Wie soll es jetzt bloß weitergehen?

Für viele überraschend, für einige ein Desaster, für wenige ein Drama. Gestern platzte nun die Bombe, nachdem sich Millionen von Fußball-Fans und Hunderttausende von HSV-Anhängern seit Monaten die Köpfe zermartert hatten. Gestern wurde eine Personal-Entscheidung bekannt, die in ihrer Tragweite noch nicht im Ansatz zu erfassen ist, die ein persönliches Drama offen legt und die den Nordclub auf Jahre lähmen wird. Wäre man verschlagen, man könnte eine Strategie oder gar Absicht vermuten, denn niemand konnte sich bisher vorstellen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die den Hanseaten so sehr schaden wollen. Denn alles, wirklich alles hätte passieren können, aber nicht dies. Wäre das Volksparkstation in Flammen aufgegangen, hätte Knäbelpeter diesmal nicht nur einen Rucksack verloren, sondern sein gesamtes Auto in der Elbe versenkt, es hätte nicht diese unglaublichen Auswirkungen gehabt. Hätte sich Düdü eine menschenähnliche Frisur schnitzen lassen oder hätte Dennis Dick Meyer sein 9. Kind nicht Dieter sondern Klaus genannt, es wäre keine Randnotiz wert gewesen. Was aber nun gestern passierte, erschütterte nicht nur den HSV, es erschütterte die gesamte Fussballwelt. Die Fußball-Familie trauert. Doch gehen wir chronologisch vor….

Auf dem Weg zum Auswärtsspiel nach Leverkusen konnte man am späten Nachmittag beobachten, wie im vorderen Teil des HSV-Busses Trainer Labbadia und Presse-Fuzzi Wolf die Köpfe zusammensteckten. Wolf hatte eine sms bekommen und sackte nach der Lektüre in sich zusammen. Kurz darauf informierte er den Trainer über den Inhalt und niemand im Umfeld des Erfolgscoachs hatte den Mann jemals in derart kurzer Zeit erbleichen sehen. Labbadias ohnehin schon leicht lichte Haarpracht wurde von Minute zu Minute grauer, fassungslos schüttelt er den Kopf.

Aber Labbadia wäre nicht Labbadia, wenn er sich nicht auch dieser Prüfung stellen würde. Und so orderte der Trainer bei Busfahrer Miro Zadach nach kurzem Grübeln das Mikrophon, um der Mannschaft die traurige Nachricht zu übermitteln. Die Ansprache im Wortlaut:

Männer, hört mal kurz zu. Ja, auch du, Lewis. Also, ich muss euch etwas sagen und es fällt mir nicht leicht. Da es aber keinen einfachen Weg gibt, eine solche Sache zu übermitteln, mache ich es kurz. Eben wurde bekannt, was aus ihm geworden ist. Wir alle haben uns ja seit Monaten gefragt, was passiert sein mag. Ob er krank wäre oder einen Unfall gehabt hätte. Heute kann ich euch sagen, er ist gesund, aber er ist nicht mehr bei uns. Unser Premiumpartner, das Hamburger Abendblatt, hat eine Entscheidung getroffen, die nicht mit uns abgestimmt war. Ich will ehrlich sein, Männer – ich habe keine Ahnung, wie es jetzt weitergehen soll. Ich kenne keinen Verein, der ohne Sportchef erfolgreich oder auch nur handlungsfähig sein könnte. Nach alle den Jahren (Labbadias Stimme stockte…). Wir werden jetzt trotzdem nach Leverkusen fahren und spielen, das sind wir Peter schuldig. Ab morgen überlegen wir dann, wie es weitergeht. Ich will ehrlich sein, es kann sein, dass wir den Spielbetrieb einstellen und den Verein abmelden. Es tut mir leid, Jungs (Schluchzen)

Was dann folgte, war mit Worten nicht mehr zu beschreiben. Nach Sekunden des Schweigens brach es auch einigen Spielern heraus, menschliche Tragödien traten offen zu Tage. In Reihe 5 lagen sich Ostrzolek und Dick Meyer weinend in den Armen. Auf Platz 11A schlug Pierre-Michel Lasogga vor Wut und Verzweiflung ein Loch in die Fensterscheibe, verletzte sich dabei am Arm und ruinierte einen Teil seiner Bemalungen. In Reihe 3 verpasste Emir Spahic seinen beiden Nebensitzern prophylaktisch jeweils eine Kopfnuss, in Bosnien macht man das so, wenn man richtig sauer oder verzweifelt ist. Lewis Harry Holtby rannte geschlagene 14 Minuten in Unterhosen den Gang rauf und runter, nässte sich dabei ein und wimmerte immer wieder: „Warum immer ich, warum immer ich?“ Gotoku Sakai konnte in letzter Sekunde das Catana aus der Hand gerissen werden. Rene Adler fiel unmittelbar nach der Ansprache des Trainers in tiefe Trance und redet seither auf Tibetanisch mit seinem geistigen Führer. Im hinteren Teil musste Ersatzspieler Rechtaußen Nicolai Müller davon abhalten, bei voller Fahrt die Bustür zu öffnen, Müller wollte der Sache ein Ende machen. In Reihe 9 machte Kapitän Djourou ein letztes Selfie.

Die Verzweiflung und tiefe Trauer der Spieler ist nur zu verständlich, denn immerhin war er mehr als ein Sportchef für sie gewesen, eigentlich eher eine Vaterfigur. Er war da, wenn man ihn brauchte und er war da, wenn man ihn nicht brauchte. Bescheiden wie er war, kam er mit dem Rad zu den Pressekonferenzen und nie verlor er ein böses Wort über „seinen BVB“ …ääääähh..HSV.

Nun ist diese Ära vorbei und der Hamburger SV steht vor einem Trümmerhaufen. Der Verein, auf diese Situation nicht vorbereitet, ist handlungsunfähig, ist gelähmt. Denn es ist tatsächlich wahr:

wenig

Peter „Zu“ Wenig ist nicht mehr Sportchef beim Hamburger Abendblatt. Wir trauern.

Chefvisite #6: Pflegefall HSV oder: Wo ist eigentlich der Aben…

Chefvisite #6: Pflegefall HSV oder: Wo ist eigentlich der Abendblatt-Sportchef?

Gepostet von Hamburger Abendblatt am Freitag, 11. März 2016

Von | 2016-03-12T09:04:42+01:00 12. März 2016|Allgemein|3 Kommentare

3 Comments

  1. Oliver Bruchholz 12. März 2016 um 20:05 Uhr

    Hallo Grave. Mal was ganz anderes. Ich schau mir die Bayern gegen Bremen an. Für mich wäre Dortmund der richtige Meister weil sich in Dortmund keine Mannschaft ab der ersten Minute auf den Rücken legt und um Gnade winselt! Gut. Muss man sich erarbeiten. Wie siehst du das?

    • Gravesen 13. März 2016 um 06:39 Uhr

      Lustiger Ansatz. Ich denke, wer am Ende der Saison die meisten Punkte hat, ist zu Recht Meister.

    • BerndH60 13. März 2016 um 10:56 Uhr

      Nach dem Sieg der Mainzer am 02.03.2016 in München hat bei mir keine Mannschaft mehr das Recht auf “Winseln um Gnade“.
      Sicher, es nur selten klappen, aber wenn ein Team ALLES gibt, kann man Bayern auch zu Hause schlagen.

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