Jeder bekommt den Verein, den er verdient

Dankefür nichts

Man sagt, dass jede Bevölkerung eines Landes immer genau die Regierung bekommt, die sie verdient. Wenn dies richtig ist, gilt es für die Anhänger eines Fußballvereins mindestens genauso, denn man bekommt immer nur das, was man auch einfordert. Nicht mehr. Der Hamburger Sportverein spielt seit Jahren Folterfussball und zwar unter absolut jedem Trainer, der so mutig war, diese Aufgabe zu übernehmen. Der HSV befindet sich seit dem Abgang von Bernd Hoffmann im Jahr 2011 im freien Fall, sowohl sportlich wie auch wirtschaftlich. Seit dieser Zeit durften sich Amateure wie Carl-Edgar Jarchow und Joachim Hilke an diesem Verein versuchen, über die Besetzung des alten Aufsichtsrats möchte ich lieber kein Wort mehr verlieren. Im Jahr 2015 leistet sich der HSV

den teuersten Vorstand aller Zeiten,

den teuersten Direktoriums-Apparat aller Zeiten,

den teuersten Kader aller Zeiten,

den finanziell größten Transfer-Aufwand in der Geschichte des Vereins,

die meisten Trainer-Entlassungen in einer Saison in der Geschichte des HSV,

den höchsten Schuldenstand in der Geschichte des Vereins,

den Verkauf von AG-Anteilen zu Dumping-Preisen,

den Bau eines Campus, der nur durch die Spende eines Fans zustande kommt,

mit 25 Toren in 34 Spielen die wenigsten Treffer in einer Saison,

17 Niederlagen in 34 Spielen, der Top-Torschütze erzielte 4 Treffer,

kurzum, der Hamburger Sportverein 2015 spielt erschütternden Fußball, ist eigentlich die Karrikatur eines Bundesligisten.

Die Reaktion der Fans? Null! Nichts! Niente! Nada! Zu jedem Heimspiel wackelt wieder mehr als 50.000 Unentwegte, lassen sich 90 Minuten lang foltern und verlassen kopfschüttelnd die Arena. Die Frage, ob diese Menschen mit einem Restaurant, in dem sie vergammeltes Fleisch vorgesetzt bekommen, ebenso nobel umgehen würden, stellt sich jedes zweites Wochenende. Stellt man einen Vergleich an, so wäre die Performance des HSV in etwa so, als würde der FC Bayern München bei dem Aufwand, den die Bayern betreiben, in der 1. DFB-Pokal-Hauptrunde gegen Aktivist Schwarze Pumpe ausscheiden,  in der Gruppenphase der Champions League nach Niederlagen gegen Ludogorez Rasgrad, NK Maribor und und Malmö FF Tabellenletzter und in der Bundesliga 9. werden.

Aber – hey, beim HSV ist doch alles supi endgeil. Liest man die strategisch lustig gewählten Interviews mit dem unsichtbaren MarketingHilki, Zauderschlumpf Didi und Graf Zahl Wettstein, so bekommt man doch unweigerlich den Eindruck, all dies sei nur ein Betriebsunfall und zwar seit nunmehr 4 Jahren. Alles klasse, Leute, der Verein ist bestens aufgestellt. Es wurden „Prozesse angeschoben“, es wurden „Strukturen verändert“ und es wurden auch „mentalitätsrelevante Ableitungen“ initiiert. Es kann also nur noch eine Frage von ungefähr 14 Jahren sein, bis der teuerste HSV aller Zeiten nicht mehr regelmäßig gegen den Abstieg spielt.

Die Reaktion der Fans? Nicht vorhanden, im Gegenteil. Eingelullt von Worthülsen, sediert von pseudo-intellektuellen Begrifflichkeiten nimmt der gemeine Fan eine untragbare Situation hin wie Schlachtvieh. Dieses „irgendwann wird’s schon wieder besser“ erinnert mich in fataler Art und Weise an einen misslungenen Dänemark-Urlaub, bei dem man jeden Morgen voller Hoffnung feststellte: „Dahin wird’s schon heller“. Wurde es aber nicht.

Wenn schon die Fans mangels mentaler Entkräftung oder eklatanter Blödheit nicht in der Lage sind, in irgendeiner Form eine Reaktion zu zeigen, müssten es nicht zumindest die einschlägigen Medienvertreter tun? Ich erinnere mich an Hoffmann-Zeiten, in denen man den Eindruck hatte, als wenn die Damen und Herren Journalisten rohe Leber zum Frühstück hatten und entsprechend das gepeinigte Volk motivierten. Sprech-Chöre wie „Hoffmann raus“ oder „Vorstand raus“ oder „Bis auf Hermann Rieger alle raus“ waren fast schon an der Tagesordnung und vergleicht man die damaligen Schulden- und Tabellenstände mit der aktuellen Situation, so möchte man gar nicht mehr aufhören, mit dem Kopf auf die Tischkante zu prügeln.

Nichts ist es mehr mit kritischen Nachfrage, vergessen sind substanzielle Analysen oder ein exaktes Saison-Fazit. Die ganz besonders feigen Pfeifen gehen jetzt sogar soweit, dass sie sich ihre belämmerten Leser einladen und von denen eine Kritik formulieren lassen, weil sie selbst, im Hauptberuf inzwischen Gefälligkeits-Journalist, keine Eier mehr haben. Oder kein Gehirn.

Herr Gernandt, seines Zeichens Vorsitzender des Aufsichtsrat der HSV Fußball AG, möchte angeblich nicht zur heutigen Mitgliederversammlung erscheinen, ein Grund wird (bisher) nicht angegeben. Allerdings war es Herrn Gernandt möglich, am 19.01.2014 damals noch als Sprecher des Herrn Kühne auf der Versammlung zu erscheinen und für HSVPLUS die Werbetrommel zu rühren. Und es war Herrn Gernandt auf der Mitgliederversammlung am 25.05.2015 möglich zu erscheinen, weil man sich dort gepflegt feiern lassen konnte. Heute nun gibt’s nicht viel zu jubeln, also bleibt 120%-Kuddel bzw. KronprinzKalle lieber weg, vielleicht liegt ja ein Krebsessen auf Sylt an, wer weiß.

Reaktion der Fans? „Er hat dort auch nichts verloren“. „Warum sollte er unbedingt erscheinen?“. Genau, Freunde, warum eigentlich?

Der Tag wird kommen, an dem eurer Didi scheitert, ganz sicher. Der Tag wird kommen, da wird auch dem letzten deutlich, was tatsächlich hinter dem „sympathischen Franken“ steckt, es dauert gar nicht mehr lange. Und dann?

Halt, ich weiß es, ich weiß es. Dann waren es bestimmt gaaanz fiese Blogger, die sich auf Kosten des HSV profilieren wollten und die den Helden verscheucht haben.

Ne, ihr kriegt genau den Verein, die Mannschaft, die Leistung, die Schulden, die Führung und auch die Presse, die ihr verdient. Aber dann hört auch auf, ab August 2015 rum zu jaulen, wenn es wieder gegen den Abstieg geht.

Von | 2015-06-14T08:14:47+02:00 14. Juni 2015|Allgemein|1 Kommentar

Ein Kommentar

  1. Bidriovo0 14. Juni 2015 um 11:10 Uhr

    Schöner Artikel. Mich wundert es bei einer Stadt wie Hamburg mit 1.000.000+ Einwohnern und dem Einzugsgebiet drumherum nicht, dass es immer wieder 50.000 Stadionbesucher gibt. Die Masse ist größer, als der HSV schlecht spielen kann und dann gibt es natürlich die Eventis, die gerne ins Stadion gehen, um einen De Bruyne, Robben etc. zu sehen.
    Ich bin auch unzufrieden mit der Arbeit Düdüs. Aber leider fehlt mir die Alternative und auf einen neuerlichen Politiker wie CEJ, der den Mist nur verwaltet und sukzessive verschlimmert habe ich keine Lust. Welcher kompetente Experte würde sich denn momentan den HSV antun? Ohne Alternative ist aber eine Palastrevolution schwer zu verkaufen, weil sich dann immer die Frage stellt „Und was dann?“.

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