Das Zeitalter der Klugscheißer

Saure Gurken-Zeit. Sommerloch. Ereignislose Zeit. Mitnichten, Leute. Denn, wenn wir ehrlich sind, ist dieses Sommerloch nichts anderes als eine Erinnerung aus längst vergangenen Tagen. Damals, als die politischen Journalisten nicht wussten, was sie schreiben sollten, weil der Bundestag in die Sommerpause gegangen war. Oder als Zeitungen und Zeitschriften nur noch einen Teil der gewohnten Auflage druckten, weil ein Teil der Leser in den Ferien verweilte. Diese Zeiten sind vorbei, denn auf elektronischem Weg oder via Social Media bekommt man die benötigen Informationen heutzutage auch am Strand von Venice Beach oder in den Tiroler Alpen. Für den Fußball gilt ohnehin: Der Sommer bzw. die Zeit zwischen der alten und der neuen Saison ist im Grunde die spannendste Zeit des Jahres.

Mal ohne Gag jetzt – was passiert denn während der laufenden Saison? Am Samstag wird gespielt, anschließend Pressekonferenz. Worüber berichtet man als Journalist bei einem normalen Verein (ich nehme den HSV an dieser Stelle einmal bewusst aus)? Wie ist das Training? Wer hat sich verletzt? Und dann? Vorbereitung auf den nächsten Spieltag. Was aber könnte man jetzt, zwischen Mai und August alles machen. Man könnte einmal detailliert auf die Situation des Vereins eingehen. Man könnte die Fehler der Vergangenheit aufarbeiten und nicht nur eine oberflächliche Serie wie im Abendblatt hinschmieren. Man könnte analysieren, warum es in der abgelaufenen Saison so gelaufen ist, wie es gelaufen ist. Man könnte sich den Kader angucken und einmal erkennen, was noch fehlt. Man könnte auf mögliche Transfers eingehen und mit Beratern sprechen. Man könnte sich natürlich auch das Buch „Football Leaks“ von Michael Wulzinger und Rafael Buschmann kaufen und schauen, was der eigene Verein so hergibt. Mit anderen Worten: Man könnte die spielfreie Zeit nutzen, um endlich einmal Journalist zu sein.

Das aber erfordert Hirnschmalz und Arbeit und unglücklicherweise gehört der gemeine Sportjournalist zu einer eher faulen Spezies. Was macht man also, wenn man auf Nachdenken und Recherchieren keinen Bock hat? Richtig, man befragt einen „Experten“. Diese sind in diesen Zeiten reich gesät, Ex-Spieler, Ex-Trainer, Ex-Offizielle lauern an jeder Ecke und sind dankbar, wenn sie angerufen werden.   Und die Nummer hat noch einen weiteren lobenswerten Nebeneffekt, denn der interviewte Experte kann in dem Gespräch das durchblicken lassen, was der Herr Journalist selbst nicht sagen bzw. schreiben möchte. Oder wundert es wirklich noch immer, warum zu ganz bestimmten Zeiten und ganz bestimmten Themen immer die gleichen ganz bestimmten Leute befragt werden? What you see is what you get.

Es ist doch ganz einfach, oder? Wenn ich markige Sprüche möchte, rufe ich das insolvente ewige Jeanshemd Stefan Schnoor an. Da bekomme ich ein paar deutliche Texte, die aber eigentlich niemandem weh tun. Ist mein Verein an einem Schweizer Spieler interessiert, dann ist es vorteilhaft, wenn man sich im Besitz der Rufnummer von Ottmar Hitzfeld befindet, denn der nette Otti finde per se erstmal alles Klasse, was aus der Schweiz kommt. Der Spieler (oder Trainer) passt perfekt zum jeweiligen Verein, hat seine beste Zeit noch vor sich und bla bla bla. Von diesen einschlägigen Dauer-Experten sind einige auf dem Markt und immer kann man sicher sein, dass das Gespräch keine seltsame Wendung nimmt. So auch in diesen Zeiten beim Hamburger Sportverein, das Zeitalter der Klugscheißer hat wieder einmal begonnen.

Via BILD ließ beispielsweise Ex-Engel Rafael van der Vaart folgendes verbreiten:

„Profis, die Eier haben, mit ihrer Mentalität den HSV auf eine höhere Stufe heben. Echte motivierte Granaten“

Die Neuen müssten demnach in diesem Bereich „noch eine Schippe drauflegen“ – ähnlich wie die Winter-Neuzugänge Kyriakos Papadopoulos und Mergim Mavraj, die van der Vaart als „echt klasse“ bezeichnete

Van der Vaart schwärmt von Gisdol und Todt

In Sachen Personalplanung setzt van der Vaart auf die Verantwortlichen des Traditionsklubs. „Ich habe vollstes Vertrauen in Trainer Markus Gisdol und Sportchef Jens Todt. Mein Eindruck ist, dass beide eine sehr gute Arbeit abliefern, Ruhe in den Verein gebracht haben“, erklärte der Niederländer.

Total überraschend, oder? Der Holländer bestätigt mit diesen Aussagen natürlich aus purem Zufall das, was der Autor gern übermitteln möchte. Atom-Gähn.

Oder hier. Die ehrenwerte Hamburger Morgenpost veröffentlichte ein Interview mit Ex-Aufsichtsratsboss Bandow und – was für eine Sensation – der lobt die Arbeit seines  Schützlings Dietmar Beiersdorfer über den grünen Klee. Der Umstand, dass man sich mehrfach für das internationale Geschäft qualifiziert hatte, lag an der Super-Arbeit des Verbrenners, man sollte unbedingt Wahnsinns-Experten in den Aufsichtsrat befördern, am besten Uwe Seeler (80) himself. Jörg Butt und Frank Rost wären weitere Kandidaten, aber warum eigentlich genau, Herr Bandow?

Auch hier, pure Stimmungsmache. Wenn ich Bandow befrage, weiß ich, dass ich Bandow kriege. Niemals, never wird er auch nur ein kritisches Wort Richtung Beiersdorfer verlauten lassen, aber genau das möchte der Interviewer ja auch erreichen, ohne es selbst schreiben zu müssen.

Nochmal die BILD gefällig?

BILD: Gleich eine Frage an Sie als Innenverteidiger. Sollte der HSV Kyriakos Papadopoulos verpflichten?

Westermann: „Ja, wenn das Paket zu finanzieren ist. Man weiß bei Papa woran man ist, was man bekommt. Und eine mögliche Verletzungsanfälligkeit kann der Verein sicherlich richtig einschätzen.“

Ach, sag bloß, Hareiko, so ein Zufall. Wie viele von den letzten 10 Bundesligapartien hast du denn in voller Länge gesehen? Waren es mehr als 5, so sollte dir aufgefallen sein, dass vom anfänglichen Mentalitätsmonster außer ein paar rollender Augen nicht mehr viel übrig geblieben war, als ein absolut durchschnittlicher Innenverteidiger mit Verletzungsgarantie. Kopfballstark, für einen geordneten Spielaufbau jedoch absolut untauglich, nicht umsonst leitete zuerst Bayer Leverkusen und anschließend RB Leipzig den Mann weiter und möchte ihn auch nicht zurückhaben, obwohl in Leverkusen zur Zeit mindestens 2 Spieler auf seiner Position fehlen.

Aber Weltstar Westermann hat gesprochen und hat dafür gesorgt, dass via Expertenmeinung der Druck der Verpflichtung auf die handelnden Personen gehalten wird. Genau das war es, was der Schreiber bezweckt hatte und genau deshalb hat er eben auch Westermann angerufen. Eigentlich ist das alles relativ leicht zu durchschauen und entsprechend einzuordnen, aber für die Nickis dieser Welt wird das manipulative Verhalten der Medien auch weiterhin ein Buch mit sieben Siegeln sein. Naja, egal. Hauptsache, man wird für sein dämliches Geschreibsel entlohnt, das Bier bleibt billig und man kann hinter jeden Scheiß-Satz ein „Nur der HSV“ kritzeln. Arme Sau.

 

Von | 2017-06-16T09:23:03+02:00 16. Juni 2017|Allgemein|6 Kommentare

6 Comments

  1. Spörl 16. Juni 2017 um 10:05 Uhr

    Wird Gregoritsch der nächste Demirbay oder Alex Meier?

    23 Jahre alt, österreichischer Nationalspieler, kopfballstark, guter Schuss und direkter Freistoss, Knipserqualität. Hat sich in 2 Jahren Bundesliga respektabel etabliert.

    Seine Statistiken leiden möglicherweise unter Fehleinschätzungen der Trainer Labbadia und Gisdol, die Gregoritsch zu häufig als Aussenbahnspieler einsetzen. Er ist Mittelstürmer. Aber das unsere Trainer manchmal von Fussball nicht viel zu verstehen scheinen, zeigen andere Beispiele wie der Fall Demirbay.

    Während ein Bobby Wood 417 Minuten für ein Tor benötigt, schafft Gregoritsch dies in 260 Minuten. Und dies obgleich er nicht so häufig die Mittelstürmerrolle inne hatte.

    Jetzt sollte man besonders aufpassen. Mit Köln bzw. Schmadtke streckt die geballte Kompetenz ihre Fühler nach Gregoritsch aus. Warum wohl? Weil er so schwach ist wie er scheinbar beim HSV gesehen wird? Oder haben Schmadtke und Köln mal wieder den grösseren Sachverstand?
    Ich tippe auf letzteres.

    Und wenn man – wie beim HSV – nicht so gute fussballerische Kompetenz im Aufsichtsrat oder auf der Sportchef Position hat, wie andere Vereine dann gibt man halt mal wieder Qualität für nichts her.

  2. Ex-HSVer im Herzen 16. Juni 2017 um 11:00 Uhr

    Korrektamente! Das ist alles so peinlich und provinziell…. Die meisten Journalisten sind sowieso für mich das Synonym für gescheiterte Wasauchimmer. Wenn man das ganze mal ein wenig komplexer betrachte, ist der Beruf des Schoner Listen heute größtenteils überflüssig. Denn durch die sozialen Medien verbreiten sich Wahrheiten oder Lügen auch ohne diese Berufsgruppe. War man vor 20 Jahren noch auf Printmedien und das Fernsehen angewiesen, hat das Internet heute die Funktion von beiden übernommen.

    Letztlich sollten wir über die Entwicklung gerade freuen. Denn das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Verein vielleicht doch noch absteigt. Spieler wie Papa oder Wood sind dabei durchaus hilfreich. Denn die werden von der chronischen „Gefülltes-Bankkonto-Schwäche“ befallen

  3. Kugelblitz 16. Juni 2017 um 22:32 Uhr

    scholle haut auch schon wieder sein persönliches, exclusives gerücht von schalke/wood in die tasten.

    ein bißchen druck auf die verantwortlichen ausüben?

  4. Niftert 16. Juni 2017 um 23:26 Uhr

    ich bin völlig eurer Meinung!
    Lieber Wood für 12mio verkaufen, drei junge talentierte Innenverteiger holen, etwas Gehalt über Papadopulus Abgabe einsparen und mit Gregoritsch und Arp vorne in die nächste Saison gehen.

    Fussball kann so einfach sein.
    Jetzt Gregoritsch -weil man die anderen Großverdiener nicht los wird- verscherbeln kanns doch nicht sein…

    Meine sonst gute Nase sagt mir nur leider dass es keine Angebote für Wood gibt und der liebe Herr Berater Struth diese in die Welt gesetzt hat um Woods Gehalt hochzuhandeln…

    …Und mein sonst verlässliches Bauchgefühl sagt mir dass Bruchhagen dies mittlerweile auch durchschaut hat und das Ding jetzt erstmal geschickt aussitzt.. Zumindest auf Seiten von Bruchhagen sehe ich viel mehr Geschick und betriebswirtschaftlichen Verstand als bei Verbrenner Didi.

  5. WhatAboutHSVism 17. Juni 2017 um 00:08 Uhr

    Guter Blog über die Mechanismen des Geschäfts, sollte jeder lesen, der sich mit dem Fußballzirkus beschäftigt.

    Leider geht kaum einer auf diese Metaebene. Bezeichnend, dass zum Beispiel keine Sportjournalisten Verfehlungen aufdecken. Football Leaks ist meines Wissens zum Beispiel nicht von Sportjournalisten aufgearbeitet worden.

    Die suchen sich überwiegend die low hanging fruits…

  6. Kugelblitz 17. Juni 2017 um 08:55 Uhr

    die machenschaften des boulevards müssten allen doch dank des deutschunterrichts und der lektüre von heinrich bölls

    die verlorene ehre der katharina blum

    bekannt sein.

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