Und ganz plötzlich bist du 27….

….und hast keinen neuen Verein.

Daniel Jovanov zeichnete gestern in seinem Artikel das Bild eines jungen Fußballspielers, dessen Karriere, trotz reichlich vorhandenen Talents, eben nicht so verlaufen ist, wie man es allgemein aus den Berichten des Kickers oder der SportBild kennt. Umut Kocin ist jetzt 27 Jahre alt und hat seit dem 30.06.2015 keinen neuen Verein, nachdem er zuletzt in der U23 des HSV aushalf.

Dabei begann es im Grunde absolut verheißungsvoll.

Kocin hat in seiner Karriere schon viel erlebt. Mit 15 wechselt er in die Jugendabteilung des HSV, spielt drei Jahre für die Rothosen. In der A-Junioren Bundesliga ist er Stammspieler, die Türen zum Profifußball scheinen ihm offen zu stehen. Zudem wird er Jugendnationalspieler der Türkei und durchläuft bis zur U21 sämtliche Jahrgänge. 2006 folgt er dem Ruf Thomas von Heesens und geht zur Arminia nach Bielefeld. „Umut war ein großes Talent, das sich in Bielefeld gut entwickelt und anschließend erfolgreiche Stationen durchlebt hat. Ein toller Junge, der sich aufgrund seiner professionellen Einstellung und seines Charakters viel mehr Spiele verdient hätte“, sagt von Heesen über ihn im Gespräch mit Goal .

Dann aber kam das, was man eben nicht in den Lebensläufen der Özils, Schweinsteigers oder Lahms sieht, es folgte eine Reihe von falschen Schritten, wobei manchmal nur einer reicht, um die Karriere es Fußballers aus der Bahn zu werfen. Eben dies ist es, was ich mit dem heutigen Blog vermitteln möchte. Wir sehen eigentlich immer nur die Karrieren und Lebensläufe der erfolgreichen Millionäre und vergessen dabei, wie viele Tausende und Aber-Tausende vielversprechenden Karrieren und Träume vorzeitig platzten, weil irgendjemand ein einziges Mal eine falsche Entscheidung traf.

Berater, Eltern, Freundinnen, falsche Freunde und und und. Die äußeren Einflüsse auf einen 18 oder 20-jährigen Leistungssportler sind vielfältig und wir müssen immer bedenken, dass wir von sehr sehr jungen Menschen reden, die in ihrer Persönlichkeitsentwicklung längst nicht vollständig ausgebildet sind.

Eine schwere Verletzung zum falschen Zeitpunkt, ein ungünstiger Trainerwechsel und alles kann ins Stocken, zum Stillstand oder zum Rückschritt kommen.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Gojko Kacar vor einigen Jahren, es war zu der Zeit, als der Spieler wieder einmal verkauft bzw. verliehen werden sollte, weil der aktuelle Trainer bzw. Sportchef nicht auf den Spieler stand. Zur Winterpause war ein Angebot des russischen Vereins Tom Tomsk eingetrudelt, Kacar hätte sofort wechseln können, er hätte dort sogar gut verdienen können und der HSV war scharf auf eine Ablösesumme. Kacar aber wollte nicht nach Sibirien,  weil „da komme ich nie wieder weg, dann bin ich dort gestrandet“. Heute muss man sagen, dass er damals als 25-Jähriger alle richtig gemacht hat, sein Vertrag in Hamburg wurde auch deshalb verlängert, weil er

1. zum Ende der Saison nicht nur gute Leistungen brachte, sondern weil

2. Trainer Labbadia von ihm überzeugt ist.

Nur kurze Zeit nach Kocins Verpflichtung wird die HSV-Legende allerdings entlassen. Ein Einsatz in der Bundesliga bleibt ihm verweht. „Ich habe in zwei Jahren bei der Arminia fünf verschiedene Trainer durchlebt. Jeder hatte seine ganz eigenen Vorstellungen“, blickt Kocin auf diese Zeit zurück. Doch sein Traum, in der ersten Liga zu spielen, sollte noch wahr werden. Als türkischer Jugendnationalspieler genießt der Linksfuß einen guten Ruf in der Heimat seiner Eltern. 2008 folgt ein Angebot vom türkischen Pokalsieger Kayserispor. Kocin wechselt und macht seine ersten Spiele als Profi. Sein persönliches Highlight: Die Qualifikationsspiele für die Europa League gegen Paris Saint-Germain.

Mit diesem Auf un ab muss man als junger Mensch erstmal fertig werden und es helfen auch keine Summen auf dem Konto, wenn man spürt, dass man zwar jeden Tag im Training Gas geben kann, am Ende aber trotzdem auf der Tribüne Platz nehmen muss. Vielfach wird dann von sogenannten „Fans“ eben doch die Geldkarte gespielt, das Argument „Die verdienen dermaßen viel, dafür müssen sie das aushalten“ wirkt nur leider nicht dort, wo es sich um Menschen mit Ängsten und Gefühlen dreht, wo jungen Spieler wissen, dass ihnen nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung steht.

Es dauert nicht lang, bis auch die Top-Klubs ein Auge auf ihn werfen. Kocin erfährt vom Interesse des damaligen Trainers von Fenerbahce Istanbul, Luis Aragones. „Ich hatte mitbekommen, dass mich Scouts von Fener beobachtet und positiv berichtet haben“, erzählt Kocin. Zum Wechsel an den Bosporus kommt es trotz einer Anfrage allerdings nicht.

Was schätzt ihr, wie oft das passiert? Der Berater erzählt dem Spieler vom Interesse eines „großen Vereins“, die Gedanken beginnen zu rasen. Dann bricht der Kontakt ab, der „große Verein“ bekommt einen neuen Trainer, das Interesse erlischt. Ergebnis: Der 22-Jährige, der sich vor einer Minute noch bei Arsenal London gesehen hat, muss auch in der nächsten Saison für Sandhausen kicken. Und vor allem: Er darf sich nicht hängenlassen und seine Enttäuschung zeigen.

„Mein Ex-Trainer Peter Pacult hat mich zu einem Gespräch nach Dresden eingeladen, aber ich habe mich auf die Angebote aus der Süper Lig konzentriert. Als sich ein Wechsel zerschlug, war die Chance, in der zweiten Bundesliga zu spielen, bereits vertan.“ Um nicht ohne Klub dazustehen, unterschreibt er am letzten Tag der Transferperiode bei einem türkischen Zweitligisten.

Man erkennt auch an dem Beispiel des Umut Kocin, dass eine Karriere eben nicht planbar ist. Innerhalb von Stunden kann sich das gesamte Leben auf den Kopf stellen, eben noch sah man sich mit seinen Koffern in Leipzig, aber zwei Tage später muss man sich eine Wohnung in Istanbul suchen.

„Diese Phase war extrem schwierig für mich.“ Schon wieder die Koffer packen, schon wieder einen neuen Verein suchen: Kocin hat davon genug und zieht vorerst zurück nach Hamburg.

Ich hatte vor ca. 2 Jahren die Gelegenheit, mit Slobodan Rajkovic zu reden, bisher habe ich so gut wie nichts darüber geschrieben, eben auch deshalb, weil der Spieler beim HSV unter Vertrag stand. Da ich nicht Marcus Scholz heiße, bin ich nicht wild auf Exklusiv-Meldungen, mit deren Hilfe ich zwar von Kollegen abgefeiert werde, dem Spieler aber nachhaltigen Schaden zufügen kann.

Boban war zu der Zeit gerade von Thorsten Fink suspendiert worden und trainierte allein oder mit der U23. Als wir sprachen, war er mental am Boden, war traurig und verzweifelt. Ihm wurde vom Verein ständig nahegelegt, dass er endlich gehen solle, man wolle ihn einfach nicht mehr. Rajkovic aber wollte in Hamburg bleiben, weil „Ich bin jetzt in den letzten 5 Jahren jedes Jahr zu einem anderen Verein verliehen worden und habe jedes Jahr für eine andere Mannschaft gespielt. Ich möchte einmal sowas wie Heimat fühlen, möchte zu einem Verein wirklich gehören. Ich will einfach nicht schon wieder weg, das hat mit Geld überhaupt nichts zu tun“. Dazu muss ich sagen, dass Boban Rajkovic einer der nettes und höflichsten Menschen ist, dem ich je begegnet bin.

Im Mai dieses Jahres schoss der Serbe dann einem Karlsruher Abwehrspieler in der 92. Minute den Ball an die Hand, Marcelo Diaz verwandelte, der Rest ist Geschichte. Diaz wird deshalb in Hamburg wie ein Volksheld gefeiert, Rajkovic musste im Gegensatz zu Ilicevic gehen.

P.S. Anderes Thema. Es macht mich ehrlich gesagt fassungslos, dass jetzt einige besonders Verstrahlte die Exzellenzen für den Verkauf von Valon Behrami abfeiern wollen. Der Schweizer hat den HSV für eine Katastrophen-Saison zusammen ca. € 7,5 Mio., den Fastabstieg und reichlich Nerven gekostet. Wenn man jetzt vielleicht € 3,5 Mio. aus Warford bekommt, ist dies alles andere als ein Triumph, es ist eine Katastrophe. Eine Katastrophe deshalb, weil ein Jahr später niemand mehr die Frage stellt, wie man einen solchen Spieler überhaupt zu diesen Konditionen kaufen konnte. Der Blog „Das größte Kapital des HSV ist die Dummheit seiner Fans“ wird jeden Tag aktueller.

(Quelle: http://www.goal.com/de/news/3642/editorial/2015/07/10/13454162/ex-hsv-talent-umut-kocin-eine-karriere-mit-umwegen?ICID=HP_BN_2 )

Von | 2015-07-11T08:47:15+02:00 11. Juli 2015|Allgemein|5 Kommentare

5 Comments

  1. Gravesen 11. Juli 2015 um 10:34 Uhr

    Dazu der Kommentar eines Vollhonks aus dem Schwachmaten-Blog „Schmocks Einöde“

    Ruediger sagt:
    11. Juli 2015 um 10:18
    Ist doch auch scheissegal, es gibt aber noch Kohle, also wird er nicht noch mit eine weiteren Zahlung abgefunden. Üppiges Gehalt wird ebenfalls gespart.
    Damit ist ein Missverständnis mit einem finanziellen blauen Auge aus der Welt.

    Genau DAS ist das Problem, du Hohlbirne!!! „Ist doch scheißegal…“ Genau, es ist scheißegal, dass diese Nichtskönner Million um Million verbrennen, sodass man am Ende um € 500.000 für einen Gregoritsch schachern muss. Es ist scheißegal, dass der HSV einen Ausrüstervertrag unterschreiben musste, der als der schlechteste der Bundesliga gilt. Es ist alles scheißegal, solange wieder 27.000 Hirnis ihre Dauerkarte kaufen, damit sie sich auch in der nächsten Saison während der 18 Heimspiele die Kehle heiser pöbeln können. Ist doch alles scheißegal.
    Meine Fresse, wie unendlich dämlich muss man eigentlich sein?

    • t.recker 11. Juli 2015 um 12:02 Uhr

      Siehst Du das ganze nicht etwas zu negativ ? Immerhin kann man deine Argumente auch positiv sehen :
      1. Gregoritsch-Deal :
      Wenn auch dem aktuellen Finanzstand geschuldet, aber wollten wir nicht immer, das man nicht mehr mit der Kohle rumschmeißt ? In der Vergangenheit hätten wir über 500K gelacht, heute kann deshalb ein Transfer platzen. Darüberhinaus wäre Gregoritsch ein Spieler gem. Plan von HSVplus. Jung, entwicklungsfähig und noch finanzierbar.
      2. Ausrüstervertrag:
      Wer lacht denn in der Bundesliga ? http://fussball-geld.de/die-ausruester-der-1-bundesliga-saison-20142015/
      So schlecht sieht der Deal doch gar nicht aus. Es gibt eh nur noch 3 Ausrüster, die noch richtig Geld in Vereine investieren. Adidas, Nike und tlw. Puma. Beim Rest muss man fast noch Geld mitbringen. Und wir haben einen langfristigen Vertrag bei einem der drei. Empfinde ich aufgrund der mir vorliegenden Informationen gar nicht so schlecht. Oder hast Du evtl. Informationen darüber, das die kolportierten Zahlen nicht stimmen ?
      3. Dauerkarten
      Kann es nicht einfach sein, das der Verein größer ist als man annimmt ? Das man nicht mit der aktuellen Situation zufrieden ist, aber trotzdem zu seinem Verein steht ? Das man den Verantwortlichen eine zweite Chance gibt ? Die letzte Saison war erbärmlich und man hat sich mit soviel Glück gerettet, das man so etwas nie wieder erleben wird. Aber dennoch scheint sich etwas beim HSV zu ändern (u.a. bestätigt von Kocin)….warum gänzlich den Stab brechen ?
      4. Behrami
      Es gab bei seiner Verpflichtung kaum negative Stimmen, die Hinserie war durchaus positiv zu bewerten. Erst mit dem Absturz gegen Ende der Hinrunde ging es auch bei ihm rapide bergab. Wenn man jetzt dieses -beidseitige?- Missverständnis transferbilanztechnisch ausgeglichen beenden kann, erscheint mir das o.k.. So wie in der Hamburger Medienlandschaft gegen ihn gepestet wurde, muss man sich doch fast wundern, dass ein englischer Premier-Ligist so verrückt ist diesen -ablösepflichtigen- Spieler zu verpflichten.
      .
      Beim HSV läuft sicherlich nicht alles perfekt, aber es ist eben auch nicht alles katastrophal…
      .
      P.S. Hast Du dir eigentlich auch wieder eine Dauerkarte gesichert ? (eine völlig wert- und polemikfreie Frage)

      • Gravesen 11. Juli 2015 um 12:08 Uhr

        Nein, ich hatte noch nie eine Dauerkarte und wenn ich’s genau überlege, habe ich das letzte Mal vor ca. 8 Jahren für eine Karte beim HSV bezahlt. In der jetzigen Situation würde ich auch nicht bezahlen, denn ich würde mir immer vorstellen, dass ich mit meinem Eintrittsgeld die Gehälter von Beiersdorfer, Knäbel und Hilke mitfinanzieren würde und allein bei der Vorstellung wird mir übel.

  2. Ligature 11. Juli 2015 um 23:24 Uhr

    Der Fehler des Managements war es, Behrami als Führungsspieler zu installieren, ohne dies mit der Mannschaft abzustimmen. Man kann nur hoffen, dass dieser Fehler nicht wiederholt wird. Es ist immerhin erfreulich, dass er mit überschaubarem Verlust nun abgegeben werden konnte.

    Der neue Vertrag mit REWE Nord – einem guten und bekannten Namen – ist auch für sich betrachtet schon eine gute Nachricht. Denn es ist für weitere solcher und dann lunrativerer Verträge wichtig, dass man bundesweit anerkannte Namen einwerben kann.

    Zwei Schritte nach vorn – das war ein guter Tag für den HSV.

  3. Peter Marschel 13. Juli 2015 um 11:19 Uhr

    Hallo Grave! Ich lese Deinen Blog schon lange und finde das Du in vielen Dingen Recht hast, aber einfach die 27 000 Käufer einer Dauerkarte als Hirnis zu bezeichnen geht mir doch etwas zu weit. Man sollte nicht alle über einen Kamm scheren.
    Gruß
    Peter

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