Ein Verein wird unbedeutender. Im Stunden-Takt.

Vielleicht erinnert ihr euch noch? Der KSV stieg ab, direkt aus der Bundesliga. Der anschließende Katzenjammer angesichts des ersten Besuchs des selbsternannten Dinos in Liga zwei war gewaltig und dauerte Wochen. Tränenüberströmte Fans lagen sich weinend in den Armen, Wiederaufstiegs-Schwüre wurden getätigt, nach Tagen der Trauer kam der Trotz. „Wir sind der KSV, wir kommen stärker denn je zurück“. Nun, die Realität sah anders aus, die direkte Rückkehr ins Oberhaus wurde trotz erneuter Schulden, eines Rekord-Etats und jede Menge Ex-Bundesligaspieler auf lächerlichste Art und Weise verpasst, ganz Deutschland lachte. Wieder war die Enttäuschung riesig, aber igendwie schon nicht mehr so gewaltig wie im Jahr zuvor.

Neues Jahr, neues Glück. Diesmal nicht mit Nachwuchstrainern oder Sportchefs von Zweitliga-Konkurrenten, nein, diesmal griff der Ex-Dino ins oberste Regal. Man engagierte einen erfahren Bundesliga-Trainer mit einem Bundesliga-Gehalt (ca. € 2 Mio.),man holte einen Manager von einem Champions League-Klub und machte ihn zum Sportvorstand, diesmal sollte nichts dem Zufall überlassen werden. Außerdem stellte man den Kader breiter auf, eine Situation wie im Jahr zuvor,als durch zwei Verletzungen das gesamte Gefüge auseinanderflog, sollte nicht mehr passieren. Resultat: Diesmal verpasste man den Aufstieg in die Bundesliga bzw. die Relegation gegen Werder Bremen, indem man sich im heimischen Volksparkstadion gegen den SV Sandhausen bis auf die Knochen blamierte. Und?

Und nichts! Die Peinlichkeit gegen den SVS ist 5 Tage her und interessiert es noch jemanden? Die nächste Saison wird man mit einem deutlich abgespeckten Kader bestreiten müssen und kratzt es einen? Anfang der Woche hört man, dass sowohl Trikotsponsor Fly Emirates wie auch Stadionsponsor Kühne aussteigen werden und haut das jemanden aus den Schuhen? Weiß das heute am Freitag überhaupt noch jemand? Und wenn dann ab August auf dem Dach des ehemaligen Volksparkstadions plötzlich „TARSUSI-Arena“ und auf den Trikots „Döner-Kaiser“ stehen würde, würde sich noch jemand dafür interessieren? Gestern wird bekannt, dass die Staatsanwaltschaft erneut gegen Bakery Jatta/Daffeh ermittelt und keine 18 Stunden später juckt das keinen Schwanz. Heute melden die Medien, dass man sich höchstwahrscheinlich nicht mit Trainer Hecking auf einen Anschlussvertrag wird einigen können und morgen ist das keine Randnotiz mehr. Warum?

Weil der KSV unmaßgeblich geworden ist und jeden Tag ein Stückchen unmaßgeblicher wird. Das, was noch vor zwei Jahren für Wochen ein Thema gewesen wäre, wird heute hingenommen und abgehakt. „Scheiß drauf, ist doch nur der KSV, ist doch nur Fußball“. Aus den Unabsteigbaren wurden die Unaufsteigbaren. War der KSV in der Vergangenheit Bestandteil der Hamburger Gesellschaft, so ist er heute nur noch ein unterdurchschnittlicher Fußballverein, für den man sich im Zweifelsfall in Grund und Boden schämen muss. Teils aus Selbstschutz, teils aus purer Frustration wenden sich großte Teile der Anhängerschaft der Gleichgültigkeit zu, eine außerordentlich fatale Entwicklung. Und vor allem eine Entwicklung, die unumkehrbar ist. Selbst für den Fall, dass man in Hamburg mal wieder so etwas wie temporären Erfolg verzeichnen könnte., bliebe immer ein Rest-Mißtrauen. 

Und selbst wenn es noch einzelne versprengte Opfer mit zu viel Tagesfreizeit gibt, die auf Facebook gegen die Realitäten pöbeln, auf Twitter gegenhalten und auf Blog-Spamordnern primitiv rumfurzen, die Luft ist komplett raus, die Entwicklung hält niemand mehr auf.

Der Dino ist tot. 

Von | 2020-07-07T07:45:38+02:00 3. Juli 2020|Allgemein|6 Kommentare

6 Comments

  1. UFO 3. Juli 2020 um 18:58 Uhr

    Es fehlt die Ergänzung 🙂

    … es lebe der Dino!

    P.S.
    Ich lasse mir viel Zeit und bin erst auf S. 54, aber dein Buch hält, was ich mir davon versprochen habe. Einfach gut, unaufgeregt sachlich und authentisch – Chapeau Grave!

    Gruß
    UFO

    • Gravesen 3. Juli 2020 um 19:02 Uhr

      Danke. Schön,dass es dir gefällt 😀

  2. Micha 3. Juli 2020 um 20:44 Uhr

    Eines nicht allzu fenern Tages wird man sagen: sie haben alles probiert, sie haben in alle Regale gegriffen und neu besetzt, sie haben wirklich fast alles und jeden ausgetauscht und haben wirklich alles versucht, aber es war alles nur Schein, es waren Scheinversuche mit Scheinlösungen, denn irgendwann, vielleicht 2014 oder schon vorher,, hat der Schatten des einstmals großen HSV – personifizierter Größenwahn, blinde Geltungssucht und unstillbare Abzockergier – den Charakter des Clubs besetzt und ein für alle Mal das Ruder übernommen.

    Als Lektüre empfehle ich – neben Ulrich Hetsch‘ sehr gut gebautem und lohnenswert lesbarem Buch „Alles andere ist Propaganda“ – das Klassiker-Märchen von Hans Christian Andersen: „Der Schatten“.

    • Micha 3. Juli 2020 um 20:59 Uhr

      … fernen Tages … Und Andersens wunderschönes Märchen „Der Schatten“ eignet sich hervorragend, um auch Kindern (und Jugendlichen) auf einfachste und klarste Weise zu vermitteln, warum sie sich nie in eine Person oder einen Verein verlieben – oder ihre Liebesenergie zurückziehen – sollten, die oder der von seinem Schatten beherrscht und ersetzt wurde.

  3. Demosthenes 3. Juli 2020 um 21:54 Uhr

    Und jetzt diskutieren die Pfosten im Insolvenzblog ernsthaft die Bewerbung von Calmund. Absolut erkenntnisresistente Amöben. Den „Drecksack“/“Schlitzohr“/“Abgewichstes Kerlchen“ (seine eigenen Worte über sich) kann man nur befürworten, wenn man so gar keine Ahnung hat.
    Der Typ ist das Letzte.

  4. Joscha 4. Juli 2020 um 00:05 Uhr

    Ich denke übrigens, dass in Bezug auf Unmaßgeblichkeit dir ein großes Stück Dank gebührt, ebenso wie z:B. Jovaonv, Football Leaks, investigativen Doping- und Korruptionsjournalisten wie Seppelt und Weinreich oder kritischen Sportressorts bei der Zeit mit Oliver Fritsch, der TAZ und dem Spiegel. Es ist ja nicht so, dass die Fassade nur beim KSV brüchig ist bzw. dahinter die Ruinen zum Vorschein kommen. Der Fußball aber auch der gesamte Sport hat in den letzten Jahren zurecht beträchtlichen Imageschaden erlitten. Zum Ausgleich werden immer höhere Summen in die jeweiligen Verbände und Events gepumpt. In persönlichen Gesprächen erlebe ich Abgrenzung und Ablehnung des Profisports immer häufiger. Bewunderung und vorauseilender Applaus ist Ernüchterung und Realitätssinn gewichen. Dafür eine Öffentlichkeit geschaffen zu haben, ist auch ein Verdienst dieses Blogs. Danke einfach mal.

    Auch unter diesem Gesichtspunkt gefällt mir dein Buch außerordentlich gut. Wie über die Zeit hinweg die Distanz zum Produkt Fußball im weiteren Sinne und dem eigenen Verein im engeren Sinne im größer geworden ist. Es lässt sich eben auf viele andere Vereine aber auch Sportarten ausweiten. Und der Umgang mit Kritik ist erstaunlicherweise überall der Gleiche. Reformen und Veränderungen von Grund auf bleiben aus und sind auch nicht gewollt – Schuld sind außerdem immer andere oder es wird auf andere gezeigt (hier fällt mir der Radsport ein, der seit 2 Jahrzehnten auf andere Sportarten verweist, in denen ja auch gedopt wird). Erschreckender Weise übernehmen immer noch viel zu viele „Fans“ die Argumentation ihres Vereins/Verbandes und diese sind es, die durch ihre Ausgaben den Zirkus BL, CL, WM’s und Olympia noch am Laufen halten.

    Also einfach mal schönen Dank.

    Wobei ich am guten Buch erwähnen möchte, dass mir die Sprache nicht so gefällt bzw. sie mir gegenüber dem richtig guten Inhalt zu sehr abfällt. Aber zum einen ist das ja Geschmackssache und zum anderen wirst du mit diesem kleinen Kritikpunkt gut leben können, Grave.

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