Die Roboter-Reporter

Das Thema ist nicht neu und doch immer wieder interessant. Denn: Es gibt wohl kaum ein Thema, über das weltweit so oft, so kontrovers und so heftig diskutiert wird, wie über den Sport. War der Sieg verdient oder nicht? Spielte Mittelfeldspieler X durchschnittlich oder Länderspiel-reif? Wählte Trainer Y die richtige oder die falsche Taktik? All das wird tagtäglich rauf- und runterbesprochen und jeder der Diskutanten beansprucht die vollendete Wahrheit für sich. Das Problem: Rede (oder schreibe) ich über ein Thema, welches sind meine Quellen? Kaum ein Mitglied irgendeiner Diskussionsrunde an Stammtisch oder Blog hat einen direkten Zugang zu den echten Quellen. Kaum einer spricht mit den Personen, die Gegenstand der hitzigen Diskussionen sind, kaum einer kennt diese Personen überhaupt persönlich.

Woher nimmt man also als Diskussions-Teilnehmer seine Thesen, auf die sich die eigene Meinung stützt? Ich gehe einmal davon aus, dass nur ein Bruchteil derer, die sich über ein Fußballspiel auslassen, dieses Spiel live vor Ort gesehen haben und selbst wenn, dann ist es ein weiterer Bruchteil, der Taktik, System und Ausrichtung überhaupt erfassen konnte. Wer also dient am Ende doch als Quelle der Erkenntnis? Richtig, es sind die Medien. Natürlich wird dies kaum einer der Schreihälse zugeben, denn wie unabhängig sind sie doch alle in ihrer Meinungsbildung?

So gut wie jeder hat schon einmal eine F-Jugend in Waldmichelbach trainiert, von fast jedem hat der Bruder eines Schwagers mal in der Nebenstraße eines Ex-Spielers von Altona 93 gewohnt.

Banane. Die Erkenntnisse nehmen sie alle aus den Quellen, die sie laut eigener Auskunft so abgrundtief ablehnen, den Medien. Der linken Lügenpresse. Diese geben vor, was Sache ist, obwohl es der aufgeklärte Blog-Diskutant natürlich keine Sekunde geglaubt hat. Was lernen wir bereits an dieser Stelle? Die Medien machen Meinung, ganz einfach. Ihnen kommt also eine gehörige Portion Verantwortung zu, der sie aber jeden Tag weniger gerecht werden. Denn eines sollte auch jedem klar sein, dessen IQ den der Zimmertemperatur übersteigt: Geschrieben wird schon lange nicht mehr, was wahr ist, sondern das, was sich verkauft.

So gesehen könnte man hier eine andere Frage aufwerfen: Können sich (Sport)-Journalisten die Wahrheit heute eigentlich noch leisten? Oder ist man, wenn man seine Brötchen mit dem Quatsch verdienen muss, nicht doch gezwungen, das zu schreiben, was der Leser lesen möchte? Vielleicht sogar, obwohl man selbst gänzlich anderer Auffassung ist? Und: Was sagt das Grundsätzlich über die Meinungsbildung via Medien aus? Wird nicht die öffentliche Meinung bereits von der Quelle an massiv und bewusst manipuliert?

Doch nicht nur die Verhunzung der Sprache, die schiefen Bilder, die endlose Folge der Phrasen und Plattitüden beklagen die Kollegen Kritiker, sondern auch das ewige Geduze und die große Nähe zu den Sportlern, ob jubelnd im Sieg oder zersetzend in der Niederlage – treu dem Boulevard-Motto: Wer mit uns im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch wieder runter; dabei ist die Fahrt abwärts meist ein Sturz ins Bodenlose.

„Mit Journalismus hat das meist nichts mehr zu tun. Die Moderatoren sind selbst Showstars geworden, die gleich Marktschreier das teuer gekaufte Produkt ihres Senders hochzujubeln haben.“

Das erste große Problem: Die gewollte Nähe zu dem, worüber der Schreiber zu berichten hat. In Zeiten der Selbstvermarktung der Vereins-Informationen via eigene Web-Site, Facebook-Kanal, Twitter oder Instagram versucht der engagierte Schreiber noch dichter an den Sportler oder den Funktionär heran zu rücken als zuvor und bemerkt dabei nicht, dass ihm genau damit die notwendige Distanz abhanden kommt. Wer schreibt schon gern kritisch über jemanden, der einen gestern zum Essen eingeladen hat?

Ein weiteres Phänomen: Die Eigen-Celebritisierung der Journalisten. Viele von ihnen halten sich mittlerweile für größere Superstars als die, über sie berichten, selbst die unwichtigste Bratwurst in der Legenden-Betreuung schleppt einen Stapel Autogrammkarten mit sich rum.

„Es ist ein Armutszeugnis für den Journalismus, wenn kaum noch zu unterscheiden ist, welche Geschichten von den Pressestellen der Klubs kommen und welche von echten Reportern.“

Wer sich also von Funktionären und Pressesprechern lenken lässt, riskiert Ansehen und am Ende sogar den Job. Denn nur wiedergeben, was andere vorgeben – das können mittlerweile Roboter schneller und besser. Die Washington Post setzte bei den Spielen in Rio schon eine Software ein, die automatisch aus Daten Artikel produziert: Der Roboter-Reporter. Die Reporter aus Fleisch und Blut und mit Leidenschaft sollen Analysen schreiben und Artikel, die in die Tiefe gehen.

Damit man mich nicht falsch versteht, es geht nicht darum, kritisch zu sein, um kritisch zu sein. Die Sache ist nur die: Wenn ich mich, aus welchem Grund auch immer, dafür entscheide, über eine Sache zu schreiben, bin ich eigentlich zuerst einmal der Wahrheit und dann erst dem Geld verpflichtet. Da dies aber kaum noch aktiv gelebt wird, könnte man die These aufstellen, dass nur da die Wahrheit zu finden ist, wo kein Geld verdient wird bzw. werden muss. 

Entwurf für das Selbstverständnis der Sportjournalisten:

1. Habe Respekt vor Sportlern wie Publikum (vor dem TV und hinter der Zeitung)!
2. Sei Stellvertreter des Publikums, das sich freut und leidet – aber aus der Distanz des
Journalisten! Meide Euphorie und Verachtung!
3. Erkläre dem Publikum, was es sieht – verständlich, fachkundig und gut vorbereitet!
4. Lass Dich von Funktionären nicht vereinnahmen, sondern kontrolliere und kritisiere!
5. Schätze unsere Sprache, die unendlich schön ist und reich!
6. Meide Phrasen, Klischees und dumme Fragen!
7. Habe keine Angst vor dem Schweigen!

https://kress.de/news/detail/beitrag/135753-die-marktschreier-oder-wieviel-journalismus-steckt-im-sportreporter.html

In die gleiche Kerbe schlägt übrigens auch ZDF-Mann Boris Büchler. Auch er erkennt, dass der Sportjournalist als solches einer bedrohten Art angehört und er ist, wie ich auch, der Auffassung, dass ein Großteil der Bedrohung selbstverschuldet ist.

Das Schlimmste im Sportjournalismus überhaupt sind Kumpanei und Unterwürfigkeit. Kritisches Nachhaken ist extrem wichtig – geht aber nur, wenn man sich mit den Profis nicht »verbrüdert«. Klar, man muss nah dran sein am Geschehen, aber die Nähe darf nicht zu groß werden.

Noch einmal: Fehlt vielen Sportreportern die nötige Distanz?

Vielleicht. Mich stört zum Beispiel, dass viele derer, die im Sportjournalismus gerade Fuß fassen, ständig Selfies mit Spielern machen, um jene dann stolz zu posten. Nach dem Motto: Schaut mal her, mit wem ich gerade gesprochen habe. Das ist aus meiner Sicht unangemessen. Ich habe den Eindruck, so mancher wählt den Beruf, um bekannt zu werden. Und das schadet der gesamten Branche.  [Boris Büchler, ZDF]

http://www.11freunde.de/interview/boris-buechler-ueber-seinen-job-als-sportjournalist

Was also schließen wir daraus? (Sport)-Journalismus aus Medien, die vom (Sport)-Journalismus finanziell abhängig sind, kann man eigentlich in die Tonne treten. Sie dienen vielleicht noch dazu, Neuigkeiten zu transportieren (Welcher Spieler kommt, welcher Trainer ist geflogen), zur Meinungsbildung über das Gesamtbild dienen sie schon längst nicht mehr. Noch deutlicher wird dies bei Blogs, die direkt an ein Massenmedium angeschlossen und direkt von diesem abhängig sind. Diese sind nicht mehr als Feierabend-Unterhaltung für vereinsamte Frührentner oder Permament-Hartz4-Empfänger. Mit der Wahrheit, mit dem, was tatsächlich passiert, haben diese Medien so viel zu tun, wie Donald Trump mit einem Hotelbau in Tichuana.

Die allerletzte Frage, und sie ist bestimmt nicht die unwichtigste: Will der Leser/Seher eigentlich die Wahrheit erfahren? Will er wirklich wissen, was hinter den verschlossenen Türen passiert oder ist er froh und glücklich darüber, dass er aktiv belogen und betrogen wird und dass ihm eine Welt präsentiert wird, die schlicht und ergreifend nicht existent ist. Könnte der Leser/Seher mit der Wahrheit überhaupt umgehen oder schützt er sich selbst, wenn er die Realitäten ausblendet, die rosa Brille aufsetzt und mit den anderen um die Wette hüpft?

Diese Frage muss jeder für sich beantworten, denke ich. Ich kann nur garantieren, dass zumindest an dieser Stelle keine Unwahrheiten aufgetischt, keine heile Welt gemalt wird, die nicht da ist. Wer damit nicht klar kommt, muss halt woanders lesen.

Nur die Wahrheit.

Tipp mit: https://www.kicktipp.de/hsvarena16/

Von | 2016-08-25T07:14:28+02:00 25. August 2016|Allgemein|12 Kommentare

12 Comments

  1. UFO 25. August 2016 um 07:28 Uhr

    Moin Grave,

    ich schreibe nur ein Wort: „Vielen Dank!“

    Gruß
    UFO

  2. Olaf Brando 25. August 2016 um 08:01 Uhr

    Lieber Grave.. nur ein Wort dazu : Brillant !

  3. Oliver Bruchholz 25. August 2016 um 08:13 Uhr

    Guten Morgen Grave. Danke für diesen Blog.

  4. Greg 25. August 2016 um 08:36 Uhr

    Seit jeher ist Sportjournalismus sehr speziell. Das weiß man nicht erst seit gestern oder durch diesen Blog.
    Die BILD macht es seit Jahrzehnten vor und es gilt nicht nur für Hamburg sondern deutschlandweit.
    Und ehrlich gesagt erwartet ich auch keinen investigativen Journalismus in dem Bereich. Das wünsche ich mir für politische Themen.
    Deswegen halte ich es mit deinem vorletzten Satz: Wer damit nicht klarkommt muss halt woanders lesen (oder gar nicht).
    Das gilt dann auch für alle Blogs.
    Man kann sich über Sportjournalismus in der jetzigen Form aufregen, für mich gibt es aber etliche andere, wichtigere Themen in der Welt über die ich mir Gedanken mache.
    Diejenigen die sich „belügen und betrügen“ lassen sind eh nicht zu retten und gehören zum großen Spiel genauso dazu.

  5. Frank Bockelmann 25. August 2016 um 08:44 Uhr

    ..wenns doch nur immer so wäre!
    Vielen Dank Grave!!

  6. atari 25. August 2016 um 11:51 Uhr

    Wie kann man das alles ändern?

  7. Oliver Bruchholz 25. August 2016 um 12:06 Uhr

    Hallo atari. Ganz einfach. Wenn man die Spitze eines Unternehmens austauscht. Beim HSV: Ausnahmslos jeden ,,Direktor“. Das wird nichts ohne wirkliche Profis an der Spitze.

    • atari 25. August 2016 um 12:50 Uhr

      und dann soll sich das bundesweite Dilemma im Journalismus ändern? Hast Du den Blog gelesen? Deiner Antwort entnehme ich jetzt, dass Scholz ein richtig guter Journalist wird, wenn man Beiersdorfer entläßt.

  8. Oliver Bruchholz 25. August 2016 um 23:03 Uhr

    Hallo atari. Tut mir leid ich habe das z.B. vergessen. Ich meinte man kann das eventuell lösen wenn man alte Zöpfe abschneidet und versucht einen wirklichen und ehrlichen Neuanfang zu starten.

  9. Goldfather 26. August 2016 um 03:47 Uhr

    „Wahrheit“ ist immer subjektiv. Seit jeher geht es für den interessierten Fan darum möglichst viele Eindrücke aus unterschiedlichen Quellen zu sammeln, um sie zu einem eigenen Bild zu verschmelzen. Selbst ein so einfacher Sachverhalt, wie ein Spielergebnis, sagt nicht zwangsläufig etwas über die Qualitäten einer Mannschaft oder eines Trainers aus.
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    Sowohl der kommerzielle Journalismus als auch private Blogs unterliegen individuellen Sichtweisen und somit eigenen Interessen. Im kommerziellen Medienbereich sind die Interessen des Journalisten von denen seines Arbeitgebers zu unterscheiden, was im privaten Blog-Journalismus wegfällt.
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    Die Welt der Blogs jedoch bietet ebenfalls das gesamte Spektrum von kommerziellem Interesse bis hin zu politischen oder sportpolitischen Motivationen. Auch in der Welt der Blogger muß der Konsument sein Hirn angeschaltet lassen und sich die Mühe machen Dinge selbst zu überprüfen oder auf ihre Plausibilität hin zu untersuchen.
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    Blogs sind heutzutage eine enorme Bereicherung in sämtlichen Lebensbereichen und bieten häufig Informationen und Meinungsaustausch der von den etablierten Medien aus verschiedenen Gründen heraus nicht geleistet werden kann.
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    Mitunter beziehen sich „seriöse“ Journalisten auf Blogger um an Material heranzukommen oder Berichte aus Krisenregionen zu bekommen in denen der letzte lebende Journalist vor Monaten gesehen wurde. Blogger sind es, die sich zudem Analysemethoden bedienen für die ein Journalist von seinem Chefredakteur niemals eine Erlaubnis bekommen würde.
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    Natürlich gab und gibt es immer noch Journalisten wie Peter Scholl Latour es gewesen ist, die mitten aus der Hölle des Krieges berichten und dabei von beiden Kriegsparteien als Botschafter respektiert werden, jedoch zeigt die jährliche Zahl getöteter Journalisten (110 im Jahr 2015), dass nicht jede Aufklärungsmission gut ausgeht.
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    Es gibt Journalisten die höchsten Respekt verdienen, weil sie ihr Leben im Sinne der Nachrichtenübermittlung riskieren, als Augen, Ohren und Gewissen einer Welt die lieber wegschaut, als sich unbequemen Fragen auszusetzen.
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    Dass der Großteil dieser Journalisten für Zeitungen und Magazine arbeitet, die heutzutage von Pegida & Co als linke Lügenpresse bezeichnet wird, dürfte jedem halbwegs interessierten Zeitgenossen klar sein.

  10. Christian 26. August 2016 um 10:59 Uhr

    Danke für deinen Blog!!! Auch als Bremer lese ich gerne deine interessanten Artikel.

    Auf grün-weisse Floskeln verzichte ich.. denn es geht um den Fussball. Den Fussball, den wir alle lieben, egal welche Farben wir haben.

    Gruß Christian

    • Gravesen 26. August 2016 um 11:05 Uhr

      Du bist jederzeit herzlich willkommen. Ich habe weder mit Bremern noch mit St. Paulianer ein Problem, ich habe lediglich mit Schwachmaten ein Problem 😉

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