Ich brauche Ehrlichkeit (Teil 2)

Exklusiv-Interview mit Horst Hrubesch, Trainer der deutschen U21-Nationalmannschaft

HSV-Arena: „Und wenn du die Spieler dann bei dir hast, läuft viel über Gespräche?“

HH: „Bei der Zusammenstellung einer Mannschaft muss man darauf achten, ob die Charaktere zusammenpassen oder nicht. Es nützt dir nichts, wenn du eine Mannschaft mit ausschließlich Individualisten zusammenstellst oder mit Elf, die nur rennen und kloppen. Die Mischung ist wichtig. Außerdem muss man bereit sein, den Spielern, die hinten an stehen, zu zeigen, was fehlt. Wo kann ich mich noch verbessern? Ich selbst bin dabei ein ganz gutes Beispiel: Ich bin ein Spätstarter gewesen. Wenn man als 23-Jähriger mit der Bundesliga anfängt, fehlen dir 5 Jahre, die holst du auch nicht mehr auf. Ich habe das dann doch ganz gut kompensieren können, weil ich immer gearbeitet habe, in jedem Training. Training bedeutet nichts anders als: Üben, an den Schwächen arbeiten, sich verbessern wollen.

HSV-Arena: „Ein gern benutztes Klischee lautet: Früher war alles besser. Ist das wirklich so? Hat sich in der Mentalität der Spieler etwas geändert? Hat man heute eher Individualisten?

HH: „Wie hatten früher Individualisten, die sich selbst vernichtet haben, die nicht bereit waren, dafür zu arbeiten. Die sind dann auf der Strecke geblieben. Wir hatten früher auch ein anderes Hierarchie-Verständnis, die Bedeutung der älteren Spieler war eine andere. Heute steigen junge Spieler schon früh in der Hierarchie einer Mannschaft auf. Bei meinen Jungs erwarte ich, dass der „Alte“ dem „Jungen“ hilft, immerhin habe ich 20, 21-Jährige, aber auch 18, 19-Jährige bei mir.  Auf der anderen Seite will ich auch, dass der „Junge“ dem „Alten“ sagt, was er denkt, es muss ein Zusammenspiel sein. Eines haben ich festgestellt: Ich bin 63, aber ich kann von denen immer noch was lernen und sie von mir. Das ist ein Geben und Nehmen. Basis für alles ist und bleibt Ehrlichkeit.“

HSV-Arena: „Man kann also sagen, dass im Jugendbereich die Basis nicht nur für die sportliche Karriere, sondern auch für die charakterliche Entwicklung des Spielers gelegt wird?“

HH: „Das ist ja das Schöne beim DFB. Natürlich haben wir auch Druck, wir wollen ja etwas mit diesen Mannschaften erreichen. Aber wir arbeiten ab der U15 absolut übergreifend, wir wissen also im Grunde alles über den Spieler. Teilweise ist es so, dass man manchmal schon eine Art Personal-Trainer für einzelne Spieler ist. Andere sind schon weiter, die brauchen nicht so viel Unterstützung und Hilfe. Ich hatte bei mir in den letzten Jahren ein, zwei Spieler, wo ich wusste: „Wenn du da nicht dran bleibst, dann wird es enger“. Aber die Mannschaft brauchte diese Spieler. Allerdings kommt irgendwann der Punkt, an dem es der Spieler begriffen haben muss.

HSV-Arena: „Wann ist ein Spieler „fertig“?

HH: „Der „fertige“ Spieler ist der, der seine Karriere beendet hat. Es gibt keinen fertigen Spieler. Wenn du aufhörst zu lernen, läufst du hinterher. Das ist wie im Leben, das ist heute nicht anders als zu unserer aktiven Zeit.“

HSV-Arena: „Hat das ganze Drumherum, die Berater, Eltern etc. heute einen größeren Einfluss auf die Laufbahn eines Spielers und wie begegnest du dem?“

HH: „Wir hatten zu unserer Zeit nicht diese Präsenz in den Medien, aber für uns war es schon verdammt viel. Die heutigen Spieler wachsen damit auf, insofern ist der Unterschied zu früher nicht so groß wie man vielleicht denkt. Auf der anderen Seite sehe ich unsere Stützpunkte, bei denen wir die 10 bis 11-Jährigen sichten. Dort treiben sich sämtliche Scouts der deutschen Vereine rum und sprechen die Spieler und die Eltern an. Vielfach ist es so, dass die Eltern überfordert sind. Sie kennen das Geschäft überhaupt nicht, dann kommen die Berater, die übernehmen. Ob das so schlau ist, weiß ich nicht. Normalerweise denke ich, dass ein Spieler, der in die Bundesliga wechselt, keinen Berater mehr braucht.“

HSV-Arena: „In den letzten Jahren gab es vermehrt Nachrichten, die von dem nächsten Sensationswechsel berichteten. „10-Jähriger wechselt zu XXX“. Wie stehst du dazu, dass Kinder in diesem Alter bereits von einem Verein zum anderen wechseln?“

HH: „Wenn ein 10-Jähriger bei einem kleinen Dorfverein spielt und wirklich gut ist, wird er irgendwann wechseln, das ist sicher, das kommt automatisch. Die Frage ist: Was für eine Persönlichkeit ist er? Der entscheidende Faktor ist: Wer begleitet ihn auf diesem Weg? Von einem Wechsel eines 10-Jährigen halte ich auch nicht viel, aber mit 14, 15 Jahren muss man diesen Schritt machen, um den Anschluss zu halten, ansonsten ist es zu spät. Ganz wichtig auch hier – wie ehrlich wird er begleitet? Die wichtigste Aufgabe der Leistungszentren ist es, die Jungs als Menschen auszubilden“

HSV-Arena: „Wie gehst du selbst mit „Ausreißern“ um, also mit qualitativ hochwertigen Spielern, die auch aufgrund ihres Alters disziplinäre Probleme haben?“

HH: „Grundsätzlich suche ich das Gespräch und ich versuche, die Spieler mitzunehmen. Dann erwarte ich, dass der Spieler daran arbeitet, sich einzugliedern. Wir sind eine Gruppe, aber wenn ich einen Spieler habe, der diese Gruppe stört, dann hilft mir das beste Talent nicht. Das mache ich dem Spieler klar, aber ich mache dem Spieler auch klar, welchen Wert er für die Gruppe haben kann, wenn er an sich arbeitet und sich eingliedert. Er muss bereit sein, genauso viel für die Anderen zu arbeiten, wie sie für ihn arbeiten.“

HSV-Arena: „Hätte ein 19-Jähriger Horst Hrubesch bei dem Trainer Horst Hrubesch heute noch eine Chance?“

HH: „Ja. Ich versuche es mal zu erklären. Durch das System in Deutschland, die kleinen Vereine unten usw. und dadurch, dass wir heute schon die 10 bis 11 Jährigen in den Länder-Stützpunkten haben, gibt es kaum einen Spieler, den wir nicht gesehen haben. Also gibt es Spieler, die dort bereits herausstechen und die wir dann später in den U15, U16-Nationalmannschaften sehen. Aber es gibt auch Spieler, die kommen seitlich. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen der letzten 3, 4 Jahre. Wir haben überlegt, ob wir zusätzlich zu den Stützpunkten nicht auch noch Fördervereine gründen, weil ich glaube, dass der Eine oder Andere noch über einen zweiten Weg kommen kann. Deshalb gibt es unter anderem auch die U20-Nationalmannschaft, die keinen Wettbewerb spielt. Hier können wir die Jungs fördern, die nicht aus der U19 direkt in die U21 wechseln. Ein Benny Höwedes ist ein gutes Beispiel. Der war zwar in den U-Auswahlen dabei, hat aber nicht immer gespielt. Heute ist der Weltmeister.“

HSV-Arena: „Innerhalb der Bundesliga-Vereine existieren bekanntermaßen unterschiedliche Nachwuchskonzepte. Wie wichtig ist deiner Meinung nach der Faktor personelle Kontinuität an dieser Stelle?“

HH: „Wichtig ist es, dass man, wie beim DFB, übergreifend arbeitet, die Trainer müssen sich über die Jahrgänge hinweg ständig austauschen. Natürlich ist personelle Kontinuität, eine Berechenbarkeit wichtig, aber ich möchte etwas anderes dazu sagen. Ich behaupte, dass ich, wenn ich einen Kreis um Hamburg ziehe, mit maximal 80 km Abstand zur Stadt, dass ich in der Lage bin, aus diesem Fundus an Spielern eine absolut taugliche B-Jugend und eine absolut taugliche A-Jugendmannschaft zu rekrutieren. Wer sich dann bis ganz nach oben durchsetzt, wird man dann sehen. Das hängt davon ab, wie gut diese Jungs sind und wie gut der Leiter des Leistungszentrums ist. Wie gut sind sie aufgestellt, welche Trainer haben sie? Haben sie einen Psychologen dabei? Tatsache ist aber dennoch – und da können wir überall in der Bundesliga gucken, selbst bei Bayern München – dass man in der B-Jugend und in der A-Jugend maximal 3-4 Spieler hat, die es tatsächlich bis ganz nach oben schaffen werden. Die Frage ist dann: Fördere ich diese Spieler noch einmal gesondert?“

 Fortsetzung morgen mit Teil 3

Von | 2015-01-06T12:26:34+01:00 6. Januar 2015|Allgemein|7 Kommentare

7 Comments

  1. Rostein 6. Januar 2015 um 10:11 Uhr

    Dank für das einblickreiche Interview mit Horst Hrubesch.
    Ich finde es großartig, wenn ein Fast-Pensionär (wenn ich das so salopp sagen darf) von 63 Jahren die Reife (!) und Größe hat, zu sagen, daß er von einem 18jährigen noch etwas lernen kann und dazu bereit ist. Im Kopf ist Horst Hrubesch jung und frisch geblieben – und scheint nicht krampfhaft auf seine „altersgemäße“ Autorität pochen zu müssen.

  2. Blauer 6. Januar 2015 um 17:18 Uhr

    Sehr lesenswertes Interview. Bravo. Das Interview auf Goal ist dazu eine gute Ergänzung. Exzellent.

    • Gravesen 6. Januar 2015 um 17:25 Uhr

      Daniel und ich haben das Interview gemeinsam geführt, genauso, wie wir das Knäbel-Interview gemeinsam gemacht haben. Da er bei goal.com nicht soviel Platz zur Verfügung hat wie ich hier im Blog, habe ich die längere Version veröffentlicht. Exklusiv hatten wir es beide.

      • Jorgo 6. Januar 2015 um 18:56 Uhr

        ohh, dann kann Ballaballa-Dyller in Schmocks Einöde gar nicht an seiner
        These festhalten 🙂

        Ich freue mich auf den dritten Teil.

        • Gravesen 6. Januar 2015 um 18:58 Uhr

          Der kaputte Kasper gehört eh in die Gummizelle, den nimmt doch schon seit Jahren niemand mehr ernst.

  3. Gravesen 6. Januar 2015 um 20:19 Uhr

    HSV-Stimme.de

    Oooooooh. Und das nach der Riesenwelle

  4. Gravesen 7. Januar 2015 um 07:19 Uhr

    Inhalt der Kommentare im „Qualitätsblog“, in der Reihenfolge ihre Häufigkeit
    – dem Blogschreiber „erklären“, welchen Mist er wieder einmal verzapft hat
    – seine krankhaften Anwandlungen ausleben, weil in der Frittenbude gerade nichts zu tun ist (Dyller08/15)
    – dem Blogschreiber „erklären“, dass er absolut keine Ahnung hat
    – sich über den Lachs oder wahlweise Norman Bates auskotzen, weil man dort nicht mitmachen darf
    – einem anderen Kommentator „erklären“, dass er ein Vollidiot ist
    – inhaltsfreie youtube-Videos in den Blog stellen
    – Darts-Ergebnisse posten
    – anderen zeigen, dass man weiter pinkeln kann
    – „witzige“ Wortspielchen dazu benutzen, um andere dauerhaft zu provozieren und ihnen den Spaß zu verderben




    – sich zum eigentlichen Blog und zum HSV äußern.

    😀

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