Die Mission: Mit Peter in Chile

Tagebuch einer 40-Stunden-Reise.

Peter steht Mittags um 12.36 Uhr auf dem Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel und wartet auf seinen Flieger nach Frankfurt. Von dort gehts weiter nach Santiago de Chile, Peter ist sehr aufgeregt. Vor dem Abflug musste er im Büro des großen Vorsitzenden Dietmar B. eine Erklärung unterschreiben, die eine sofortige Auflösung seines Vertrags zum Inhalt hatte, für den Fall, dass er erneut seinen Dienstrucksack verlieren würde.

Peter klammert sich an das Teil wie eine 3-Jährige an ihre Lieblings-Barbie.

HSV-Rucksack

Eintrag Nr. 1: Heute geht’s nach Südamerika, nach Schile. Meine erste große Dienstreise, da hab ich Bock drauf. Endlich kann ich mal so tun, als wäre ich ein richtig echter Sportchef, Didi lässt mich sogar allein fliegen, totales Vertrauen. Das tut sehr gut in diesen dunklen Zeiten. Bernhard hat mir gestern noch eine Liste von Spielern mitgegeben, die ich mir unbedingt angucken soll. Irgendwie komisch, dass nur zwei Namen drauf standen, aber Bernhard weiß schon, was er tut und je weniger Spieler es sind, umso mehr Zeit habe ich für mich und vielleicht für ein südamerikanisches Picknick (hihi).

Lufthansa Flug LH 1887 nach Frankfurt wird aufgerufen, Peter nimmt noch schnell seine Tablette gegen Reisekrankheit, eine Empfehlung von Jörni. Angeblich hilft das Zeug auch gegen Kater, sagt jedenfalls Jörni. Peter reist nicht so gern und ein bißchen Flugangst hat er auch. Deshalb hat er damals als Profi auch das Angebot von Real abgelehnt, da hätte man zu viel fliegen müssen. Peter geht an Bord, mit der rechten Hand den Dienstrucksack eng an den Körper gedrückt, in der linken Hand ein Stapel Autogrammkarten. Sitzplatz 9a ist seiner, natürlich Business, der Mann ist Führungskraft.

Lufthansa

Eintrag Nr. 2. Sitze im Flieger nach Frankfurt, hoffentlich wirkt die Pille. Wenn nicht, besauf ich mich in Frankfurt. Die Idee mit den Autogrammkarten war ein Griff ins Klo, blöder Pletzi. Nicht eine Sau in diesem Scheiß-Flugzeug hat mich erkannt und dann sind mir die Dinger auch noch aus der Hand gefallen. Da ich meinen Rucksack festhalten musste, konnte ich sie im Gang nicht aufsammeln, peinlich. Ein Mann hat eine aufgehoben, drauf geguckt und tierisch angefangen zu lachen. Ich habe so getan, als wären es nicht meine und habe meine Dienstsonnenbrille aufgesetzt. Ab jetzt fliege ich inkognito. 

Nach ca. 42 Minuten landet die Maschine in Frankfurt. Peter verlässt den Airbus 320 und betritt das Terminal, Frankfurt ist aber auch ein wirklich großer Airport. Nachdem er, den Dienstrucksack immer noch fest umklammert, mehrere Reisende nach dem Weg gefragt hat, findet er schließlich Gate 25C, von hier aus geht’s direkt nach Südamerika zur U17-WM.

Eintrag Nr. 3: Diese Drecks-Pille wirkt nicht, ich habe einen Schweißausbruch nach dem anderen. Mein Brusthaar ist klitschnass, sieht scheiße aus. Ich atme jetzt mal schnell 4 Jack Daniels auf Eis ein, dann werde ich komatös und überstehe dieses Martyrium. Komisch, heute morgen hörte sich das noch total locker an – „Peter, du fliegst für uns nach Schile“. Langsam glaube ich, dass Didi extra nicht mitgekommen ist, die haben in Schile bestimmt kein Tarantella und auch kein Schnitzelhaus. Oder noch schlimmer – keinen Pflaumenkuchen. Ich habe jetzt schon keinen Bock mehr.

Nach einem halbwegs ereignislosen Flug von 17 Stunden und 40 Minuten landet der Lufthansa Airbus 777 in Santiago, Peter ist körperlich am Ende. Die 4 Jack Daniels (auf Eis) haben ihn zwar ins Koma fallen lassen, aber jetzt sieht er aus wie an der Zunge aufgehängt.

Jack Daniels

Eintrag Nr. 4: Alter,geht’s mir dreckig. Ich habe einen Schädel wie ein Minister des auswärtigen Amtes und die Flugzeug-Toilette war mein zweites Zuhause. Jetzt muss ich noch den Namen von diesem Hotel finden, der Zettel liegt ganz unten im Rucksack. Wenn ich den jetzt aufmache und werde hier beklaut, bin ich geliefert. Warum werde ich eigentlich nicht abgeholt, ich bin Direktor beim HSV?

Nachdem Peter einen Taxifahrer davon überzeugen konnte, dass er kein Serienkiller oder Obdachloser sei (so ein Flug schlaucht gewaltig), ging’s Richtung Luxushotel. Der Mann hinter dem Steuer verstand weder Deutsch, noch Schwyzerdütsch noch Zeichensprache, also mussten die Dollars sprechen. Als das edle Etablissement endlich erreicht war, atmet der gestresste Direktor hörbar auf. Einchecken (warum kennen die hier eigentlich kein „ä“?), auf die Bude, auspacken, Dienstrucksack in den Hotelsafe. Peter hat Durst.

Eintrag Nr. 5: Nette Hotelbar hier, fast nur Damen an Bord. Wollte eine Caipirinha bestellen, aber der Barkeeper pöbelte mich an. Habe nichts verstanden außer „Nix Brasil hier“ und „Porca miseria“, klang nicht nett. Ich habe dann Jack Daniels bestellt, man soll ja mit dem anfangen, womit man aufgehört hat. Bin dann ins Zimmer gegangen (allein). Auf dem Bett ist mir ne Kakerlake über den Bauch gerannt und im Brusthaar verschwunden, keine Ahnung, was aus dem Biest geworden ist. Bin dann aber vor Erschöpfung eingeschlafen,. morgen erstes Spiel. Endlich Fußball.

Am 28.10. dann endlich das, wofür man Peter um die halbe Welt geschickt hat, die U17-WM. Peter hat Karten für das Spiel Brasilien gegen Neuseeland, der eine Name auf dem Zettel von Bernhard Peters klang irgendwie brasilianisch. Leandro, Ludwigo oder so ähnlich. Naja., es gibt ja Infohefte.

Brasileien U17

Eintrag Nr. 6: Habe mir das Spiel der Brasilier gegen Neuseeland angeguckt (da möchte ich irgendwann mal hin), war ganz ok. Ich hatte einen total blöden Sitz ganz oben unter dem Dach, konnte kaum was erkennen. Außerdem sehen die Brasilier alle irgendwie gleich aus. Habe dann aber doch den Jungen identifiziert, den ich mir angucken sollte, ganz schön dünn ist der. Nach dem Spiel habe ich dann versucht, mit seinem Berater zu sprechen, aber da standen total viele Spanier und Italiener rum und dann habe ich mich nicht getraut. So weit sind wir noch nicht. Morgen spielt Deutschland gegen Kroatien, da läuft es bestimmt besser. Um den Ludmillo soll sich mal Didi selbst kümmern.Hab mir gerade überlegt, ob ein 17-Jähriger Brasilier bei uns überhaupt spielen dürfte, aber Heesen sagt, das geht schon irgendwie. Wie bei Altintas. Hab auf meinem Beobachtungsbogen notiert, dass ich das alles für nicht genügend austariert halte. (Geile Retourkutsche, hihi)

Nach einer unruhigen Nacht (mit Dienstrucksack unter dem Kopfkissen) wartet am nächsten Tag der Höhepunkt der Lustreise, Deutschland spielt gegen Kroatien. Peter hat diesmal beste Plätze, was daran liegt, dass das 35.000 Mann-Stadion nur mit 2.100 Zuschauern belegt ist. Vor dem Spiel geht’s jedoch ins Hotel-eigene Luxusrestaurant „de Vrij El Münchhausen“.

Scholle

Eintrag Nr. 7: Wollte mich vor dem entscheidenden Spiel noch ein wenig stärken, konnte aber die Karte nicht lesen. Da stand irgendwas von „salmòn“ drauf. Habe dann einen Kellner gefunden, der etwas Deutsch sprach und der sagte mir, dass „salmon“ ungefähr „Lachs“ heißen würde. Habe das natürlich nicht gegessen, Didi hat eine ganz klare Anweisung gegeben (per Mail an alle): Nicht mit dem Lachs reden, keinen Lachs essen. Ich in meiner Vorbildfunktion halte mich natürlich daran. Habe dann Scholle bestellt. Ich dachte mir, das wäre ne schlaue Idee, bevor Scholle aus ist. (Hihi) Ob der tranige Plattfisch ein Linksfuss oder ein Rechtsfuss war, konnte nicht mehr geklärt werden.  (die Red.)

Im Anschluss an die leicht abgestanden schmeckende Scholle geht’s per Taxi ist Stadion, Peter zittert vor Erregung. Der Ereignis-Klimax steht unmittelbar bevor, heute wird er alles in die Waagschale werfen.

Eintrag Nr. 8: Habe mir heute Nr. 2 auf Bernhards Liste angeguckt, der Junge ist ne Rakete. Heißt übrigens auch so wie ein deutscher Weltmeister, Mats Köhlert. Habe ihn nach dem Spiel angesprochen und ihn gefragt, ob er nicht Lust hätte, für den HSV zu spielen. Keine Ahnung, warum der mich so komisch angeguckt hat. Dann hat er noch gesagt, dass wir uns doch schon kennen, seltsam. Also ich kenne den Namen Köhlert erst, seitdem Bernhard neulich mit dem BILD-Artikel in mein Büro gestolpert kam. Habe dann noch seinen Berater getroffen, der war überraschenderweise auch Deutscher. Begrüßte mich mit den Worten: „Hallo Knäbelpeter, du hier und nicht in Hildesheim?“. Woher kennt mich der Typ bloß? Vielleicht von N3? Haben dann ein wenig über Fußball gesprochen und ich komme mit einem guten Gefühl zurück nach Hamburg. Wäre das nicht endgeil, wenn ich einen deutschen U17-Nationalspieler für den HSV kriegen könnte? Die würden mich abfeiern wie ne Killer-Dukate und die BILD könnte sich ihren Rucksack sonstwohin schieben. Ich bin absolut positiv, morgen geht’s zurück nach Hamburg. Hoffentlich gibt’s am Flughafen Jack Daniels.

Nach lediglich 4 1/2 Stunden Schlaf (hupender Autokorso vor dem Hotel, die Kakerlake ist bis heute nicht wieder aufgetaucht), macht sich Peter am nächsten Morgen per Taxi auf dem Weg zum Flughafen. Trotz des Schlafdefizits ist er positiv, das mit Köhlert könnte klappen.

Knäbelpeter

Eintrag Nr. 8: Fliege jetzt wieder zurück nach Deutschland, bin total positiv. Man muss auch mal Flugkilometer machen. Habe mir eben mal den Vertragsentwurf für Köhlert angeguckt, der lag im Dienstrucksack. Sieht irgendwie komisch aus. Ausstiegsklausel € 1.000.000 , Grundgehalt € 5.000.000. Ist da irgendeine Null verrutscht? Das soll mit der Finanzfuzzi mal erklären, bevor ich damit zum Aufsichtsrat tanze und mich feiern lasse. Alles in allem hat sich der Trip voll gelohnt. Aber leben möchte ich da nicht…. 

Weitere Details zu der Aktion findet ihr „oben“ zwischen „Über uns“ und „Kontakt. Unter „Spenden“. Auf geht’s. 

Von | 2015-10-28T08:04:51+01:00 28. Oktober 2015|Allgemein|15 Kommentare

15 Comments

  1. Hans 28. Oktober 2015 um 09:52 Uhr

    Klingt komisch – ist aber so… 😉
    Köstlich !

  2. Südfan 28. Oktober 2015 um 10:21 Uhr

    Hört sich also an wie eine ganz normale Scouting-Reise eines Sportdirektors (zumindest habe ich mir eine solche immer so oder so ähnlich vorgestellt)…

    • Gravesen 28. Oktober 2015 um 10:32 Uhr

      Ist ja auch ein Tatsachenbericht.

      • Heiliger Bimbam 29. Oktober 2015 um 09:54 Uhr

        Wat, Knäbel kannte Mats vorher wirklich nicht? Echt jetzt? oO.

  3. Oliver Bruchholz 28. Oktober 2015 um 13:07 Uhr

    Wie jetzt? Wo ist denn jetzt die Kakerlake geblieben? Macht mich fertig ?

  4. Micha 28. Oktober 2015 um 13:33 Uhr

    Eintrag Nr.7 ist schon ein „Hochlicht“. Dümpelt die Pfeiffe echt in Südamerika rum? Sorry, lese keine Blöd+Mopo mehr, der tägliche Lachs reicht mir. 😉
    LG,
    Micha

  5. hamuburgmini 28. Oktober 2015 um 22:49 Uhr

    Einfach genial..
    Wenn auch nur eine kurze Meldung, aber ich habe, trotz der Tatsachen :-), Tränen gelacht.
    Am Besten war die „Scholle“… 🙂

    Danke Grave,
    es war der heutige Lichtblick…

    ps. where is Menke….?

  6. Gravesen 29. Oktober 2015 um 08:15 Uhr

    Ihr habt ja keine Ahnung, was sich in diesem Verein tatsächlich abspielt. Ihr denkt, die haben einen Plan? Am Arsch haben sie. Ihr denkt, es interessiert sie, was die Fans denken? Einen Dreck tun sie. Ihr denkt, es ist alles auf dem richtigen Weg und man bräuchte nur ein paar Jahre Geduld? Träumt weiter. Wenn die Heuschrecken weiter gezogen sind, werdet ihr sehen, was sie hinterlassen haben. Das war bei Jarchow so und es wird bei Düdü exakt genauso sein.

  7. Heiliger Bimbam 29. Oktober 2015 um 10:09 Uhr

    Oi nö. Gerade beim surfen gesehen: Knäbel in allen Blättern. Auf u.a. Spox in aller epischer Breite, wen er alles ankobern will. Leandrino. Köhlert, Dittgen.
    Moa, kann der nicht mal dicht halten, bis alles unter Dach und Fach ist/wäre?? *Kopfschmerz*

  8. Saschas Alte Liebe 29. Oktober 2015 um 11:08 Uhr

    Realität – gut möglich, aber wohl nicht überall. 10-15 Jahre lief es beispielsweise in Frankfurt so oder so ähnlich, inklusive mehrerer Abstiege und Zweitligajahre bis in den Status eines abgewirtschaftet hochverschuldeten Fahrstuhl-Clubs. Nach zweifacher Revolution konsolidiert man sich nun – ernüchternd, wie lange sowas dauert.
    Einige weitere derartig anschauliche Beispiele sind jederzeit verfügbar.
    In München, Dortmund, Leverkusen, Wolfsburg, Gladbach, usw. wird wohl anders gearbeitet.
    In Hamburg schaut scheinbar niemand über den eigenen Horizont.
    Der HSV ist ein außerordentlich nahrhaftes Wirtstier für allerlei parasitären Befall.

  9. Zuschauer 29. Oktober 2015 um 12:39 Uhr

    Schöne Satire. Macht n-tv da jetzt auch mit? Die melden, dass PML Nationalspieler werden möchte. 🙂

    • Gravesen 29. Oktober 2015 um 13:11 Uhr

      Und ich möchte, dass mir Schweine aus dem Hintern fliegen, dann hätte ich jeden Tag Schinken.

  10. Zuschauer 29. Oktober 2015 um 13:24 Uhr

    Also bitte, Schinken ist doch böse.
    Aber mal im Ernst, wenn er das wirklich so gesagt hat, sagt das meiner Meinung nach eine ganze Menge über ihn.
    Er würde wirklich glauben, sich im internationalen Vergleich mit Leuten wie Ronaldo, Lewandowski etc messen zu können?
    Würde wirklich glauben, dass Herr Löw ihn einem Gomez, Götze, Müller etc vorzieht?
    Das kann er so nicht gesagt haben, oder?

    • Gravesen 29. Oktober 2015 um 13:50 Uhr

      Man nennt sowas „Fehlerhafte Eigenwahrnehmung „

  11. nebu 30. Oktober 2015 um 15:27 Uhr

    Ich habe das gerade im Büro gelesen und … musste mehrfach abbrechen, damit ich nicht laut loslache! hat mich wunderbar amüsiert! Wo die Kakerlake geblieben ist würde ich auch gerne wissen!

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