Özil und die Heuchelei

Liebe Leser,

wie angekündigt werde ich in den nächsten Tagen den einen oder anderen Gastblog veröffentlichen und zur Diskussion stellen, so denn noch welche eintrudeln. Dabei bitte ich Folgendes zu bedenken: Dieser Blog muss nicht zwingend die Meinung des Blogbetreibers widerspiegeln, aber ich fordere ausdrücklich jeden auf, fair und freundlich mit dem Gast-Autor umzugehen, unabhängig vom Thema.

Ein Gastblog von Levti

Aufgrund der Aktualität mal etwas anderes als zum HSV auch wenn nachher einige Fragen, wo denn der HSV Bezug war oder ist, oder warum man sich Gedanken über Themen macht, die nicht wie ein Geier über dem Volkspark kreisen.

Nun kam also gestern über diverse Medien die Meldung, dass Mesut Özil seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt hat. Das Thema war sogar so interessant dass es seinen Weg in diverse Nachrichtensendungen fand. Warum eigentlich?

Da hat also ein Spieler mit türkischen Wurzeln kurz vor der WM dem türkischen Präsidenten die Hand geschüttelt und ein Trikot seines Vereins geschenkt.
Was ich damals schon nicht verstanden habe ist die Tatsache, warum es Leute gibt, die sich darüber aufregen, dass Özil seinem (ich sag mal) Zweit-Präsidenten die Hand geschüttelt hat. Warum wird das von den Medien so aufgebauscht und warum ist das dem normalen Fußballfan nicht egal? Wo war der Aufschrei, als die Erst-Präsidentin, Frau Dr. Merkel vor vier Jahren bei halbnackten Männern in der Kabine auftauchte und ihm auch die Hand geschüttelt hat?

Achso, Frau Dr. Merkel ist ja ein lupenreiner Demokrat und Herr Erdogan ist ja nur ein Diktator. Wer von uns kann überhaupt schlüssig belegen, was einen türkischen Diktator ausmacht? Ja, zugegeben, es hinterlässt manchmal in den Medien ein seltsames Bild wenn man hört und sieht, dass wieder tausende Staatsbeamte entlassen wurden und dass eigentlich unabhängige Richter und Journalisten in den Knast gewandert sind. Aber wer von uns kann das wirklich zu 100 % einschätzen?

Aber wo wir schon in der hohen Politik angekommen sind. Hat nicht Frau Dr. Merkel dem Herrn Erdogan neulich auch die Hand geschüttelt? Hat sie ihm nicht Geld dafür gegeben, dass der Kollege Flüchtlinge in der Türkei behält und ist es nicht der deutsche Staat, der dem türkischen Regime Panzer liefert und nachrüstet, damit die Kurden (die ehemals willfährigen Helfer im Kampf gegen den IS) zerbombt werden?
Ich sehe gerade Panzer, die halb zerfallende Häuser zerbomben, in denen sich noch Menschen befinden und leider keine astreinen Türken sind und einen eigenen Staat wollen. Daneben Herrn Özil, der einem Herrn Erdogan ein Shirt überreicht. Seht ihr die Relationen?

Nur zur Erinnerung noch einmal zur Ausgangslage. Wir reden davon, dass ein Spieler einem Präsidenten ein Trikot geschenkt hat.

Was man auch gerne liest und hört:
Aber der Özil identifiziert sich nicht mit Deutschland, der singt ja auch nicht die Nationalhymne mit.
Leute, wenn das ein Qualitätsmerkmal ist, sollten wir demnächst Dieter Bohlen, Helene Fischer und die Scorpions aufstellen. Sarah Connor geht nicht, die kennt den Text nicht richtig.
Wie krank ist so ein Argument? Wenn ich morgens zur Arbeit gehe, dann fange ich mit der Arbeit an und lese nicht jeden Tag den Ehrenkodex durch oder vor. Was soll der Scheiß? Für die meisten Leute ist die Hymne doch nur das Signal jetzt noch schnell in die Küche zu spurten, die letzten Biere zu holen um ja nicht den Anstoß zu verpassen, oder?

Und jetzt kommen wir zurück zum sportlichen Bereich und zu den Granden des DFB. Warum schaffen es Leute wie Bierhoff und Grindel nicht, das Thema kleinzuhalten und unauffällig zu eliminieren? Wenn ein Spieler bei Bayern sein Haus abfackelt, dann steht das kurz in der Presse, dann kommt der Uli und dann hört man nichts mehr zu dem Thema. So etwas nennt man Krisenmanagement.  Beim DFB gibt es Experten, die in der Lage sind in Abständen immer wieder ein wenig Öl ins Feuer zu schütten, damit die Rauchfahne auch nie versiegen möge.

Wie kommen die Herren vom DFB eigentlich auf die Idee eine moralische Instanz zu sein und Spieler in der Öffentlichkeit maßregeln zu müssen? Als „Arbeitgeber“ habe ich so etwas wie eine Fürsorgepflicht, wie sieht so etwas denn in Frankfurt aus?

Und kommen wir über den Bogen zum Thema DFB und Moral. Hier will ich nur einmal ein paar Beispiele benennen. Der neue Sponsor des DFB ist Volkswagen. Volkswagen ist die Firma die es immer noch nicht geschafft hat, sich aus der Dieselaffäre zu befreien. Hier wurden Millionen Käufer beschissen und Milliarden Leute mit verschmutzter Luft vergiftet. Was macht die Presse? Man nennt so etwas verniedlichend Schummelsoftware. Nein, es wurde nicht geschummelt, es wurde dreist betrogen und belogen. Ich sehe gerade die stinkende Dieselflotte auf einem Parkplatz in Bremerhaven und daneben Herrn Özil, der einem Herrn Erdogan ein Shirt überreicht. Seht ihr die Relationen? Apropos Volkswagen und Diktatoren. Wenn ihr mal Langeweile habt, schaut mal in der Mediathek nach einer Dokumentation über Volkswagen do Brasil und das Verhalten während der Diktatur in Brasilien nach. Die haben nicht ein Shirt oder ein Auto überreicht. Nein, die Militärpolizei konnte ungehindert auf das Werksgelände kommen, um denunzierte Mitarbeiter abzuführen. Seht ihr noch das Trikot oder schon was anderes?

Und losgelöst von Volkswagen wieder zurück zum DFB.
Wie kommt der DFB auf den Gedanken, eine moralische Keule zu schwingen? Der Laden der seit Jahren immer propagiert „Keine Macht den Drogen“, aber der Hauptsponsor vertreibt Getränke mit ca. 4,8 %. Ich wollte jetzt keine Schleichwerbung machen, daher kein Name.
Oder der DFB, der eine WM für 6,7 Millionen Euro gekauft hat und letztendlich weiß keiner was und der Franz hat eh alles unterschreiben, was man ihm hingelegt hat. Ich bewundere die Herren ja heute noch, dass die WM so günstig geschossen wurde (ich dachte so ein Event wäre teurer zu haben), aber in letzter Konsequenz handelt es sich um Schmiergeld, Betrug und Steuerhinterziehung.
Und ich wiederhole mich – Herr Özil hat Herrn Erdogan nur ein Trikot überreicht.

Ich weiß, dass dies kein Wirtschafts- oder Politikblog ist, aber Leute macht doch mal die Augen auf, wie die Medien uns hier manipulieren und wie leicht und wie schnell wir auf so etwas hereinfallen. Warum wird denn über unseren Rekordnationalspieler Lothar M. nicht so ein Fass aufgemacht, weil er Herrn Putin die Hand geschüttelt hat? Vielleicht weil er gelegentlich Kommentare für die Blöd schreibt? Wo schreibt der Mehmet denn nicht? Mh…komisch.???

Und bevor jetzt sich auch der letzte erschreckt abwendet, weil es hier ja gar nicht um Fußball geht (doch), noch ein kurzes Statement:

Lieber Mesut,

für mich warst Du mit Garantie nicht der schlechteste Spieler unseres Teams in Russland (schon wieder Putin – wie konnten wir da nur hinfahren?). Ich habe nie verstehen können, warum so ein Bild ausgeschlachtet werden musste und warum sich die Geier auf so etwas stürzen mussten. Ich habe nie verstanden, warum es die Pfeifen vom DFB nicht verstanden haben, das Thema aus den Medien zu bekommen.

Mir ist nicht klar, warum das Singen etwas mit Leistung zu tun hat, mir ist auch nicht klar, warum an eine Aussage oder sogar eine Entschuldigung von Dir gefordert hat. Im Gegenzug zu den oben genannten Themen hast Du niemanden beschissen, getäuscht oder umgebracht, aber ein Trikot zu übergeben, nein, das geht anscheinend nicht.

Du wirst Dir über Deinen Rücktritt Gedanken gemacht haben, denn es sieht nicht nach einer spontanen Entscheidung aus. Mir tut es leid und mir wirst Du fehlen.  Du kannst gerne immer wieder kommen und würdest von mir auch herzlich begrüßt werden, aber die Lügner, Betrüger und Mörder, die können gerne dahingehen, wo der Pfeffer wächst.

Das wars! Danke, dass musste ich mal loswerden. Diese Heuchelei und die Dummheit einiger Menschen kotzt mich wirklich an.

 

Von | 2018-07-24T07:11:52+02:00 24. Juli 2018|Allgemein|45 Kommentare

45 Comments

  1. Jobobojo 24. Juli 2018 um 08:06 Uhr

    Großartiger Kommentar. 100% Zustimmung!

  2. Axel 24. Juli 2018 um 08:10 Uhr

    Schön geschrieben und alles richtig, was du sagst. Doppelmoral können die deutschen gut, speziell unsere Freunde auf der „rechten“ Seite der kulturbewahrer.

    Dennoch hätte sich Özil das schenken müssen, mit ein bisschen Weitblick muss klar sein, dass solche Aktionen ausschließlich einem helfen, nämlich erdogan. Kurz vor einer wm in einer eh schon aufgeheizten Stimmung einem Despoten, der gerade eine Diktatur errichtet und krieg gegen Minderheiten führt, „aus Respekt“ die Hand zu schütteln, ist absolut kritikwürdig.

    Hinzu kam dann das Versagen der Verantwortlichen im dfb, die mit einer solchen Situationen komplett überfordert sind und am besten alle ihren Hut nehmen.

    Gruß axel

  3. Ex-HSVer im Herzen 24. Juli 2018 um 09:09 Uhr

    Super geschriebener Blog! Ich begrüße es sehr, dass auch solche Themen hier diskutiert werden. Der HSV ist mittlerweile nicht wirklich mehr diskutabel, sondern unwichtig im Quadrat.

    Sehr viel Wahres dran! Allerdings muss ich sagen, dass mir das Ganze viel zu sehr aufgebauscht wird. Von beiden Seiten. Obwohl man bedenken muss, dass Özil auch nur eine Marionette seiner Berater und Agentur ist, die das Ganze hochgekocht haben. Dieser Text wurde von Medienprofis verfasst und interessiert letztlich keine Sau so wirklich. Denn natürlich sind Großteil der zig Millionen Follower gekaufte Fakes.
    Aber die Presse spielt ihr Spiel. Nur der Uli spricht aus, was des Volkes Seele denkt. Özil ist eigentlich seit Jahren ein Mitläufer und überflüssig, wenn man Erfolg haben will. Besonders hell in der Birne war er noch nie und dass er sich jetzt über die sozialen Medien äußert statt sich persönlich zu stellen, spricht Bände. Ich sag nur: Gääähn!
    Für mich einer der am meisten überschätzten Fußballer aller Zeiten. In ein paar Tagen ist das Thema aus der Presse raus und keiner spricht mehr darüber.

    Was mich mittlerweile wirklich nervt ist, dass das Wort „Rassismus“ so inflationär benutzt wird. In diesem Fall hat es zu 100% nichts zu suchen. Aber wenn wirkliche Argumente fehlen, wird immer diese Trumpfkarte gezogen und schon hat man die mediale Aufmerksamkeit. Ich kann darüber nur den Kopf schütteln über soviel Dummheit. Es ist völlig legitim, dass man Menschen kritisiert, weil sie aufgrund ihrer Kultur oder ihrer Reigion Dinge machen, die kriminell bzw. unmoralisch sind oder in unserer Kultur nichts zu suchen haben. Das ist kein Rassismus. Denn dieser liegt vor, wenn man sie pauschal aufgrund der Rasse (also der ethnischen Herkunft) herabsetzt/anderweitig verunglimpft. Das hat keiner mit der Heulsuse Özil gemacht.

  4. Christian 24. Juli 2018 um 09:23 Uhr
    • Dennis61 24. Juli 2018 um 14:31 Uhr

      So ganz schlüssig ist sich Herr Arik aber auch nicht. Er fühlt sich als Türke, deswegen boxt er für die Türkei. Aber leben tut er lieber hier, weil das hier seine Heimat ist!? Ich glaube genau dieser innere Konflikt ist es, den diese Menschen mit sich und nur mit sich selbst ausmachen können. Wer bin ich? In der Türkei ist er wahrscheinlich der Deutsche und in Deutschland der Türke. Ich bin ehrlich gesagt froh nicht in der Situation zu sein und erlaube mir von daher auch kein Urteil, habe aber durchaus Verständnis für die innere Zerissenheit. Für Außenstehende ist das oftmals nicht so leicht zu durchschauen.

      • Sag' Tschüss Dino 29. Juli 2018 um 00:55 Uhr

        Na ja, wenn man begriffen hat, dass Arik sich als Gegner Erdogans und dessen Politik versteht, sollten einem aber schon die Lichter aufgehen, warum er dann hierzulande lebt.

        • Dennis61 29. Juli 2018 um 21:39 Uhr

          Den extremen Stolz auf die Türkei bzw. das türkisch sein teilt er wohl auf gewissener Ebene sowohl mit Özil als auch mit Erdogan. Özil und Erdogan sind auch nicht erst seit gestern miteinander bekannt und Erdogan auch nicht immer so in der Kritik. Ohne jetzt eine große weitere politische Diskussion aufmachen zu wollen. Ganz vielleicht ist Erdogan im Großen und Ganzen gar nicht so schlecht für die Türkei und wir Europäer profitieren davon. Wenn man sich anschaut welche Kräfte in der Türkei wirken und in welcher schwierigen geografischen Lage sich dieses Land befindet. Ich will damit Erdogan nicht für seine Politik loben oder ihn gutheißen, es ist nur eine These.

  5. Volli 24. Juli 2018 um 09:42 Uhr

    Guter Kommentar! Aus einer Mücke würde ein Elefant gemacht. Es wurde lediglich ein Trikot überreicht!

  6. tommmlij 24. Juli 2018 um 09:43 Uhr

    Nur mal so: http://www.skysports.com/football/news/11670/11286094/mesut-ozil-brings-up-50-premier-league-assists-in-record-time

    Das ist für mich, seit Özil die Bildfläche des erfolgreichen Fußballs betreten hat, typisch. Erst das Thema Fremdenfeindlichkeit meilenweit von sich weisen und dann entweder sein fußballerisches Können („Für mich einer der am meisten überschätzten Fußballer aller Zeiten“) oder sein Verhalten („Heulsuse Özil“) diffamieren.

    Es wurde schon immer mit zweierlei Maß gemessen und was jetzt durch die Medien geht ist einfach nur zum Kotzen. Jetzt kommen alle hinterm Ofen vor und können endlich mal das sagen, was sie bis seit 2014 nicht mehr sagen konnten, weil die Jungs ja Weltmeister geworden sind.
    Endlich mal wieder aufm Mesut rumhauen, der hat ja sogar den Erdogan hofiert. Wow. Da kriegt der Durchschnittsdeutsche ordentlich Hals bei…

    Ne Leute, Özil wurde immer mit nem anderen Maß gemessen als z.B. Schweini oder Kroos. Keine Ahnung ob ihn das stört und keine Ahnung wie es ihm so in GB geht und ob es da besser ist, aber bei diesem Thema komme nicht aus dem Facepalming heraus wenn ich auf Schland gucke.

    Danke für den super Gastblog übrigens!

  7. Ywergnase 24. Juli 2018 um 10:35 Uhr

    Warum muß Özil ein Bekenntnis zu Deutschland abgeben, er ist Deutscher.

  8. Dennis61 24. Juli 2018 um 10:39 Uhr

    Moin!

    Und genau das ist das Problem hier in diesem schönen Land. So viele Menschen sehen sich ständig bemüßigt den moralischen Zeigefinger zu heben. Was geht mich das an wo und mit wem jemand sich zu einem Foto aufstellt? Sicherlich hätte ich es – aus sehr vielen Gründen – nicht gemacht, aber daraus nun abzuleiten, dass Mesut Özil kein echter Deutscher ist und nicht zu Deutschland steht ist gelinde gesagt einfach Müll. Die deutsche Fußballnationalmannschaft ist eine Ansammlung junger Männer mit einem deutschen Ausweis. Nicht mehr und nicht weniger. Die einzige Schnittmenge ist, dass alle viele Millionen Euro mit „Fußlümmelei“ verdienen. Hier wird, wie so oft momentan, ein völlig abstrakter Konsens („Wir sind das Volk“) heraufbeschwört, den es nicht gibt, nie gegeben hat und nie geben wird. Wir deutschen, wir Hamburger, wir HSV-Fans. Was soll DER HSV-Fan sein, außer, dass die Daumen für den gleichen Sportverein gedrückt werden.

    Mesut Özil hat sich nie etwas zu Schulden kommen lassen. Er war nie ein Lautsprecher, sondern in seiner introvertierten Art ein eher unauffälliger Spieler im DFB-Team. Für mich auf dem Platz immer umgeben von einer Aura, die man von Künstlern kennt und der immer für einen genialen Spielzug gut war. Einmal dahingestellt, dass es tatsächlich falsch war sich mit Erdogan fotografieren zu lassen. Was wäre gewesen die deutsche Elf wäre sehr weit gekommen oder hätte womöglich den Titel verteidigt. Keine Sau hätte diesem vermeintlichen Fehltritt auch nur einen weiteren Satz gewidmet. Mesut Özil war nachweislich einer der besseren Spieler in einer schlecht eingestellten und blutleeren Truppe. Er muss nun als Sündenbock herhalten und alle, denen die vielen Migrantenkinder im Team schon immer ein Dorn im Auge waren, sehen sich jetzt bestätigt und bekommen den Auftrieb, den sie nie für möglich gehalten hätten. Wer bei Verstand ist, sollte sich mal genau überlegen was diese Diskussion gerade mit unserer Gesellschaft macht. Sie entzweit uns. Und darauf soll ich stolz sein? Das soll die Leitlinie sein woran sich die Migrantenkinder, Gastarbeiter und Flüchtlinge orientieren sollen? Pfui Deutschland! Eins der reichsten und fortschrittlichsten Länder der Erde kriegt es im öffentlichen Diskurs nicht hin Fußball Fußball sein zu lassen und muss jemanden, der sich womöglich einen Fehltritt erlaubt hat, den Löwen zum Fraß vorzuwerfen? In was für einer Zeit leben wir eigentlich? Was sollen unsere Kinder von uns denken? Dieser Zeitgeist spiegelt sich in den Trumps, Putins, Gaulands und nicht zuletzt auch Erdogans wider. Auf dem Rücken der Schwächsten sein kleines Ego zu boosten. Billiger und ärmer geht es nicht.

    Ich weiß nicht ob sich noch jemand daran erinnert, aber diese „Kanackentruppe“ ist 2014 Weltmeister geworden und bei vorherigen Turnieren immer bis ins Halbfinale vorgedrungen. Jetzt auf einmal ist es wichtig wer wie laut die Hymne singt und woher seine Eltern oder Großeltern stammen. Bei aller Liebe, aber so etwas Dummes kann kein Mensch wirklich denken. Wir reden hier über Fußball. Wo und wie genau findet die Aufarbeitung des Desasters namens „historisches Vorrundenaus“ statt? Keine Diskussion über Löws panischen Personalwechsel, viel zu offensiver Ausrichtung, die Ausladung von Sané, der vielleicht tatsächlich für einen Überraschungsmoment im lahmen deutschen Angriffsspiel gut gewesen ware oder ein Sandro Wagner, der vielleicht eine oder zwei Großchancen weniger für ein Tor gebraucht hätte als Gomez. Kein Wort über einen eventuell überspielten und müden Toni Kroos, der nachweislich weit hinter seiner Form und seinen Möglichkeiten geblieben ist. Er hat zwar diesen super Freistoß gegen Schweden reingemacht, trotzdem war es strenggenommen auch nur eine Wiedergutmachung seines amatuerhaften Abspielfehlers vorm 0:1.

    Ich reg mich schon wieder viel zu sehr auf, aber ich empfehle sich der Lektüre von Bild und co. zu entsagen. Diese Leute bilden keine Meinung, sie versuchen zu verkaufen und Geld zu verdienen. Nur vermeintlich wollen sie informieren und aufdecken. Aber auch immer nur gerade das, was ihnen in den Kram passt und Auflage bzw. Klicks generiert. Das ist klassische Hetze und hat mit neutraler und objektiver Berichterstattung so viel gemeinsam wie der HSV mit seriösem Wirtschaften. Nämlich ziemlich genau nichts. Trump und Gauland haben die Methode perfektioniert. Steile These ausrollen, spalten, zurückrudern und die nächste Bombe platzen lassen. Viele Leute finden das auch noch gut, weil da „endliche mal jemand auf den Tisch haut“. Meine persönliche Vermutung ist, dass diese Leute nie wirklich gelernt haben sich ihre eigene Meinung zu bilden und für die Kompromiss ein Fremdwort ist. Es sind in meinem Augen Menschen, die sich nach Führung sehnen, weil sie in der Kindheit nicht gelernt haben eigenständig zu sein, sondern ständig von den Eltern in ihrer Entwicklung gebremst wurden. Diese Menschen warten immer darauf von anderen bestätigt zu werden, sind selber aber nicht in der Lage sich selbst zu mögen. Aus dieser kindlichen Erfahrung heraus ist es natürlich normal andere für ihr Tun und Handeln zu verurteilen, weil es in ihrer Familie und im Umfeld normal ist andere zu zerfleischen die von der Norm abweichen oder sich zu erlauben ohne weitere Hintergrundinformationen jemanden pauschal zu verurteilen. In einer sich immer schneller drehenden Welt, in Zeiten der Informationsflut fällt das Filtern zunehmend schwerer und der Schrei nach der harten Hand „Law and Order“ wird lauter. Dass man selber nicht immer ganz auf der Höhe ist und durchaus Fehler hat und macht, wird solange ausgeblendet bis man selbst Ziel von Sanktionen oder Angriffen wird. Das wiederum bedenken die wenigsten, wenn sie sich mal wieder an jemanden abarbeiten und für ihr eigenes Versagen oder für Mißstände verantwortlich machen zu können.

    • Kobinho 24. Juli 2018 um 11:23 Uhr

      Rein sportlich gesehen konnte ich mit Özil noch nie viel anfangen. Ansonsten kann ich Deinen Kommentar absolut unterschreiben- top!

    • Herr Horst 24. Juli 2018 um 17:37 Uhr

      Danke, Dennis. Absolut klasse geschrieben, 100% Zustimmung

  9. Oliver Bruchholz 24. Juli 2018 um 10:51 Uhr

    Dennis61. 100% Zustimmung. Gut geschrieben!

  10. Gravesen 24. Juli 2018 um 11:11 Uhr

    Mal was anderes. Schön zu sehen, wer sich da als neuer HSV-Sponsor (für ein Jahr) präsentiert.
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    https://www.hsv.de/news/meldungen/allgemein/juli-2018/hsv-und-naga-beschliessen-exklusivpartnerschaft/
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    Eigentümlicher Laden…
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    http://finanz-szene.de/exklusiv-wo-sind-die-50-millionen-aus-dem-ico-des-hamburger-fintechs-naga-gelandet/
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    Weil es sich bei der Naga AG um kein beliebiges No-Name-Startup handelt. Sondern um ein Unternehmen, das mit der etablierten Finanzindustrie eng verwoben ist. So betreiben die Hanseaten zum Beispiel Joint-Ventures mit Hauck & Aufhäuser und der Deutschen Börse. Und sie wissen als Großaktionär den chinesischen Investor Fosun hinter sich, der gerade mit Bafin-Plazet in Deutschland Fuß zu fassen versucht. Darum sei die Frage erlaubt: Wo sind die 50 Mio. Dollar aus dem Naga-ICO eigentlich gelandet? Eine Spurensuche mit verblüffendem Ergebnis.

    • Saschas Alte Liebe 25. Juli 2018 um 01:54 Uhr

      Seriös geht anders, scheint es.

    • ausgegliedert 25. Juli 2018 um 19:03 Uhr

      Wer hat den denn ohne Marketing Vorstand aufgetan?
      Mr. „was ICO ist, hab ich vergessen“ oder doch der VV?

  11. Jolle4 24. Juli 2018 um 11:24 Uhr

    Vielen Dank für den Gastblog, kann dem nur zustimmen. Auch Danke an Grave, dass er diesen Blog für so etwas öffnet (An die Kritiker: Schreibt einen Kontrablog, ich bin mir sicher er würde auch veröffentlicht).
    Seit wann bestimmen denn Herr Grindel und Konsorten, welche politische Haltung ein Fussballspieler haben sollte? Wieso nicht gleich einen Gesinnungstest für Nationalspieler? Viel sinnvoller wäre es doch, Sport und Politik konsequent zu trennen und diese Überhöhung von Nationalspielern zu Repräsentanten unseres Landes zu beenden. Im Übrigen sind es doch die Sportfunktionäre, die – angesprochen auf Putin etc – immer betonen, der Sport würde Brücken bauen und man solle Sport und Politik trennen. Dass ausgerechnet Uli Hoeneß sich mit Kritik an Özil hervortut,, setzt dem ganzen noch die Krone auf.

    Ich finde diese ganze Diskussion sehr besorgniserregend. Als Vater zweier Kinder mit Eltern unterschiedlicher Herkunft ist mir sehr klar, dass meine Kinder sich vermutlich nie für ein Land „entscheiden“ werden wollen und dies auch nicht müssen. Wieso auch? Ist es für so viele Menschen hier wirklich unvorstellbar, dass man sich zwei Nationalitäten zugehörig fühlen kann? Woher kommt dieser Besitzanspruch und die damit verbundene Forderung, Özil müsse sich „zu Deutschland bekennen“? Er ist in Deutschland geboren, hat einen Deutschen Pass, wurde hier zum Fussballer ausgebildet und hat sich entschieden für das Deutsche Nationalteam aufzulaufen. Genügt das nicht?

  12. Wormfood 24. Juli 2018 um 12:28 Uhr

    Ein paar Anmerkungen.

    Türkische Herkunft Özils:
    Der Vater von Mesut Özil kam im Alter von zwei Jahren nach Deutschland, ist, wie später seine Kinder, in Deutschland aufgewachsen und wurde hier sozialisiert.
    Wenn sich die Familie ihren türkischen Wurzeln weiterhin verbunden fühlt, ist das ebenso deren private Angelegenheit wie der intern tradierte religiöse Glaube.

    Integration:
    Jedem seine Folklore, jedem seine eigene Kultur, solange man sich an die allgemeinen Standards einer Gesellschaft hält. Letztere werden aber ständig neu definiert.
    Mit meinem heutigen politischen Bewusstsein wäre es mir völlig unmöglich, mich in die Nazi-Gesellschaft von 1933 bis 1945 zu integrieren. Meine Integrationsbereitschaft würde nicht mal für ein niederbayrisches Dorf im Jahre 2018 ausreichen.

    „Integration“ ist nur ein politischer Kampfbegriff. So wie „Freiheit“ oder „Identität“. Beliebig zu mißbrauchen.

    Özil & Erdogan:
    stern.de berichtete von fünf Treffen zwischen Özil und Erdogan.
    Das erste war 2011. Die Treffen 2016 und 2017 erregten keinerlei Aufregung in der deutschen Medienlandschaft, obwohl die Natur des von Erdogan angestrebten Regimes zu der Zeit allgemein bekannt war.

    • Michael 24. Juli 2018 um 19:46 Uhr

      Erdogan hat Özil als Patriot und Nationalist gelobt. Mehr 33-45 geht somit nicht. Von daher ist die Relativierung inkl. Hinweis Niederbayern etc. und wozu die Aufregung in Sachen Erdogan, da Folklore etc. hinfällig. Genau das was du hier kritisch ansprichst, steckt in solchen Äußerungen, die Erdogan getätigt hat und Özil schweigend annimmt.

      • Wormfood 24. Juli 2018 um 20:14 Uhr

        Ich hatte drei Anmerkungen optisch und inhaltlich voneinander getrennt.

        In Deiner Antwort würfelst Du alles durcheinander. So kann man mit mir nicht diskutieren.

        Ordne Deine Gedanken und dann können wir reden.

  13. NochNieDerHSV 24. Juli 2018 um 13:41 Uhr

    Natürlich in Englisch…Er will mit seinem Statement ja möglichst viele seiner weltweiten „Follower“ erreichen, und nicht nur den deutschen Michel, der mit dem Stahlhelm im Schrebergarten die Bildzeitung auswendig lernt!
    Das hat mit Wertschätzung oder Bekennen zu Deutschland wenig bis gar nichts zu tun.

    • Dennis61 24. Juli 2018 um 14:16 Uhr

      Es mag Dir entgangen sein, doch Mesut Özil spielt beim FC Arsenal London. Eine Erklärung auf englisch ist nur logisch. Damit erreicht er sowohl die englischen, als auch die deutschen und die türkischen Fans. Dass das nun auch wieder ein Grund zum Aufregen ist, zeigt auf welchem Niveau wir mittlerweile angekommen sind. Die Kritiker finden doch immer irgendwo ein Haar in der Suppe. Warum benutzt Du eigentlich den englischen Begriff „Statement“? Soll mich das an Deiner Wertschätzung der deutschen Sprache zweifeln lassen. 😉

      • NochNieDerHSV 25. Juli 2018 um 09:02 Uhr

        Falls sich deine Anmerkung auf mich bezieht, hast du – glaube ich – nicht verstanden, was ich zum Ausdruck bringen wollte.

        • Dennis61 25. Juli 2018 um 09:53 Uhr

          Moin! Du hast recht. Mit einer Mütze Schlaf und einem etwas beruhigtem Puls fasse ich Deine Aussage heute durchaus als ironisch gemeint auf. Verzeih bitte, dass ich Dich versehentlich mißverstanden habe.

  14. cajunX 24. Juli 2018 um 14:51 Uhr

    Teil 1 zu DFB/Grindel:

    Das Thema „Erdogan-Foto“ war doch zumindest ausgeklammert bis nach der WM. Dann kommt erst Bierhoff in einem Statement, der Özil wäre schuld am frühen Ausscheiden. Und das, obwohl Özil im entscheidenden Spiel gegen Südkorea bestre Torchancen für unsere Stürmer am Fließband kreierte. Nach dem Shitstorm in den sozialen Netzwerken und Protesten in einigen Lead-Medien zog er diese Aussage zurück unfd behauptet, man hätte ihn mißverstanden. Dann kommt Grindel, ein karrieregeiler Provinzheini aus SH und behauptet dasselbe. Beide Aussagen wurden ausschließlich getätigt um die eigene Haut zu retten. Ich kann doch die Fotogeschichte und das Ausscheiden nicht in einen Topf werfen. Zusätzlich steht er noch in der Kritik, weil er vor der WM ohne Not die Verträge von Löw bis 2022 und den voin Bierhoff gar bis 2024 verlängert hatte. Eines der ersten Dinge, die beim DFB generell gemqacht gehören, ist ein funktionierendes Controllingsystem. Aber das kann ich nicht einem ehemaligen Polit-Hinterbänkler, der damit null Erfahrung hat, anvertrauen. Ich habe bei Özil in seinen drei Beiträgen Selbstkritik auch vermißt. Aber vom DFB war das von vornherein ein miserables Handling. Erst wollten sie es aussitzen und als Medien wie kicker, Spiegel und SZ da nicht mitspielten, kam der ehemalige politische Rechtsaußen der CDU auf die glorreiche Idee, sich Özil als Bauernopfer auszusuchen. Das was er dann nämlich gemacht hat, war eine Katastrophe. Und wenn Özil ihn als Rassist bezeichnet, kann ich das gut nachvollziehen und nichts anderes ist er auch. Da kann man 1949 bei Dr.Peco Bauwens anfangen anfangen und bei Grindel 2018 aufhören mit Ausnahme evtl. von Zwanziger, Rassismus und ein Gedankengut hart an der Grenze zum Faschismus beim einen oder anderen DFB-Chef zieht sich wie ein roter Faden durch die Reihe der DFB-Präsidenten.

    DER SPIEGEL 15/2016 vom 9.4.2016 zu Grindel:

    Die vierte Häutung:
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-144021677.html

  15. cajunX 24. Juli 2018 um 14:54 Uhr

    Teil 2 zu Özil / Gündokan:

    Zu Özil/Gündokan:

    Özil:
    „Während ich vom DFB kritisiert wurde und meine Handlungen rechtfertigen sollte, wurde keine offizielle und öffentliche Stellungnahme von dem DFB-Sponsor eingefordert. Warum? Liege ich richtig, dass dies schlimmer ist als ein Foto mit dem Präsidenten des Landes meiner Eltern? Was sagt der DFB zu alldem?“

    Wenn er das Wort Eltern durch Großeltern ersetzt hätte, liegt er im großen Ganzen gar nicht so falsch. Denn Özils Großvater ist als junger Mann und Familienvater in dieses Land gekommen – Özils Vater war damals 2 Jahre alt. Was den Respekt betrifft, Emre Can spielte damals noch in Liverpool und hatte auch eine Einladung. Er lehnte ab – möglicherweise aus Respekt für Erdogans zahlreiche Opfer!

    Das Wort Respekt gegenüber dem türkischen Präsidenten spielte sowohl in Gündokans Erklärung kurz nach der ersten Kritik als auch jetzt in Özils Erklärung eine große Rolle.

    Zu Gündokan aus einer Nachrichtenseite:
    „Gündokan pflegt seit langem gute Beziehungen zur türkischen Regierungspartei AKP, zumindest in der Region, aus der seine Familie stammt. Seit Jahren tritt er als Wohltäter und neuerdings auch als Investor in der Heimatstadt seiner Familie in Dursunbey auf, in der Provinz Balikesir im Westen des Landes.“

    und weiter:
    „Türkische Medien berichteten im März, Gündogan habe zusammen mit seinem Vater Irfan und seinem Bruder Ilker in der gleichnamigen Hauptstadt der Provinz Balikesir für mehr als fünf Millionen Euro ein älteres, ausgedehntes Bürogebäude der Stadtverwaltung gekauft. Dort wolle er ein 13-geschossiges Einkaufszentrum errichten, mit 42 Läden und 123 Büros auf rund 4500 Quadratmeter Fläche. Die Baugenehmigung sei bereits erteilt worden.“

    Ich denke, daß auch Özil Geschäftsinteressen in der Türkei hat. Falls ja, wäre es m. E. ehrlicher gewes