„Bis jetzt macht Hoffmann alles richtig…“

Es ist schon erstaunlich, aber man liest diesen Satz in Blogs, Foren, auf Facebook oder Twitter in schöner Regelmäßigkeit, allerdings besonders von Leuten, die sich inhaltlich mit dem Verein wenig bis gar nicht beschäftigen. Analog zum künstlichen Hype um Wundertrainer Titz muss man zu dem Schluss kommen: Die Propaganda wirkt. Bei Titz sehen die Beobachter Dinge, die gar nicht vorhanden waren, man benutzt zum Teil sogar Floskeln wie „Der Trainer, der das Wunder fast geschafft hätte“, woraufhin ich regelmäßig lange Zähne bekomme. Warum? Nun, in meiner Welt schafft man sogenannte Wunder oder man schafft sie nicht, aber man schafft sie nicht fast. Aber warum wundere ich mich eigentlich noch, immerhin gibt es ja auch sogenannte Fans, die ernsthaft die Auffassung vertreten, dass Frank „der Mann ohne Gedächtnis“ Wettstein ein guter Finanzvorstand sei und die Finanzen des Vereins geordnet hätte. Begründung: „Der Frank hört uns sogar zu“.

Vielleicht werden einige jetzt anfangen zu lachen, aber das stimmt tatsächlich, diese Begründung fällt. Wettstein hört den Leuten zu und gibt sich halbwegs sympathisch, das reicht den Trotteln aus, um zu dem Schluss zu kommen, er sei der richtige Mann auf dem richtigen Posten. Stellt man dann hinterhältige Fragen nach Bilanzen und dem finanziellen Zustand des Vereins, erhält man häufig die Antwort: „Das interessiert mich gar nicht, mir geht es nur um den Fußball“. Ach so.

Aber zurück zu unserem Laienschauspielern Bernd H., der Mann, der seine lukrative Spielerberater-Agentur Lanista aufgab, um sich als Präsident des HSV e.V. vorrangig um die Tischtennis-Spieler und Curling-Artisten zu kümmern. Nie, zu keinem Zeitpunkt war die Rückkehr ins Büro des Vorstandsvositzenden der HSV Fußball AG geplant, all die Ereignisse der letzten 4 Monate trafen Bockwurst-Bernie völlig unvorbereitet. Und die Erde ist eine Scheibe. Aber – es gibt tatsächlich Leute, die glauben das und es sind die Gleichen, die nun erklären, dass Hoffmann bisher alles richtig gemacht hätte. Nun ja, in seinem eigenen Sinne hat er das ganz sicher, aber was genau hat er denn nun als Aufsichtsratsvorsitzender und später als Vorstandsvorsitzender richtig gemacht bzw. was hat er überhaupt gemacht?

Als Vorsitzender des Aufsichtsrat feuerte Hoffmann den Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen, was aber eigentlich nur ein Mittel zum Zweck war, denn Bruchhagen weigerte sich, Sportchef Todt zu entlassen. Da der Aufsichtsrat aber nur Vorstände und keine Direktoren entlassen kann, musste Bruchhagen vor Todt über die Planke, den unglücklichen Sportchef entließ dann Bruchhagens absolut untauglicher Nachfolger Wettstein. In beiden Fällen (Vorstandsvorsitzender und Sportchef) hatte man zum Zeitpunkt der Entlassungen keine Nachfolger, man stieg erstmals ab. Und sonst so?

Der Vertrag mit Wundermann Titz wurde verlängern, was aber eher dem Druck von außen und weniger der eigenen Überzeugung geschuldet war. Mit Ralf Becker holte man einen neuen Vorstand Sport und erstaunlicherweise wurden Abstimmungsergebnisse ebenso bekannt wie die Tatsache, dass Becker nur Kandidat Nr. 4 war, was seine Position von ersten Tag an schwächte. Auffällig übrigens, dass mal wieder absolut alles an die Presse gerät, seit Hoffmann wieder mitwirken darf, oder?

By the way, der Etat für die nächste (Zweitliga)-Saison soll nach aktuellem Stand ca. € 33 Mio. betragen, was ein neuer Rekord sein dürfte. Dies ist ebenso erstaunlich für einen Verein kurz vor der Insolvenz wie es überdeutlich aufzeigt, dass man in der Führung des Vereins nicht bereit oder gewillt ist, umzudenken und aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Apropos Fehler. Mit Investor Kühne hat man es sich nun scheinbar endgültig versaut, der „Gönner“ ist gallig. Dass man auf die Forderungen des Logistikers nach mehr Anteilen nicht eingeht ist die eine Seite und nicht wirklich falsch, aber man hätte zeitgleich die eigenen Kapitalansprüche dieser Situation anpassen müssen. Oder anders ausgedrückt: Wenn ich meine Milchkuh schlachten möchte, muss ich in Zukunft mit weniger Milch auskommen können. Dies aber tut der HSV (Hoffmann) nicht, er rechnet mit einem Etat, von dem gar nicht weiß, wie er ihn finanzieren will und versaut es sich auf der anderen Seite mit Kühne.

Und dann, wie von Zauberhand, geschieht ein kleines Wunder. Nämlich genau in dem Moment, in dem sich der (Ex)-Investor am neuen Vorstandsvorsitzenden so richtig abzuarbeiten beginnt und diesem Wortbruch und Zauderei vorwirft, wird wie aus dem Nichts bekannt, dass der Aufsichtsrat aus der (Not)-Lösung Hoffmann eine Dauerlösung Hoffmann zu machen gedenkt.

Nach nur wenigen Wochen hat Hoffmann (Jahresgehalt: 500 000 Euro plus Boni), der weiterhin auch e.V.-Präsident ist, die Ratsmitglieder mit seiner Arbeit so überzeugt, dass bald ein längerfristiger Kontrakt aufgesetzt werden soll. Hoffmann soll mit seinem Fachwissen, Elan und Kontakten sogar Räte überzeugt haben, die ihm bei seinem Amtsantritt als Vorstand noch ein wenig skeptisch gegenüberstanden. (Quelle: Bild.de)

„Wie Bild erfuhr“ 😀 Woher Bild wohl „erfuhr“? Und warum Bild wohl genau zu diesem Zeitpunkt „erfuhr“? Das wirklich Lustige daran – der Aufsichtsrat ist so unfassbar vom Interim-Mann überzeugt, während er als immer noch amtierender e.V. Präsident die Zusammenstellung des AR maßgeblich bestimmt. Oder mit einfachen Worten gesprochen: Hoffmann wird von einem Gremium gestützt, welches er selbst jederzeit auflösen und nach seinen Vorstellungen neu zusammenstellen könnte.

Fassen wir doch mal zusammen. Abstieg in die 2. Liga. Etat in Rekord-Höhe, Lizenz durch den nächsten Kredit vom Bankhaus Bodensee und der Verlängerung mit Lagardere. Vertragsverlängerungen mit Abstiegsversagern wie Hunt, Holtby und Sakai. Walace mit Verlust verkauft. Halilovic wird wohl verschenkt. Mit Becker Kandidat Nr. 4 als Sportvorstand geholt. Investor verprellt. Kaum eine Chance, Höchstverdiener wie Papadopoulos, Wood, Lasogga und Co. loszuwerden, Trainingslager nach 22 Stunden abgebrochen. Erstaunlich nur, dass es ob der „Abstiegs-Euphorie“ gar keine Maulwurfs-Suche gibt….

Wäre der lächerliche Hype um den Trainer, der den Fußball quasi im Wochentakt neu erfindet nicht existent, müsste man von einem absoluten Desaster reden. Aber – „bis jetzt macht Hoffmann alles richtig“….

 

Von | 2018-07-03T07:15:13+02:00 3. Juli 2018|Allgemein|21 Kommentare

21 Comments

  1. Kevin allein in Hamburg 3. Juli 2018 um 07:42 Uhr

    Das einzige was Hoffmann richtig zu machen scheint, erst einmal seine eigene Schäfchen ins Trockene zu bringen.
    Erst dann und viel später wird sich um „den Verein“ gekümmert.

    Traurig, aber wahr.

  2. Volli 3. Juli 2018 um 08:00 Uhr

    Jetzt mal was erfreuliches. Papa und Wood zurück im Mannschaftstraining! 😂 😂 😂 Wenn Hoffmann nur darauf aus ist abzukassieren, wäre es dann nicht besser Kühne im Boot zu haben? Das wird ja alles immer undurchsichtiger. Nächstes Jahr dürfte ja dann Schluß sein mit dem einst glorreichen HSV.

    • Gravesen 3. Juli 2018 um 08:04 Uhr

      Nein, wäre es nicht. Die offensichtlich einzige Möglichkeit, Kühne weiterhin „im Boot“ behalten zu können, wäre der Verkauf von AG-Anteilen über die 25,1% hinaus, womit die Vormachtstellung des e.V. Geschichte wäre. Und wer ist der derzeitige e.V. Präsident? Wer kann zur Zeit quasi alles bestimmen (und absegnen), ohne Rücksprache zu halten? Wessen Macht wäre dann extrem eingeschränkt? Richtig.

      • Volli 3. Juli 2018 um 09:01 Uhr

        Im Hier und Jetzt richtig. Aber wenn die AG über die Machtspielchen in die Insolvenz geht, gibt es für den VV doch nicht mehr allzu viel zu verdienen.

  3. Michael 3. Juli 2018 um 08:06 Uhr

    Bricht die wackelige Finanzierung zusammen, wird Hoffmann gestürzt. Da ist es gemäß der HSV-Logik, den Vertrag zu verlängern und sich erst mal zwei Jahresgehälter zu sichern.
    Er macht alles richtig.
    Aaskäfer und Schmeißfliegen leben sogar noch auf und in dem Kadaver.

  4. HHMichel 3. Juli 2018 um 11:58 Uhr

    langsam mutiert das ganze doch zu einen fetten Rachef..k

    • Gravesen 3. Juli 2018 um 11:59 Uhr

      Zu einem was?

  5. NochNieDerHSV 3. Juli 2018 um 12:04 Uhr

    Rachefeldzuk! Das liegt doch auf der Hand…

    • Gravesen 3. Juli 2018 um 12:06 Uhr

      Ein Rachefeldzug? Von wem und gegen wen?

  6. NochNieDerHSV 3. Juli 2018 um 12:15 Uhr

    Da bin ich überfragt. Das weiß (nur der) HHMichel

    • Gravesen 3. Juli 2018 um 13:50 Uhr

      Ich schätze mal, Michel möchte uns nicht mehr aufklären.

  7. Libero 3. Juli 2018 um 12:52 Uhr

    Für mich war von Beginn an klar, dass Hoffmann das Amt des VV anstreben würde, so ist es ja auch gekommen.
    Insofern war/ist seine Präsidentschaft (noch) eine lästige Nebenerscheinung und Pflichterfüllung.
    Wichtig ist es für Hoffmann, Macht, öffentliche Aufmerksamkeit und last, but not least einen gut dotierten und langfristigen Vertrag zu bekommen, der ihm seinen 3. Lebensabschnitt etwas erträglicher werden läßt.
    Womit Hoffmann den Aufsichtsrat allerdings dermaßen begeistert hat, dass dieser ihm schon jetzt einen langfristigen Vertrag als VV geben möchte, steht in den Sternen.
    Grave hat ja am Ende seines Artikels die (Minus) Leistungen explizit erwähnt.
    Als AR-Vorsitzender kann er ein Jahr kommissarisch als VV agieren, also noch genügend Zeit, die weitere Entwicklung abzuwarten.
    Nein, der AR will zeitnah den Vertrag verlängern, ohne jede Not.
    Tatsache ist und bleibt, dass der Verein finanziell am Beatmungsapparat hängt und es gibt viele, die bald den Stecker ziehen können (Banken, Kühne, Gläubiger der Anleihe).
    Ich glaube nicht, dass Hoffmann noch Ende 2019 im Amt sein wird.
    Die Bilanz im November wird schon katastrophal, die Lizenzauflagen der DFL im nächsten Frühjahr werden nicht mehr zu erfüllen sein (alle Taschenspielertricks wurden schon eingesetzt) und die Anleihe, die im September 2019 fällig ist, kann nicht zurückgezahlt werden.
    Spätestens bei der Lizenzerteilung oder der Anleihe wird Hoffmann seinen Hut nehmen müssen, natürlich mit einer schönen Abfindung, denn das hat ja Tradition in Hamburg und Traditionen müssen eben bewahrt werden.

  8. Libero 3. Juli 2018 um 15:33 Uhr

    Großartig! Das Abendblatt kürt Superstar Lewis Holtby zum Mann des Monats Juni.

    Jedes Resort dieses unabhängigen, investigativen, kritischen und unbestechlichen Meisterstücks der Hamburger Journallie kürt jeden Monat Menschen, die durch besondere Taten positiv aufgefallen sind.
    Hier der Text des Ressorts Sport:

    „Lewis Holtby

    Für Lewis Holtby war es eine Entscheidung des Herzens. Am 12. Mai, dem Tag des erstmaligen Abstiegs des Hamburger SV aus der Fußball-Bundesliga, war dem Mittelfeldspieler klar: So möchte ich Hamburg nicht verlassen. Der 27-Jährige schlug andere Angebote aus und verlängerte seinen Vertrag zu deutlich geringeren Bezügen beim HSV. Es war eine Unterschrift mit Signalwirkung: Die Fans rechnen es dem Publikumsliebling hoch an, dass er die Abstiegssuppe, die er mit eingebrockt hatte, wieder auslöffeln will. Für das Sport-Ressort ist Lewis Holtby deshalb der Hamburger des Monats. Er zeigt: Geld ist im Leben eben doch nicht alles.“

    Da kommt man doch mit dem Kotzen gar nicht mehr hinterher!

  9. Peter 3. Juli 2018 um 19:24 Uhr

    Dieser Verein kann es schon seit Jahren nicht mehr die Verbindlichkeiten bedienen und die „Klatsch-und- Abnicker- Herde“ läuft immer noch hinterher.
    Mein Rat: Der Realität ins Auge schauen, sich über jeden kleinen Erfolg freuen und nicht soviel jämmerliche Angst vor der 2. Liga zeigen, sondern hoch erhobenen Hauptes, zu dem stehen, was “mein“ ist: Ein in allen Belangen abgewirtschafteter, ehemals sportlich erfolgreicher, notorisch im Gestern verhafteter 2 / Regionalliga-Aspirant…DAZKE  ! ! !

  10. Ex-HSVer im Herzen 3. Juli 2018 um 19:56 Uhr

    Letztlich passt doch alles zusammen in einem
    Land, das moralisch, anspruchstechnisch und intellektuell immer mehr Richtung Abgrund taumelt. Egal ob beim HSV, DFB (Jogi 👎🏼) oder bei Großkonzernen und der Politik: Bloß keine allzu großen Veränderungen. Dabei ist genau das die Ursache für Stillstand und Talfahrt. Dass sich etwas ändert, kann man vergessen, solange die Basis (beim HSV Fans) mit mieser Qualität zufrieden sind und ihne deshalb die Provinzpossen und Betrügereien egal sind. Hauptsache „Nur der HSV“ (könnt kotzen bei dem Spruch).
    Wenn ich lese, dass 24.000 eine Dauerkarte geholt haben, frage ich mich, wer denen ins Gehirn geschissen hat!!! Eine Ansammlung von Versagern und eindimensionalen Honks. Die Schüler und Kinder nehme ich aus, denen gestehe ich das Fansein noch zu.

    Das einzige, was mich annähernd emotional einfangen würde, wäre die Insolvenz und das Hinwegfegen dieser ganzen kriminellen, ekligen Elemente. Ich bin gespannt auf das Buch im
    September

  11. Cleaner 3. Juli 2018 um 21:01 Uhr

    Nur mal angenommen, dem HSV gelingt nicht der sofortige Wiederaufstieg in Liga 1.
    Dann wären die doch spätestens übernächste Saison total Pleite + Insolvent und müssten in die Regionalliga Nord antreten – nach jetzigen Stand der Dinge ?
    Oder reichen 24000 Dauerhüpfer in Liga 2 aus ?
    Eher eine Frage an Kerberos.

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