist das nicht notwendig?“

PK: „ Ja und nein. Ja, weil es helfen kann, dass man sich in die Rolle des Trainers hinein versetzen kann. Man kann im Zweifelsfall besser beurteilen, welche strategischen Mittel der Trainer noch zur Verfügung hat. Man versteht den Trainer besser, wenn man dessen Handwerk nachvollziehen kann. Auf der anderen Seite nein, weil es alles Experten sind. Nehmen wir das Beispiel Uli Hoeness, der hat seinen Trainern garantiert im Hinblick auf die Menschenführung weitergeholfen. Es ist eine Facette, die man als Manager ausleben kann, aber wichtig ist, dass es zwischen Manager und Trainer passt. Es macht überhaupt keine Sinn und ist eher kontraproduktiv, wenn der Manager denkt, er wäre der bessere Trainer. Am Ende ist die Frage: Wie groß ist die Qualität?“

HSV-Arena:Stichwort Integration und Transfers. Bei den Sommertransfers ist aufgefallen, dass sie fast ausschließlich (Ausnahme Cleber) auf Deutsche bzw. deutschsprachige Spieler gesetzt haben. Warum eigentlich?

PK: „Als wir mit der Kaderplanung begonnen haben, war Didi noch allein und die Transferaktivitäten waren eine Facette seiner Tätigkeit. In dieser Phase setzt man dann gern auf die „Karte sicher“, das heißt, man möchte nicht zu viel Energie mit Integrationsproblemen verschwenden. Ich selbst bin auch ein Typ, der sagte, dass wir Spieler haben müssen, die sich schnell integrieren können. Wenn man dann trotzdem ins Risiko gehen will und auf den asiatischen oder afrikanischen Markt zurückgreifen möchte, muss man ein sehr sehr gutes Betreuungsteam drum herum haben und man muss auch den Typ an Mensch finden, der neugierig genug ist. Am besten wäre es natürlich, wenn man einen Anteil an Spielern in der Kabine hätte, der Norddeutsch spricht.

HSV-Arena: „Haben sie dieses Betreuungsteam?“

PK: „Zum jetzigen Zeitpunkt würde ich davon absehen, weil wir andere Baustellen haben. Zudem gibt meiner Meinung nach der europäische Markt bzw. der Markt, der dicht an Deutschland liegt, genug her. Aber wenn wir etwas machen, dann machen wir es auch richtig. Ich unterschätze die Arbeit, die es benötigt, einen Spieler perfekt zu integrieren, überhaupt nicht. Was Cleber betrifft: Brasilianer sind extreme Familienmenschen und ich denke, für den Spieler wird es wichtig sein, seine Familie um sich zu haben. Erst dann ist seine Integration auf einem höheren Niveau, der ganze emotionale Aspekt gehört für mich dazu. Insofern haben diese Spieler auch ihre Zeit verdient“

HSV-Arena: „Letzte Frage: Sie haben selbst lange Jahre beim FC St. Pauli gespielt. Gibt es aus ihrer Sicht etwas, das der HSV von St. Pauli lernen kann?“

PK:Ich war angenehm überrascht, dass meine St. Pauli-Vergangenheit bisher überhaupt kein Thema war. Eigentlich weiß ich gar nicht, wie St. Pauli jetzt tickt, immerhin war ich 15 Jahre nicht da. Ich denke, es hat Platz für Beide und bevor wir die gegeneinander ausspielen, spielen wir mal den Norden gegen den Süden aus. Ich bin froh, dass ich hier bin.

Von | 2014-12-05T09:07:10+01:00 5. Dezember 2014|Allgemein|3 Kommentare

3 Comments

  1. ausgegliedert 5. Dezember 2014 um 12:06 Uhr

    Hallo Grave,
    wie ist denn nach diesem Interview dein persönlicher Eindruck von Knäbel? Fachlich klingt das nachvollziehbar, verfängliches habe ich auch nicht entdeckt, möge der HSV einiges so angehen, wie seitens PK angedeutet.

  2. Marcel Aimaq 5. Dezember 2014 um 14:20 Uhr

    Sehr schön, ich hätte an Ihrer Stelle das Interview einfach veröffentlich, so ein paar Deppen beim HSV.
    Hätte doch eh keine Konsequenzen nach sich gezogen oder?
    Was mich nur wundert, warum Sie so lange damit gewartet haben,
    Evtl. liest ja einer aus der Jounalie mit und lernt etwas davon, anstatt über die Frisuren der HSV Spieler zu sprechen…

    Aber manchmal habe ich das Gefühl, die Leute wollen das einfach so, genauso die Bauer Sucht Frau und so ein Rotz, die Leute schalten ja trotzdem ein.
    Evtl. sind die Antworten von Herrn Knäbel zu hochtragend für das „gemeine“ Volk?!?

    Eine Frage vermisse ich persönlich aber:
    Kaderplanung ohne, bzw. mit geringen Mitteln, wie er sich das vorstellt.
    Da hatte mich ihr FB Eintrag über Knäbel etwas überrascht.
    Denke schon, das er das versteht und es ist ja auch quasi eine „neue“ Chance das Gesamtgehaltsgefüge endlich in die richtigen Bahnen zu bringen und keine (unnötig) hochdotierten Veträge raus zu hausen, die den Verein auf Jahre noch nachhängen.
    Wieso meinen Sie, dass er das nicht versteht? (Wäre ja auch ein Punkt für das Interview gewesen oder?)

    Und meine letzte Frage:
    Sie schrieben auf FB, dass Jarolim am nächsten Tag als Trainer vorgestellt wird, was aber nicht der Fall ist.
    Ist er da noch im Gespräch, wird da noch was kommen?

    Grüße

  3. Sven 5. Dezember 2014 um 15:52 Uhr

    „Mich beschäftigt eigentlich vielmehr, dass wir unmittelbar nach einem Abschlusstraining öffentlich darlegen, welches die taktischen Überlegungen des Trainers sein könnten und das ist meiner Meinung nach extrem schwierig.“ – Wichtigster Satz für mich in diesem Teil des Interviews. Übrigens: Dank für’s veröffentlichen. – Völlige Kracher sind wirklich nicht drin. Es scheint einerseits wirklich nur aus HSV-Sicht um die Einhaltung der Hackordnung gegangen zu sein. Andererseits werden die MSM sich ausbedungen haben, dich „kaltzustellen“, schon alleine weil sonst regelmäßige Interviews durch dich quer durch den Verein deren Huschhusch-Schlagzeilen-Journalismus arg unter Druck setzen würde. Nimm’s wie die Indianer: viel Feind, viel Ehr.^^

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