Man wird wohl nochmal träumen dürfen…

Die Antrittsrede des neuen HSV-Trainers der Saison 2017/18, Name noch nicht bekannt.

„Guten Morgen,

bevor wir zu meinen Beweggründen für ein Engagement beim HSV, zu meinen taktischen Überlegungen, zum Zeitpunkt der Kontaktaufnahme, zu eventuellen Zielen und Ähnlichem kommen, würde ich gern von vornherein etwas festhalten. Ich werde nicht, wie zahllose meiner Vorgänger darauf hinweisen, dass der HSV ein „geiler Klub“, eine sensationelle Herausforderung oder eventuell sogar „ein Brett“ ist, denn das ist er nicht. Der HSV ist ein Fußball-Verein, genau wie Eintracht Frankfurt, Mainz 05 oder Borussia Dortmund. Für den HSV gelten keine anderen Regeln als für alle anderen Vereine auf dieser Welt, auch in Hamburg gibt es für einen Sieg nur drei Punkte und eine Niederlage tut überall gleich weh.

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Den HSV begleiten zu Auswärtsspielen zumeist 5.000 Fans und mehr. Das ist toll, aber es ist nichts besonderes, denn das machen die Fans anderer Verein auch. 70.000 Mitglieder und davon fahren 5.000 zu Auswärtsspielen. Nochmal, ich finde das Klasse. Aber es ist kein Alleinstellungsmerkmal und es ist nichts, warum man sich etwas einbilden sollte. Apropos einbilden, ich werde ab sofort keinerlei Respektlosigkeit gegen über anderen Vereinen oder Spielern anderer Verein mehr dulden. Nach meiner Auffassung von Sport ist eines der obersten Gebote der Respekt für den Gegner und wer nicht in der Lage ist, dies zu leben, gehört nicht zu uns.

Ich werde auch nicht darauf hinweisen, dass der HSV ein tolles Stadion und die besten Fans der Welt hat, denn tolle Stadien haben sie auf Schalke, in München und in Madrid auch. Ebenso sind die Fans dieser Verein der Meinung, die besten Fans der Welt zu sein, sollen sie. Die Fans des HSV sind Klasse, aber das sind andere eben auch. Zudem ist es für unsere Arbeit in keinster Weise von Belang, wie toll das Stadion nun sein soll oder wie super die Fans sein möchten, es spielt einfach keine Rolle, so gern es vielleicht der Eine oder Andere hören möchte. Ich bin jedoch hier, um als Fußball-Lehrer zu arbeiten und nicht, um Fans und Medien mit PR-Sprüchen zu unterhalten.

Ich werde ebenso wenig auf die vermeintlich sensationelle Tradition des HSV verweisen, denn Tradition ist gestern und wir werden für das Heute und das Morgen arbeiten. Tradition interessiert mich nicht. Was man sich im Jahr 2017 von Tradition kaufen kann, möchte ich in wenigen Sätzen verdeutlichen. Der Hamburger Sportverein war insgesamt 6 mal Deutscher Meister, das letzte Mal 1982/83! Das ist 34 Jahre her. In der Zwischenzeit wurden Vereine wie Bayern München, der 1. FC Kaiserlautern, Werder Bremen, Borussia Dortmund, VFL Wolfsburg und der VfB Stuttgart teilweise mehrfach Meister, während dem HSV auf nationaler Bühne kaum noch etwas gelang.

Der HSV gewann einmal den Europapokal der Landesmeister, das war 1983.  Das ist nun 34 Jahre her und man kann sich heute nichts mehr dafür kaufen. Um es nochmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Tradition interessiert mich nicht, Vergangenheit interessiert mich nicht, die Zukunft interessiert mich und sollte jeden in diesem Verein interessieren. So lange hier im Volkspark immer nur zurückgeschaut wird, wird sich nichts verändern, aber um etwas zu verändern sind wir jetzt hier. Ich werde ab sofort keinerlei Rücksicht auf Traditionalisten oder Vergangenheits-Schwärmer nehmen, wer damit ein Problem hat, kann sich direkt bei mir beschweren.

Ich werde auch nicht, und das halte ich für wichtig, darauf hinweisen, welch schwierige Umgebung die angebliche Medienstadt Hamburg ist, denn das entspricht einfach nicht mehr der Realität. Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsender gibt es in jeder anderen Stadt eines jeden Bundesligisten und sogar in Freiburg und Augsburg haben sie mittlerweile das Internet. Wer sich als Trainer oder als Spieler davon beeinflussen lassen möchte, was die Presse über ihn schreibt, sollte auf der Stelle den Beruf wechseln. An dieser Stelle eine Ankündigung: Ich werde die Pressetermine und Interviews machen, die ich machen muss, nicht einen Termin mehr. Ich bin hier, um die Bundesliga-Mannschaft des HSV zu trainieren und nicht, um den Pressesprecher zu spielen.

Wer der Meinung ist, mich deshalb in seinen Artikeln, Sendungen oder Blogs anders behandeln zu müssen als einen meiner Vorgänger, der muss das tun, es interessiert mich nicht. Wenn meine Vorgesetzten meinen, mich wegen negativer medialer Berichterstattung entlassen zu müssen, dann müssen auch sie das tun. Wenn sie es nicht aushalten, was in den Zeitungen geschrieben wird, sind sie für mich ohnehin die falschen Chefs. Noch eines: Ich bin gern bereit, fachlich über das zu sprechen, wofür ich hier bin, über Fußball. Alles andere, mein Privatleben, wo ich essen gehe oder welche Filme ich mag, geht nur mich und meine Familie etwas an.

Nochmal. Dieser Verein ist ein Verein wie alle anderen und wir müssen jeden Tag mehr als die Anderen dafür arbeiten, dass er wieder zu einem besonderen Verein wird. Dabei hilft es überhaupt nicht, von den 80er Jahren zu reden oder zu träumen. Wer das möchte, kann es gern tun, ich werde es nicht. Wer in der Zukunft eine Rolle spielen möchte, muss sich für die Zukunft interessieren und nicht für das Gestern. Wer besser sein will als andere, muss mehr tun als andere.

Und jetzt lassen sie mich bitte mit meiner Arbeit beginnen. Herzlichen Dank „

P.S. Ich bin der Meinung, dass eine solche „Ansage“ eigentlich vom Vorstandsvorsitzenden eines Vereins kommen müsste, aber wir alle wissen ja, dass…..

Von | 2016-09-29T12:53:54+02:00 29. September 2016|Allgemein|13 Kommentare

13 Comments

  1. Scifo 29. September 2016 um 07:36 Uhr

    Wird wohl in der Form eher nicht passieren.

    Aber mal ein Wort zur BILD. Da hat sich ja die letzten Tage so eine Art Anti-Stimmung gegen Didi gebildet …. Und dann der Bericht von heute! Der arme Didi, Doppelbelastung, erschöpft ohne Ende, alle sind sich einig…Didi muss entlastet (nicht entlassen) werden.

    Was passiert da gerade, bzw. wie kann sowas aufeinmal wieder pro Didi kippen?

    • Gravesen 29. September 2016 um 07:39 Uhr

      Gute Frage. BILD ist Boulevard und beim Boulevard geht es nicht darum, was wahr oder falsch ist, sondern darum, was sich verkauft oder nicht. Offenbar ist man bei Springer jetzt der Meinung, dass die Leute aufgrund der Verpflichtung von Gisdol neue Hoffnung schöpfen und Verbrennungs-Düdü dadurch leicht gestärkt wird. Ergo – man springt auf diesen Zug auf, aber sollte in Berlin verloren werden, springt man auch ganz schnell vom Zug runter.

  2. marc klockmann 29. September 2016 um 08:08 Uhr

    Weltklasse

  3. Dr.Jimmy69 29. September 2016 um 08:23 Uhr

    Sorry, aber das letzte Mal waren wir 1983 Meister (habe da noch n alten Kupferstich), ansonsten alles richtig. Es ist das gute Geheimnis eines VV bzw. Managers aus einer „verstaubten“ Marke mit hohem Wiedererkennungswert, wieder eine Trendmarke bzw. diese Marke En Vogue zu machen. das gelingt hier leider seit 2010 so gar nicht mehr. Bedauerlich!

  4. alfa 29. September 2016 um 08:40 Uhr

    Solange nicht Leistungsstärke und Einsatzbereitschaft, im Idealfall von Erfolgen gekrönt, seitens der Vereinführung vorgelebt und vorgegeben werden, wird jeder Personalwechsel sei es Trainer, Spieler, Sportchef allerhöchstens ein Strohfeuer bleiben, dass vom Mief der Ewiggestrigen, Filzdurchtränkten Wasser (kopf)becken schnellstens erstickt wird .Da ändert auch der Boulevard mit ihren Plus Minus Spielchen nichts daran!

  5. peter.helm 29. September 2016 um 08:49 Uhr

    Andre Villas-Boas? Oder ist das eher unwahrscheinlich? Soll ja angeblich Deutsch lernen und hat ja auch eine Verbindung zum BWL – Studenten.

  6. Skeptiker 29. September 2016 um 12:19 Uhr

    Eine solche Ansprache werden wir wohl nie erleben. Ein Fortschritt ist es schon, dass Gisdol nicht erzählt hat, er wäre schon von Kindesbeinen an HSV-Fan und habe seither nur in HSV-Bettwäsche geschlafen.

  7. Hotte 29. September 2016 um 16:50 Uhr

    „Nach meiner Auffassung von Sport ist eines der obersten Gebote der Respekt für den Gegner und wer nicht in der Lage ist, dies zu leben, gehört nicht zu uns.“

    Aber das gilt doch nicht für Bremen, oder?

    • Gravesen 30. September 2016 um 06:51 Uhr

      Das gilt auch und besonders für Bremen

      • nebu 30. September 2016 um 07:23 Uhr

        Sehe ich genau so!

  8. Saschka 29. September 2016 um 17:31 Uhr

    Haha den letzten satz den du geschrieben hast…den hatte ich die ganze zeit über im kopf als ich den blog gelesen habe!
    Denn ein trainer DARF so etwas garnicht äußern, da er dafür eig. Nicht die position hat! Er muss dafür sorgen dass medial druck von der mannschaft genommen wird, denn die lesen sehr wohl auf facebook und anderen apps was über sie geschrieben wird. Daher MUSS der trainer auch im medialen bereich immer da sein!
    Außerdem: wenn der trainer so eine vorstellungspk geben würde, dann würde ihn jeder vorstand in der bundesliga sofort freistellen! Da auch die fans dann in missstimmung versetzt werden und das stadion evtl. Nichtmal zur hälfte ausverkauft wäre…somit würden dem verein einnahmen flöten gehen.
    Aber als vv wären solche äußerungen durchauß machbar da er nunmal nicht so im mittelpunkt steht!

  9. Björn 29. September 2016 um 18:43 Uhr

    Ich hatte mich eigentlich mit der Personalie Labbadia/Gisdol abgefunden.
    Nun lese ich aber seit gestern, dass Gisdol mit der Mannschaft schnellen Offensivfußball spielen lassen will.
    Diese Mannschaft und schneller Offensivfußball – das passt für mich überhaupt nicht zusammen.
    Ich bin gespannt, wohin das Experiment führen wird.

  10. Weltmeister 29. September 2016 um 22:39 Uhr

    Hehehe – nicht schlecht, Grave!
    Wäre super, leider heute kaum noch denkbar… ?
    *** Sportchef ***
    Ach ja: beim abendlichen Toilettengang ist mir übrigens eingefallen, wer der besagte Sportfuzzi werden könnte: Ein Mann, der schon mal als Sportchef gearbeitet hat, der praktischer Weise den A-Trainerschein in der Tasche hat, um ggf. den Feuerwehrmann mimen zu können, jemand der eine Identifikationsfigur – ja sogar ein alter Held des HSV ist – weil er mit dem HSV Deutscher Meister, Pokalsieger und Europapokal-Sieger wurde:
    *** Thomas von Hessen. ***
    Schlagartig lächelte mich sein Bild von der vor einigen Monaten ins Haus geflatterte „Supporters News“ an… ?

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