Was bleibt dann noch?

Der nachfolgende Blog ist für Opfer mit einem IQ unterhalb von 17 nicht geeignet 😀

Wenn man sich wie ich gern mit Geschichte und mit Marken beschäftigt, stellt man fest, dass sich Geschichte wiederholt und dass Marken nur dann stark sind und bleiben, wenn sie sich von anderen Marken unterscheiden und um das zu tun, müssen sie zuerst einmal von einem Produkt zu einer Marke werden, ansonsten sind sie das, was niemals passieren sollte: austauschbar. 

Dabei ist der Aufbau einer Marken nichts kurzfristiges, es ist eine Geschichte, die geplant und konsequent durchgezogen werden muss. Es steckt Strategie dahinter, Einsatz von finanziellen Mitteln und der Ruf der Marke muss mit dem Produkt korrespondieren. Am Ende, wenn man mehr richtig als falsch gemacht hat, hat man für sein Produkt bzw. für die neu geschaffene Marke einen USP entwickelt. 

Der Begriff USP („Unique Selling Proposition“, auch „Unique Selling Point“) bezeichnet im Marketing ein einzigartiges Nutzenversprechen, mit dem sich ein Produkt oder eine Dienstleistung gegenüber gleichartigen Angeboten der Mitbewerber abhebt. Der USP wird auch mit einem Alleinstellungsmerkmal gleichgesetzt.

Durch die Definition von USPs und deren Kommunikation gegenüber dem Kunden wird also versucht, in einem stark homogenen Marktumfeld die Kaufentscheidung zugunsten des eigenen Produkts zu beeinflussen. Kurzum: Es ist eine Eigenschaft des Produkts, die einzigartig oder besonders ist.

Versuchen wir, das Thema auf den HSV zu drehen, fällt uns prompt eines der größten Probleme des Vereins auf, man hat seinen USP verloren. Was war in der Vergangenheit, in den letzten 20 bis 30 Jahren das Alleinstellungsmerkmal des Hamburger Sport Vereins? Es war, mangels sportlicher Erfolge und angesichts finanzieller Desaster, die scheinbar unzerbrechliche Zugehörigkeit zur Bundesliga. Als einziges Gründungsmitglied war man nie abgestiegen, man war „Der Dino“. Dieses Alleinstellungsmerkmal hat man mit dem ersten Abstieg der Vereinsgeschichte verloren und ansonsten hat man nichts, was den Verein von Klubs wie Freiburg, Düsseldorf oder Heidenheim unterscheidet. Halt, man spielt natürlich nach wie vor in der angeblich schönsten Stadt der Welt und man wird nicht müde, penetrant darauf hinzuweisen. Aber, wenn man ehrlich ist, was einigen schwer genug fällt, was hat eigentlich die Stadt mit dem Verein zu tun? Nichts. 

Dem HSV ist das passiert, was man in der Welt der Kommunikation und Marken als den SuperGAU betrachtet, er hat seinen USP, sein Alleinstellungsmerkmal verloren. Vielleicht wäre der Schaden zu reparieren gewesen, hätte man den sofortigen Wiederaufstieg geschafft, aber auch den hat man leichtfertig verdaddelt. So ist man nun das, was man niemals werden wollte, man ist gewöhnlich. Austauschbar. Nicht notwendig. Hatte man geglaubt (und gehofft), dass die Bundesliga-Konkurrenz bittere Krokodilstränchen weinen würde, weil man den alten Mitbewerber HSV nicht mehr treffen würde, so sieht man sich getäuscht. Von den Sprüchen wie „Ohne den HSV ist die Bundesliga nicht mehr dieselbe“ oder „Der HSV gehört in die erste Liga“ ist nichts geblieben, die Republik hat sich an ein Oberhaus ohne Dino gewöhnt und mittlerweile vermisst niemand mehr den arroganten Großstadt-Klub. 

Das Problem des HSV ist dabei nicht nur die aktuelle Unwichtigkeit, es ist auch der Umstand, dass man einen neuen USP nicht so einfach erfinden kann. Wofür soll der Verein in Zukunft stehen, wofür soll er bekannt sein? Für den „normalem Bundesliga-Klub“, wie ihn Bernd Paul Hoffmann gern hätte? Davon gibt es einige. Der „etwas andere Verein“ in Hamburg ist der FC St. Pauli, auch wenn das so schon längst nicht mehr stimmt. Bayern steht für sein „mia san mia“, der BVB für seine Südtribüne. Sogar RB Leipzig hat einen USP, ob man ihn nun mag oder nicht. Bayer Leverkusen hat sich selbst quasi auf die Schippe genommen und sich als „die Werkself“ positioniert. Und der HSV? Der ist kein Dino mehr, der hat keine coole Mannschaft mehr, der spielt in einem renovierungsbedürftigen Stadion und arbeitet mit überbezahlten Managern. 

Man hat deutlich mehr verspielt als nur die Bundsliga-Zugehörigkeit, man seine Relevanz verspielt, seine Bedeutung. Der HSV ist ein zu 100% austauschbarer Klub geworden, der zufällig in Hamburg spielt. Mehr nicht. 

Von | 2019-11-29T07:45:34+01:00 29. November 2019|Allgemein|14 Kommentare

14 Comments

  1. Maddin der Erste 29. November 2019 um 08:18 Uhr

    Schon ein bissel her, da war in Deutschland Bundesjugendsporttag oder sowas ähnliches. Da kam mir eine Horde joggender Jugendlicher entgegen. So ca 30 davon hatten ein Trikot an. Und wie viele von den 30 hatten ein HSV-Trikot an ?
    Antwort: Gar keiner.
    Der HSV lebt nur noch von den Fan´s die irgendwann im letzten Jahrtausend mal Fan wurden weil sie einen Keegan, Kaltz oder Hrubesch toll fanden. Danach kommt nicht mehr viel.

  2. Volli 29. November 2019 um 10:33 Uhr

    Hat man nicht sehr viele Alleinstellungsmerkmale? Die größte Pyroshow des deutschen Profifußballs, die Cleverness seiner Fans, die abgezocktesten Funktionäre. Was will man mehr? Der Zuspruch kommt mit dem Erfolg, der sich beim HSV wohl nicht mehr einstellen wird. Aber welche Alleinstellungsmerkmale haben Frankfurt, Gladbach etc. Die Leute rennen diesen Vereinen doch die Bude ein, wenn man oben mitspielt. Sogar nach Kaiserslautern verirren sich immer noch zig Tausende Zuschauer, trotz 3. Liga. Das Zugehörigkeitsgefühl zu Traditionsvereinen scheint sich zu vererben.

    • Nichtkunde 29. November 2019 um 14:19 Uhr

      „Das Zugehörigkeitsgefühl zu Traditionsvereinen scheint sich zu vererben.“

      In Regionen, in denen es vergleichsweise wenig andere identitätsstiftende Institutionen gibt und in denen das Angebot der Unterhaltungsidustrie eher überschaubar ist (vulgo: Provinz), mag das häufig noch der Fall sein, aber auf Märkten, die vielfältige Alternativen bieten, sind diese Automatismen deutlich schwächer ausgeprägt.

      In Hamburg gibt es einen direkten Kontrahenten, der es durch einen Mischung aus geschicktem Marketing, gesellschaftlichen Engagement und seit einigem Jahren auch seriösem Wirtschaften versteht, sich (trotz zumeist unbefriedigendem sportlichen Abschneiden) als auf diversen Ebenen „sexiere“ Alternative zum seit Ewigkeiten vor sich hin torkelnden selbstgefälligen Großkotz HSV zu positionieren, die Towers konnten sich in den letzten Jahren zunehmend etablieren, die HSVH behauptet sich trotz des zwischenzeitlichen Absturzes und könnte mittelfristig wieder eine noch größere Rolle spielen, dazu ein breitgefächertes Kulturangebot jedweder Couleur.

      Hinzu kommt – standortunabhängig und nicht HSV-spezifisch – die quasi unbeschränkte Verfügbarkeit internationalen Spitzenfußballs via Pay-TV und Live-Stream.

      Auch wenn es nicht repräsentativ ist: Auf den Bolzplätzen sieht man in HH inzwischen deutlich mehr Barça, Real, PSG oder deutsche „Premiummarken“ wie Bayern und BVB, in den durchgentrifizierten „Szenevierteln“ auch noch Pauli (wobei da erfahrungsgemäß häufig eher die das eigenen Angekommensein in der Kleinbürgerlichkeit nicht wahrhaben wollenden Eltern die treibende Kraft sind 😉), als HSV-Trikots.

      • jusufi 29. November 2019 um 14:52 Uhr

        Sehr schön geschrieben und sehr gut beobachtet, finde ich!

  3. Leo Kirch 29. November 2019 um 16:21 Uhr
  4. Demosthenes 29. November 2019 um 16:28 Uhr

    Also, einen USP hat die Marke HSV noch: Hassliebe.

    Kein Verein macht es seinen Mitgliedern und Zuschauern so schwer bis unmöglich, ihn zu lieben.

    Die Marke HSV Fußball AG bietet ein Scheissprodukt:
    Underperformende Spielerdarsteller rumpeln 90 Minuten auf dem Platz rum, Trainer wechseln in Warp-Geschwindigkeit und ein dreiköpfiger Millionario-Vorstand liefert eine Show zwischen Korrumpelei, Selbstoptimierung und Tafelsilberausverkauf.
    Die Preisgestaltung ist jenseits von gut und böse, hier gibt es Resterampe zum Premium-Preis.
    Die Marken-Heritage ist entweder uralt verstaubt oder eklig verkrustet und ein ulkiger Plüschdino will einfach nicht sterben.
    Dieser Marken-Giftcocktail ist gewürzt mit Skandalen und Skandälchen, von A wie Jatta bis Z wie Daffeh, einem kleinen dicken Holland-Heiland mit eigenem Spielerfrauen-Cagefight und einem über allem schwebenden irren Iwan aus Schindelleggi, einem gerontischen Wahlschweizer mit Allmachtskomplex und Tiefkühltruhen-Sterneküche.
    Geschmiert wird das Brand Steeringwheel von einer liebedienerischen Speichelleckerpresse, die aus jedem noch so kranken Arsch ein Juwel furzt und einer rosafarbenen Hüpfgemeinde von unverdrossenen Merktnixmehrs, die volltrunken und sinnentleert wie die Lemminge immer wieder Richtung Müllverbrennungsanlage ziehen, um dort gemeinsam im fußballerischen Nirwana zu versinken.

    So scheint sich auch hier das Sprichwort zu bewahrheiten, dass die Hoffnung immer zuletzt stirbt. Wie bei Air Berlin, Nokia, Hertie, Märklin, Commodore, DEA, etc.

    Eines aber hat die Marke HSV allen anderen Marken voraus: Ihren eigenen Friedhof.

    • Nichtkunde 29. November 2019 um 19:46 Uhr

      Wahre Poesie. 😂👍

    • Saschas Alte Liebe 29. November 2019 um 19:53 Uhr

      😉 unterhaltsam und durchaus zutreffend!

      • Demosthenes 30. November 2019 um 00:14 Uhr

        Dankedanke Sascha und Nichtkunde, aber wegen Grave muss sich jeder hier extra Mühe geben, sonst springt man nicht über die Latte.

  5. Demosthenes 29. November 2019 um 16:46 Uhr

    PS: Ich vergaß das sympathische Marken-Image eines trumpesk größenwahnsinnigen, selbstüberschätzenden Arroganzlings, der seit Jahrzehnten finanziell, physisch und moralisch ausgelaugt vergeblich beim Resteficken rumhängt, sich selbst aber für den GRÖSTAZ, den Größten Stecher aller Zeiten hält.

    So, und nun nix wie auf zum Spitzenspiel gegen den VFL.

  6. Saschas Alte Liebe 29. November 2019 um 19:51 Uhr

    Zur Hälfte der Spielzeit ist wieder peinlich Klatschenalarm bei nicht ganz untypischem Grottengerumpel.
    Vielleicht lässt der Gegner am Ende wieder nach …
    Peinlichkeit ist sowas wie eine der HSV USP; Peinlichkeit durch absurd ungerechtfertige Selbstgefälligkeit und leistungsferne Arroganz.
    Andere durchleben Krisenzeiten, hier gibt es befristet seltene Besserungsphasen.
    Im historisch gewachsenen Ausmaß schon auch ein Merkmal.

  7. Wormfood 29. November 2019 um 20:27 Uhr

    Erster Ligasieg für den VfL Osnabrück gegen den HSV seit dem 16. Dezember 1962.

  8. cajunX 29. November 2019 um 21:03 Uhr

    @Wormfood

    Man könnte aber auch posten: „Der HSV rennt seit 1963 einem Sieg gegen den VfL Osnabrück hinterher!“
    😉

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