Zwei Welten, ein Verein

Es gibt diejenigen, denen wird nachgesagt, sie hätten kein Gedächtnis. Oder kein Gehirn, ganz wie man möchte. Dabei stimmt das nicht, jedenfalls nicht zu 100%, sie gehen nur einfach anders, simpler, mit der Sache um. Diese Gruppe möchte Spaß am Fußball haben, sie möchten feiern. Zur Not auch um jeden Preis. Dafür sind sie bereit, Fakten und Tatsachen auszublenden, weil – sie können es doch eh nicht ändern. „Die da oben“ wissen schon irgendwie, was sie tun, sonst wären sie ja nicht „da oben“, oder?

Diese Menschen sind die wahren Fans, jedenfalls denken sie das. Denn nur wahre Fans glauben nicht nur an ihren Verein, nein, sie glauben auch alles, was ihnen vorgesetzt wird. Natürlich nur, so lange es in ihr Weltbild von „ihrem“ Verein passt und natürlich nur so lange, wie „ihr“ Verein dabei gut aussieht. Wird ihnen etwas vorgesetzt, was nicht in ihr heiles Weltbild passt, enttarnen sie auf der Stelle die Intrige. Die „linke Lügenpresse“, die beständig darauf aus ist, Unruhe in den Verein zu bringen und „ihrem“ Verein zu schaden.

In diesem Fall muss der Verein natürlich mit aller Macht verteidigt werden, gemeinsam gegen den Feind. Berichtet die „linke Lügenpresse“ jedoch darüber, wie genial die Verantwortungsträger arbeiten, wie super alles in die richtige Richtung läuft, dann ist sie selbstverständlich bestens im Bilde, aus der „BLÖD“ wird binnen Sekundenfrist die „BILD“, die ja normalerweise „ganz gut informiert“. Dies gilt  sowohl für Spiel-Ergebnisse wie für den letzten Sensations-Transfer. Dieser wird weder intensive beleuchtet noch inhaltlich analysiert. Wenn der Spieler nur einen gewissen Namen hat, von einem besonderen Verein kommt oder von anderen namhaften Klubs umworben wird, dann wird er garantiert „unser“ neuer Superstar.

Es ist immer wieder rührend zu beobachten, was mit diesem Menschen passiert, wenn ein neuer Spieler mit viel Gedöns vom Verein verpflichtet und präsentiert wird. Dann wird gejubelt, was die Lunge hergibt, dann wird gedanklich das aktuelle rosa Trikot mit dem Namen des neuen Heilsbringer beflockt, Transparente werden gemalt etc. Der Spieler selbst, seine Vergangenheit, seine Fähigkeiten oder gar seine Vita spielen für diese Menschen nur eine untergeordnete Rolle, denn die Hoffnung ist etwas, worauf ihr „Fan-Sein“ beruht. Hoffnung auf eine bessere Zukunft, Hoffnung auf neue Erfolge. Dabei muss man feststellen, dass ihr unterentwickeltes Gehirn in der Lage ist, die komplette Vergangenheit auszublenden, komplett zu vergessen. Die Fehler der letzten Jahren werden wie von einer Festplatte gelöscht, es hat sie nie gegeben, aber schlimmer noch: Diejenigen, die sich erdreisten, die „wahren Fans“ an diese Tatsachen zu erinnern, sind Hater und Pester oder noch schlimmer: Bremer. Den „wahren“ Fan zeichnet unglücklicherweise eine ausgeprägte Paranoia aus, hinter jedem Realist erkennt er den Verschwörer und es gibt Schwärme von Laxen…

Das wirklich Kuriose zum Schluss: Diese „wahren“ Fans, die sich wie eine Wand vor den Verein und seine Exzellenzen werfen, die positiv bis zur Selbstaufgabe sind, die Dauerkarten und Devotionalien bis zum Abwinken erstehen, diese „Fans“ sind die Ersten, die sich die Lunge aus dem Hals brüllen, wie die Gestörten pfeifen und auf Zäune klettern, wenn ihre Erwartungen dann erneut nicht erfüllt werden. Fan kommt dann irgendwie doch von Fanatismus.

Und es gibt die Anderen und diese haben ein Gedächtnis. Sie haben nicht vergessen, was in all den Jahren passiert ist, was versprochen und nicht gehalten wurde. Sie beschäftigen sich grundsätzlich weniger fanatisch und emotional mit dem Verein, dafür analytischer. Kommt ein neuer Spieler, sind sie eher vorsichtig optimistisch, vielleicht sogar skeptisch. Sie stellen sich Fragen wie z.B. „Warum kommt ausgerechnet dieses Supertalent zu diesem Zeitpunkt zu diesem Verein?“. Diese Fragen stellen sich die „wahren Fans“ natürlich nicht, warum auch? Es muss doch für jeden Spieler auf diesem Planeten eine Ehre sein, die Raute tragen zu dürfen.

Diese Gruppe, ich nenne sie mal „Vereins-Interessierte“, sind im Schnitt höher gebildet als das Gros der Jubelperser. Sie sind in der Lage, zwischen den Zeilen zu lesen, sie können sich tatsächlich Informationen beschaffen, die oberhalb von BILD.de oder #SchmocksEinöde liegen und was man dort findet, klingt halt nicht wirklich positiv. Kleines Beispiel: Während für den „wahren“ Fan dieser neue Campus der Aufbruch in ein neues Zeitalter der Glückseligkeit darstellt, ist er für die Anderen zuerst einmal ein leeres Gebäude. Die „wahren“ Fans meinen nun, dass allein die Existenz dieses Gebäudes Heerscharen von zukünftigen Superstars anziehen wird, während die Anderen darauf verweisen, dass doch bereits das existierende Nachwuchs-Leistungszentrum mit der höchsten Kategorie bewertet wurde, also was sollte denn jetzt durch ein neues Haus besser werden?

So aber darf man nicht denken, andernfalls ist man Bremer und wird übelst bepöbelt. Auch dies ist eine Eigenart der „wahren“ Fans, sie sind nicht in der Lage zu diskutieren, aber wie sollte das auch in einem vernünftigen Rahmen passieren, wenn man, außer der Emotionalität, keine Argumente auf seiner Seite hat. Und natürlich bringt es den gemeinen „wahren“ Fan regelmäßig auf die Palme, wenn sich die Prophezeiungen der Anderen ständig bewahrheiten. Hier aber greift der Fan zu einer List, denn der Umstand, dass die Katastrophen regelmäßig passieren liegt ja nur daran, weil die Skeptiker sie herbeigeredet haben. Köstlich.

Also, was tun? Die Einen halten die Anderen für Bremer, die „ihrem“ Verein schaden wollen und die Anderen halten die Einen für vereinsblind und verblödet. Lustigerweise wollen aber beide Gruppen eigentlich das Gleiche, nämlich guten Fußball sehen.

Ach ja. Die bezahlten Jubelperser, die Dauer-Provokateure und die Arschlöcher habe ich bewusst weggespart, die tauchen auf und gehen wieder und spielen in der Gesamtbetrachtung keinerlei Rolle.

Von | 2016-07-22T07:38:14+02:00 22. Juli 2016|Allgemein|5 Kommentare

5 Comments

  1. Mosche 22. Juli 2016 um 09:04 Uhr

    Guten Morgen Zusammen!

    Tja, ich suche dann noch mein Fanlager 🙂

    Der Campus ist zwar ein leeres Gebäude, aber ohne das Jugendinternat hätte wir nicht einmal die Chance auf junge Talente …
    (in der heutigen Zeit)

    zu Heil lilovic 🙂 (Heilsbringer)
    Tja, ich finde die Trikotnummer 23 denkwürdig. (Erwartungshaltung) Hätte ich mir anders gewünscht.
    Der junge Halilovic macht einen sehr zurückhaltenden Eindruck…
    Beiersdorfer hat den Spielertyp gestern richtig beschrieben. Habe Ihn zwei Mal in voller Länge spielen sehen.
    Sehr wendig und dribbelstark ! Solch einen Spieler haben wir überhaupt nicht im Kader. STIMMT 🙁 🙁 :-

    So, genießt die Sonne JUNGS

  2. Gravesen 22. Juli 2016 um 09:23 Uhr

    Exzellent 🙂 beschrieben, genau so ist. Nur sehen sich die ultra-orthodoxen Extremfans eben nicht als extrem an, sondern als die einzig normale Geisteshaltung. Jemand mit einem gesunden Menschenverstand wird das nicht begreifen oder nachvollziehen können. Richtig übel wird es dann, wenn man es wagt, anhand von Fakten und Tatsachen an den Götzenbildern zu rütteln, das kommt einer Gotteslästerung gleich. Aber – wir sind ja bekanntlich in Deutschland und nirgendwo anders wird der Prophet von gestern nachhaltiger verfolgt und geächtet, wenn er die Erwartungen nicht erfüllen kann.
    .
    Und nein Walter(o), ich spreche lediglich dir als Person jeglichen Anflug von Intelligenz ab. Du bist ein Schwachkopf, der versucht, sich mit den großen Jungs anzulegen. Geh spielen, Ladyboy-Friend
    [Zur Erklärung: Ging an den Schwachkopf aus #SchmocksEinöde, eine der widerlichsten Internet-Großfressen, die man ungehindert labern lässt]

  3. DonPommes 22. Juli 2016 um 13:41 Uhr

    Hey Grave,

    du hattest in deinem gestrigen Blog erwähnt, dass du der Meinung bist, Didi hätte sich bei Kostic verzockt. Kannst du mir erklären, wie genau du das meinst?

    • Gravesen 22. Juli 2016 um 14:31 Uhr

      Das ist eigentlich relativ leicht zu erklären. Verbrieft ist, dass sich der HSV seit ungefähr einem Monat um Kostic bemüht und angesichts der Probleme auf der Position und mit dem grundsätzlichen Tempo kann man wohl davon ausgehen, dass dies der Königstransfer werden sollte oder zumindest einer davon.
      .
      Jetzt stell dir vor, du willst dir ein Auto kaufen und der Verkäufer weiß, dass du kürzlich von deiner Tante € 10.000.000 geerbt hast. Er will € 30.000 für das Auto und du bietest € 20.000. Denkst du dann ernsthaft, er wird mit dem Preis runtergehen, zumal noch andere Interessenten Schlange stehen? Nö, wird er nicht, weil er weiß, dass er die € 30.000 kriegen wird. Wenn nicht von dir, dann von einem anderen.
      .
      Didi’s Problem ist: Seit Calmund den Hals aufgerissen hat, weiß die gesamte Fußballwelt, dass hinter Beiersdorfers Transfer-Bemühungen ein mehrfacher Milliardär steckt, warum also sollte man sich runterhandeln lassen?.
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      Didi aber wollte sich als großer Verhandlungs-Guru positionieren, damit er endlich mal beweisen kann, dass er es in Hamburg auch ohne Hoffmann kann. Nun, kann er nicht. Denn nun geht sein Königstransfer mit großer Wahrscheinlichkeit nach Wolfsburg und Didi guckt wegen € 2 Mio., die ihm noch nicht mal gehören, in die Röhre.
      .
      Klassischer Fall von Eigentor, wobei die belämmerten Jubelperser natürlich meinen, dass Didi „stark geblieben wäre“ und sich nicht hat „erpressen lassen“.
      .
      Bullshit. Er hat wegen € 2 Mio., die er noch nicht mal selbst erwirtschaften muss, seinen Wunschspieler verkackt und muss nun wieder von vorn anfangen.

  4. ausgegliedert 22. Juli 2016 um 19:21 Uhr

    Die Dukate hat ja angeblich ausreichend Pläne B-G für Linksaußen.
    Mal schauen, wundern würde es mich allerdings nicht, wenn Halilovic am Ende als Königstransfer herhalten muß.

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