Die wahren Motive…

Lösen wir uns doch mal einen Moment davon, ob die Geschichte des Bakery nun tatsächlich wahr oder erfunden ist und ich kann sagen, dass ich mit ungefähr 50 verschiedenen Leuten über den Fall gesprochen habe und unter vier Augen haben wie viele erklärt, sie glaubten die Story von 17-jährigen Flüchtlingswaisen, der ohne Papiere nach Deutschland kam und dann plötzlich einen nachgereichten Reisepass zugeschickt bekam? Null. Nicht einer. Aber darum geht es nicht, obwohl es genau darum und um nichts anderes gehen sollte. Aber aufgrund von Glück, göttlicher Fügung oder cleverer Taktik ist es gelungen, den Kern der Geschichte frühzeitig von den Fakten zu lösen, woraufhin die wortgewaltigen Moralisten die Führung übernahmen. Ob oder ob nicht, Wahrheit oder Lüge, all das spielte bereits nach wenigen Tagen keine Rolle mehr. Die Frage nach dem Warum wird nicht mehr gestellt.

Betrachtet man nun die zahlreichen Bakery-Anwälte, sollte man versuchen zu verstehen, warum sie so selbstlos ihre Stimmen erhoben und sich für den Gambier in die Schusslinie warfen. Denn nie und zu keinem Zeitpunkt ging es um den Fußballspieler, es ging um die Verteidiger selbst. Selten konnte man mit so wenig Aufwand in eine Rolle schlüpfen, die man schon seit längerer Zeit gern ergattert hätte, die aber nie zur Disposition stand. Bakery, und ich verzichte bewusst auf den Nennung des Nachnamens, eröffnete ungewollt eine Chance und wie eine Herde ausgehungerter Wölfe warf sich alles auf diese Möglichkeit, was nicht weiter als von 12 bis Mittag denken kann.

Fangen wir an bei den selbstgerechten Verteidigungs-Medien. Bereits seit vielen Jahren im Hofberichterstatter-Modus, unterscheiden sie sich untereinander kaum noch voneinander. Aber plötzlich hatte man die Möglichkeit, sich abzugrenzen. Da die blinde SportBild und die übermächtige und fiese BILD, hier wir. Die Guten. Die echten und wahren HSV-Medien. Diejenigen, die die Interessen von Verein und Spielern tatsächlich schützen und nicht bei der geringsten Chance dem Verein von hinten in den Rücken schießen. Dabei musste man als Advokaten-Schreiber noch nicht einmal mit Exklusivität, Investigation oder gar der Wahrheit aufwarten, es reichte, wenn man einfach nur verteidigte. Vehement, brutal und rücksichtslos. Alles und jeder, der auch nur den geringsten Zweifel an der Geschichte des afrikanischen Supertalents zu äußern wagte, wurde gnadenlos niedergeschrieben und wenn alle Stricken rissen, wurde nach der Moralkeule auch noch die Rassismuskarte gespielt. Das alles ohne Begründung, ohne tatsächlich Hinweise, einfach nur aus dem einen Grund: Sich abzugrenzen, Punkte machen zu können, Klicks zu generieren und das eigene Image aufzupolieren. Bakery selbst interessiert nicht einen dieser Vögel.

Dann wäre da der Verein. Fragil, unsicher, fast insolvent und immer noch dabei, Gelder auszugeben, die man gar nicht hat. Und dann bietet sich wie aus dem Nichts die Chance, Kapital aus einer Katastrophe zu schlagen. Wie in einer Gemeinde aus dem mittleren Westen, deren Stadtkern nach einem Tornado verwüstet wurde und die anschließend beschließt, zusammen zu halten und gemeinsam wieder aufzubauen, scharten sie Spieler und Männer wie Boldt und Hecking um Stadtkern Bakery, kreischten hysterische Parolen und bepöbelten jeden, der nicht mitschuften wollte. Eine Gemeinschaft wurde geschaffen, wo es vorher nur freischaffende Einzelkämpfer gab. Der Umstand, dass sich diese Zweckgemeinschaft lediglich auf den Trümmern einer Existenz aufbauen konnte, wird gepflegt ignoriert, der Zweck heiligt die Mittel und niemand weiß, ob und wann sich eine solche Gelegenheit ein zweites Mal ergibt.

Nicht zu vergessen, die „Fans“. Seit vielen Jahren dienten sie nur noch als Gespött der Republik, weil sie Anhänger einer Lach- und Schießgesellschaft waren, plötzlich bietet sich ihnen die Chance, es allen zurück zu zahlen. Der Weg ist ganz einfach, man gesellt sich lediglich zu den scheinbaren Siegern der Affäre, nagelt ähnlich wie der Großteil der Medien, die man eigentlich aus tiefstem Herzen verachtet, gegen alles und jeden, der es wagt, eine andere Meinung zu haben und feiert sich ob der angeblichen Einigkeit selbst. Endlich ist man wieder wer, man hat es allen gezeigt. All den Kritikern, all den Spottdrosseln, wir sind #TeamJatta und ihr seid Scheiße. Dabei, und das wird sich schneller erweisen als die Meisten denken, ist ihnen der Mensch Bakery komplett Latte, er ist austauschbar wie ehemalige „beste Männer“ namens Lasogga oder Holtby, von denen in Hamburg heute keine Sau mehr spricht. Die Tatsache, dass sie die Hexenjagd, und dies ist wirklich eine, auf diejenigen, die gern mehr Fakten und weniger Schein-Moral sehen würden, nur deshalb betreiben, weil sie einmal in der Mehrzahl sein wollten, wird ihnen erst dann bewusst, wenn die Geschichte platzt.

Dann passiert der erste große Fehler, das arme Opfer „spricht“. Natürlich spricht es nicht selbst, sondern es wird ihm von einem Berater, der Englisch nach der 5. Klasse abgewählt hatte, eine Aussage in den Mund gelegt, die ihm noch auf die Füßen fallen wird. Denn die Erklärung, die Bakery via Instragram veröffentlichen ließ, mag vielleicht Menschen mit einem IQ unterhalb von 14 beeindrucken, alle anderen aber sehen die Brisanz, die die rachsüchtige Abrechnung beinhaltet. Anstatt zu schweigen oder sich in einem kurzen Statement für die Unterstützung zu bedanken, wird nach getreten, was das Zeug hält und natürlich wird in dem peinlichen PR-Schreiben nicht darauf verzichtet, dem persönlichen Ausrüster zu danken, es geht immer noch ein Stückchen peinlicher und dümmer. Und dann erklärt der arme Flüchtling Bakery, der als kleiner Waisenjunge, unbegleitet und verarmt, auf der Suche nach einem besseren Leben zahllose Monate auf der Flucht vor einem Regime, das es nicht gibt, sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte, dass die schlimmste Erfahrung seines Lebens ein paar Pfiffe in Karlsruhe waren, man reiche mir die Tränenschale.

Ist die Affäre Bakery bisher noch ein Schmierstück gewesen, in dem sowohl DFB wie auch deutschen Behörden eine unsägliche Rolle gespielt haben, so wird die Nummer in dem Moment spannend, in dem alles auseinander fliegt. Spannend vor allem deshalb, weil dann die Reaktionen derjenigen zu beobachten sein werden, die in den letzten Wochen aus purem Egoismus und ausschließlich zum eigenen Vorteil, eine Situation genutzt haben, die in ersten Linie tragisch und in zweiter Linie politisch ist.

P.S. Das Hamburger Abendblatt schreibt heute über die Affäre Jatta von einem „Glücksfall“ und allein die Verwendung dieses Begriffs macht das ganze Desaster deutlich. Wie bitte kann etwas, was der Betroffene selbst als Horrortrip erklärt, ein „Glücksfall“ sein? Für das arme Opfer wohl kaum, oder? Höchstens für diejenigen, die sich nicht zu schade waren, vom Unglück eines Fußballspielers zu profitieren.

Von | 2019-09-16T07:20:08+02:00 14. September 2019|Allgemein|Kommentare deaktiviert für Die wahren Motive…

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