Stimmungsmache

Überall kann man sie hören, die Stimmen. Pro Geisterspiele. Etwas, was vor kurzer Zeit noch die schlimmste aller Vorstellung war, soll nun als der allerletzte Rettungsanker wirken. Seifert, Rangnick, Watzke, Scholz, Söder, SKY, BILD, DFL – die Liste ist schier endlos. Endzeitszenarien werden herausbeschworen, die Menschheit ist in Gefahr, es droht eine globale Katastrophe. Nicht etwa, weil ein kleines Virus um die Welt geht, sondern weil der Abgreifer-Fußball, so wie wir ihn kennen und so wie sich an ihm genügend Parasiten gesundgestoßen haben, in Gefahr ist. Selbstverschuldet in Gefahr. Ganz simpel und einfach, weil man über Jahrzehnte katastrophal geschwirtschaftet und weit über seine eigenen Verhältnisse gelebt hat. 

“Es geht um die Rettung des Fussballs“, sagt #Watzke . Das stimmt nicht. Es geht ihm um die Rettung des Geschäfts Profifußball. Der Fußball kommt auch ohne die ganzen Spielbetriebs-GmbH aus. Die Basis, die Amateurvereine – die sind systemrelevant und müssten gerettet werden. (Christian Bartlau)

Nun aber versammeln sich die Truppen und sie bestehen aus denen, die am meisten zu verlieren haben. 

Die Vereine mit ihren satten Spielern und überbezahlten Trainern und Funktionären.

Die DFL, weil sie Existenzberechtigung verlieren würde.

SKY, weil der Sender ohne Fußball nicht tragfähig wäre.

BILD, weil das Blatt ohne Berichterstattung über bezahlten Fußball richtig Geld verlieren würde.

Die Politik, weil die Befürworter davon ausgehen, dass man mit einer Meinung pro Geisterspiel eine größere Chance hat, wiedergewählt zu werden. 

Am Ende geht es wie immer nur um das Eine: Geld und Macht. Scheiß auf die Gesundheit, Scheiß auf das, was danach kommt. Scheiß auf Ungerechtigkeit anderen Branchen gegenüber, Scheiß auf die Meinung der Fans. Die sind ohnehin nur noch Staffage, aus finanzieller Sicht (und nur die zählt) im Grunde überflüssig. 

Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich dieses kranke System verachte. Ernsthaft, es ist mir absolut Latte, wenn Schalke abschmiert. Wenn es so ist, hat es der Verein verdient. Trotz ständig voller Hütte, trotz genialer Nachwuchsarbeit, trotz Gazprom. Das gilt für so viele Vereine, so viele Funktionäre. Sie alle haben es genauso verdient, wie es jetzt ist. Die Evolution zeigt, dass etwas, was sich überlebt hat, untergehen wird. Die Abzocker und Abgreifer aber wollen den natürlichen Gang der Dinge aufhalten. Sie wollen weiter parasitär an den Fleischtöpfen hängen bleiben und in kürzester Zeit stinkreich werden, während überall auf der Welt der Verzicht neu erlernt werden muss. Und das Schlimmste ist: Sie versuchen es nicht mal mehr zu vertuschen. 

Von | 2020-04-27T21:33:11+02:00 27. April 2020|Allgemein|21 Kommentare

21 Comments

  1. Hannes Grundmeyer 27. April 2020 um 09:07 Uhr

    „….Scheiß auf die Meinung der Fans. Die sind ohnehin nur noch Staffage, aus finanzieller Sicht (und nur die zählt) im Grunde überflüssig.“

    Die Abzocker glauben vielleicht, dass die Fans nur Staffage sind. Aber doch nur, weil sie sich bisher immer so verhalten haben und alles mitgemacht haben. Du hast es hier ausführlichst beschrieben, wie der HSV seit Jahren seine Fans verarscht, und trotzdem ist die Hütte voll. Sicher werden es langsam weniger, aber es sind immer noch zu viele, die regelmäßig ins Stadion gehen.

    Es würde sich vielleicht etwas ändern, wenn die Geister-Einschaltquoten miserabel wären und alle, die sich jetzt darüber aufregen, ihr Sky-Abo mit dem entsprechenden Hinweis kündigen würden. Aber das wird nicht passieren. Sie werden trotzdem alle wieder vor der Glotze hocken und sobald wieder Zuschauer zugelassen werden, ins Stadion rennen. Und darauf vertrauen die Abzocker.

    Die Dummheit der (HSV)-Fans ist das größte Kapital der Vereine, und das wird man weiter abschöpfen, komme was wolle.

  2. Jo Schaefer 27. April 2020 um 09:18 Uhr

    Die Überschrift nach dieser Krise müsste und muss eingestrichen lauten:

    CHANGE. NOW!

    Aber es wird sich nicht viel verändern. Vielleicht wird die Tourismusbranche ein paar Jährchen nicht mehr im ganz grossen Stil verdienen und ganz vielleicht trifft es auch ein paar Airlines. Es wird auf jeden Fall wieder mehr Menschen ohne Job geben und es wird jede Menge Betrügereien im Bereich der staatlichen Hilfe geben. Und damit meine ich die Großkonzerne die z.Zt. Staatliche Kredite zum Nulltarif erhalten und diese nur im seltensten Fall auch wieder voll begleichen werden.

    Keine Quallen mehr in Venedig und keine Delphine mehr am Bosperus. In Brasilien werden sie weiter roden, in Californian weiter fracken und in China weiter zu Lasten der Natur und des Menschen produzieren. Affen wie Lindner & Co werden wieder gegen Friday for Future wettern, die CDU wird wieder stärkste Partei und natürlich wird Bayern wieder Meister. Der Konsum wird uns alle bald wieder zu seinen Sklaven machen. Es ist wirklich zum verrückt werden. Oder zum kotzen. Ganz wie man will.

    • jandpunkt 27. April 2020 um 16:34 Uhr

      100% Zustimmung!!!

  3. Demosthenes 27. April 2020 um 10:17 Uhr

    Erbärmlich! So zeigte sich Laschet gestern bei Anne Will. In der Sache, vom Diskussionsstil her, der schrille Tonfall,.. pure Verzweiflung.

    Sicher, der Fußball in NRW ist besonders betroffen, denkt man an den BVB, Bayer, Schalke, Gladbach, Köln, Bochum, Düsseldorf, Paderborn, Bielefeld, … aber es kann doch nicht die Aufgabe der von uns gewählten Volksvertreter sein, in der größten globalen Krise der Nachkriegszeit die „Fleischtöpfe“ der Fußball-Parasiten zu retten, wie Du so schön schreibst, Grave.

    Laschet jedenfalls hat sich gestern für jedermann erkennbar für die Kanzlerkandidatur disqualifiziert.

    • Ex-HSVer im Herzen 27. April 2020 um 14:37 Uhr

      Das hatte er schon als er die Atemmaske falsch getragen hatte. Vollpfeife!!

  4. Rudi 27. April 2020 um 11:31 Uhr

    Meine Kinder scharren mit den Hufen, weil sie gerne wieder auf den Platz wollen, so wie ihre Mannschaften auch. Aber das wird noch Monate dauern, als Ersatz wird ihnen angeboten, den Profis beim Spielen zuzusehen? Meine Kinder möchten ihre Großeltern mal wieder in den Arm nehmen. Und Herr Rangnick sagt es sei gut, wenn man „Dinge, die einem ans Herz gewachsen sind, wieder erleben kann“. Er meint damit aber etwas vollkommen Anderes. Mir wird schlecht bei dem Gedanken, dass das Fußball-Geschäft ab Mai ungebremst weiterlaufen könnte. Ich weiß, dass man niemandem eine Krankheit wünschen soll, aber wenn dieser Wahnsinn durchgeführt wird, dann hoffe ich, dass es ganz schnell einige infizierte Spieler gibt, damit das ganze wieder ausgebremst wird.
    Eine Frage noch: Wenn es tatsächlich reichlich Corona-Tests gibt, warum wird dann nicht jeder, der sich in Gefahr begeben muss getestet? Als erstes das medizinische Personal das sich (nicht nur) um die schwer kranken Infizierten kümmert, aber auch Verkäufer und Verkäuferinnen, die uns mit den Dingen des täglichen Bedarfs versorgen, Erzieher und Erzieherinnen die in Notgruppen tätig sind, die übrigens teilweise auch schon aus allen Nähten platzen. Busfahrer und Busfahrerinnen, die dafür sorgen, dass die systemrelevanten Angestellten und auch wieder ein Teil der Schüler zur Arbeit und in die Schule kommen, Fußballer und Fußballerinnen, die dafür sorgen, dass ein Milliardengeschäft weiterläuft. Da ist mir jetzt glaub ich ein Fehler reingeraten. Wer ihn findet kann ihn gerne behalten.

    • Demosthenes 27. April 2020 um 14:09 Uhr

      Sehr richtig, Rudi, die von Dir Aufgezählten hätten es alle 1000mal mehr verdient, dass ihre Gesundheit gesichert wird, als die Herren Fußballspieler.

      Und bezüglich infizierter Spieler hat die DFL ja schonmal vorgesorgt, dass die Presse nix erfährt und man so alles unter den Teppich kehren kann, um die Saison ungestört zu Ende zu spielen.

      • Dennis61 27. April 2020 um 14:57 Uhr

        Moin! Ich finde es haben einfach alle verdient gleich behandelt zu werden. Natürlich hat ein Profifußballer mit einem sechs-, sieben- oder achtstelligem Jahressalär ein weicheres Kissen, auf das er fallen kann. Trotzdem sind wir alles Menschen und jeder hat sein Päckchen zu tragen. Ja, Profifußballvereine sind Wirtschaftsunternehmen, aber man darf sich den Blick nicht selber versperren und nur auf die Millionäre oder Besserverdienenden richten. Profifußball beschert uns jährlich hunderte Millionen Euro Steuereinnahmen, beschäftigt hunderttausende von Menschen und es hängen noch Millionen weitere Jobs mit dran, wenn man die Kneipen, Reisebusfahrer und alle in und an der Kette Beteiligten berücksichtigt.

        Allerdings, und da gebe ich allen uneingeschränkt recht, fällt es mit Blick auf die momentane Situation schwer, diese Branche mit einer Extrawurst auszustatten. Dass nun mit allen Mitteln, allen voran mal wieder die dümmlich Bild, versucht wird, den Laden am Laufen zu halten, erscheint uns vielleicht moralisch fragwürdig, aber aus Sicht der handelnden Personen einfach nur logisch und legitim.

        Die Frage ist, betrachten wir die Bundesliga als eine Ansammlung von Sportvereinen, die sich einfach nur auf höchstem Niveau körperlich ertüchtigen oder sehen wir den Profifußball als das, was er ist und wie er sich auch selber gerade präsentiert? In meinen Augen ist das nämlich der entscheidene Unterschied zu unseren Söhnen und Töchtern im Dorfverein oder – je nach Blickwinkel bzw. Standpunkt – eben nicht der Unterschied zu einem Wirtschaftsunternehmen wie sagen wir mal VW oder Bosch.

        Man könnte natürlich, wie einige das hier auch schon getan haben, noch einen Schritt weitergehen und den Fußballzirkus als reine Show definieren. Allerdings eine, die nur scheinbar auf Zuschauer verzichten kann. Vielleicht kommen (vorerst) keine 10.000, 35.000 oder 60.000 ins Stadoin, aber vor dem Fernseher („JAAAAAAA“) sollen sich dann schon alle versammeln und ihr Abo bei Sky und Co. pflegen.

        Was will die Bundesliga denn gerade sein? Eine großartige Unterhaltung für jung und alt und somit existenziell für die Menschheit (weil Vaddern mal für 90 Minuten aufhört die Kinder zu verprügeln oder sonst nichts anderes zu erzählen hat?), Arbeitgeber und Steuerzahler für Millionen Beschäftigte oder einfach nur ganz normale Sportvereine, die ihre mental leidenden Spieler bald alle in Therapie geben müssen?

        • Rudi 27. April 2020 um 15:07 Uhr

          Richtig, am Profi-Fußball hängen noch eine Menge weiterer Jobs. Bloß nützt es den Kneipen, Reisebusunternehmen, Hotels usw. kein bisschen, wenn die Profis ihre Geisterspiele austragen, die gucken auch weiterhin in die Röhre. Die einzigen die bei den derzeit angedachten Geisterspielen monetär profitieren würden sind nun mal die Profifußball betreibenden Kapitalgesellschaften.

          • Dennis61 27. April 2020 um 16:04 Uhr

            Genau, und wenn die Proficlubs untergehen, dann gehen alle anderen auch unter…

  5. randomize 27. April 2020 um 11:46 Uhr

    Das der Fifa WM Prozess in der aktuellen Situation verjährt und die Beteiligten sich keiner Vergehen bewusst sind, passt dazu auch gut. Die Fans sind denen egal.
    Ich habe Samstag in der ARD etwas von Dtl- England der WM 2010 gesehen, und dabei kam mir der Gedanke (danke an Grave für die jahrelangen Hinweise): Alles gekauft und bestochen.
    Das getröte war auch eher lustig bis unerträglich. Mir hilft auch kein „please dont’t take me home“ mehr, es macht einfach keinen Spaß mehr.

  6. Hein 27. April 2020 um 12:26 Uhr

    Grundsätzlich finde ich das in Ordnung wenn sich Verantwortliche eines Wirtschaftsunternehmen sich Gedanken machen wie es weiter geht
    Das muss heute jeder auf irgendeine Art und Weise machen
    Finde es erst mal nicht verwerflich wenn man nach Lösungen sucht . Ob das nun fair ist gegenüber anderen Bereichen steht ja auf nem anderen Blatt

    • Demosthenes 27. April 2020 um 14:14 Uhr

      Grundsätzlich finde ich das auch in Ordnung. Aber wenn die Lösung von DFL und Vereinen heißt, wie machen das kranke Milliarden-Spiel einfach so weiter wie bisher, nur ohne Fans, dann finde ich das nicht in Ordnung.

    • Ex-HSVer im Herzen 27. April 2020 um 14:41 Uhr

      Auf jeden Fall! Aber wenn man nur noch durch Bilanztricks und mit der Hand im Mund lebt, sollte man nicht nur ans Jetzt, sondern an die Zukunft denken

  7. Hans 27. April 2020 um 13:18 Uhr

    Mäzen hat HSV „mehrmals am Leben gehalten“

    Sportvorstand Jonas Boldt vom Fußball-Zweitligisten Hamburger SV hat den mitunter poltrigen Investor Klaus-Michael Kühne verteidigt. Er habe den HSV mit seinem Geld „mehrmals am Leben gehalten“, sagte Boldt in einem Interview des „Kicker“. „Es ist nicht sein Verschulden, dass mit seinem Geld nicht gut gearbeitet wurde.“ Die Frage, ob nach dem Aus von Vorstandschef Bernd Hoffmann Kühnes Einfluss beim HSV steigen werde, sei ihm „viel zu populistisch“, meinte Boldt. Er lobte jedoch, dass Präsident und Aufsichtsratschef Marcell Jansen „einen engen Draht zu Herr Kühne“ habe. Wie schon Hoffmann beteuerte auch Boldt, dass Kühne nicht ins operative Geschäft eingreife. „Die Entscheidungen werden im Volkspark getroffen.“

    Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing.

    Aber Herr Schlauboldt entscheidet trotzdem weiter im herrlichen Volkspark. Sagt er.

    Was ein Dummgeseier, was eine Ansammlung von Lügen.

    • Nichtkunde 27. April 2020 um 13:34 Uhr

      Das altbekannte Lied wird durch den neuen Interpreten keinen Deut besser, und der Komponist grinst sich im Steuerexil einen.

  8. Ästhet 27. April 2020 um 14:40 Uhr

    In diesem Zusammenhang sehr hörenswerter Beitrag von St. Paulis technischem Direktor Ewald Lienen: https://www.ndr.de/sport/fussball/Lienen-Werfen-den-Leuten-das-Geld-in-den-Rachen,lienen266.html

  9. Ex-HSVer im Herzen 27. April 2020 um 14:45 Uhr

    Es ist doch so: wenn die so genannten Fans die Fortführung verhindern wollten, könnten Sie es ohne Probleme schaffen. Allerdings denke ich, dass es 99 % der Fans egal ist wie es weitergeht. Hauptsache es geht weiter. Die 1 % kritischen werden auch hier nichts bewegen können. Denn diese 99% kenne doch die ganzen Hintergründe gar nicht und denken, die Vereine stehen vor der Pleite ausschließlich wegen Corona.

    Die Politik ist für mich durch das halbseidene und oft unverständliche Krisenmanagement endgültig gestorben. Dass nach der Aussage „Infizierte werden nicht publiziert“ kein Aufschrei aus der Politik kommt, ist ein Skandal!

  10. EffPunktErr 27. April 2020 um 16:15 Uhr

    Ich zeige Euch die Wahrheit,
    doch die Wahrheit macht Euch Angst
    Angst vor der eigenen Courage,
    oder einfach Arroganz

    Auf der Suche nach Geld,
    und dessen Trophäen
    fickt Ihr Euch durchs Leben
    und fickt die, die Euch sehen

    – Böhse Onkelz, 2001 –

  11. Dennis61 27. April 2020 um 18:33 Uhr

    Und auch die BBL will den Spielbetrieb wieder aufnehmen…

    https://www.sueddeutsche.de/sport/basketball-bbl-saison-fc-bayern-bamberg-1.4890268

  12. Gravesen 27. April 2020 um 20:46 Uhr

    Geistig unterbelichtete Vollopfer, die sich jeden Tag auf dem Spamfilter eines Blogs austoben und weder gelesen noch veröffentlicht werden, haben die gleiche Störung wie Psychopathen, die die Zeitansage Tokio anrufen und jeden Tag zwei Stunden lang einen Computer anpöbeln.

    #ProNachträglicheAbtreibung

Die Kommentarfunktion wurde geschlossen.

Unser Archiv