Der KSV – das hohle Gefäß

Erinnert ihr euch? Es ist noch gar nicht so lange her. Der KSV war Bundesligist und zwar nicht irgendeiner. Der KSV hatte das Alleinstellungsmerkmal, der einzige Verein Deutschlands zu sein, der als Gründungsmitglied der ersten deutschen Liga immer Teil dieser Geschichte und nie abgestiegen war. Heute, im Juli 2020, hat ausgerechnet Werder Bremen die Hamburger als Verein mit den meisten Bundesligajahren abgelöst, mehr Schmerz geht in Hamburg kaum. Im Zuge der 55 Jahre in der ersten Liga gönnte man sich im Volksparkstadion die Bundesliga-Uhr, die links von der Nordtribüne Jahre, Tage, Minuten und Sekunden anzeigte und dokumentierte, wie lange man denn schon den Dino-Status beanspruchen konnte. 

Und heute? Im Juli 2020 ist der KSV ein normaler, durchschnittlicher Zweiligisten, in einem Atemzug zu nennen mit Vereinen wie Bochum, Fürth oder Osnabrück. Das (Einzige), was den KSV über all die Jahre ausgemacht hatte, sein Merkmal, sein USP, all das ist weg. Keine Bundesliga mehr, kein Dino mehr, keine Uhr mehr. Sogar das von vielen so geliebte Lied „Hamburg, meine Perle“ wurde entsorgt, zu recht entsorgt. Zu lächerlich mutete es mittlerweile an, wenn vor dem Spiel den „Münchner die Lederhosen ausgezogen werden sollten“, während man selbst anschließend vom SV Sandhausen gedemütigt wurde. Der KSV wurde im Monatsrhythmus unmaßgeblicher und austauschbarer. Aber es geht weiter.

Bis zum Juni dieses Jahres konnte man sich darauf verlassen, dass der selbsternannte „Gönner“ Klaus-Michael Kühne dem Verein im Jahr irgendwas zwischen € 2 Mio. und €  4 Mio. überwies, damit man nicht mehr AOL, ImTech oder HSH Nordbank aufs Stadiondach basteln musste, sondern man durfte die Bude traditionell „Volksparkstadion“ nennen. Nun, diese Zeiten sind vorbei, der „Gönner“ hat die Schnauze voll. Und mit der vollen Schnauze des Gönners geht die Gefahr einher, dass man 1. nicht mehr diese Kohle wird generieren können und 2. demnächst vielleicht „Döner-King-Arena“ oder „Strato-Arena“ oder „Tipico-Arena“ aufs Stadiondach montieren muss. Schmach Nr. 2. Oder 3. Oder 529. 

Im Jahr 2006 verkündete der damalige Vorstandsvorsitzende Bernd Paul Hoffmann, dass man sich mit einer der größten (und wohl der reichsten) Airlines der Welt, Fly Emirates aus Dubai, auf einen Sponsorenvertrag geeinigt hätte, der KSV erzielte mit dem Deal Trikot-Sponsor-Erträge wie nie zuvor. Außerdem gab es mit diesem Sponsor zahlreiche andere Verabredungen wie Flüge, Trainingslager etc. Was aber rein Image-technisch am Wichtigsten war: Der KSV trug ebenso „Fly Emirates“ auf der Brust wie AC Milan, Real Madrid, Olympiakos Piräus, Benfica Lissabon und Arsenal London, allesamt internationale Schwergewichte. In diese Linie passt der Zweiligist nun in der dritten Saison im deutschen Unterhaus nicht mehr hinein, die Scheichs haben die gleiche Schnauze vom Versager voll wie „Gönner“ Kühne. Was folgt, bleibt ein Geheimnis. Vielleicht irgendeine halbgare Wettbude? Oder ein Fleischsalat-Fabrikant? Auf jeden Fall keine internationale Airline mit der Reputation von „Fly Emirates“. 

Man könnte nun, wenn man besonders fies sein wollte, auf das verweisen, was dort inzwischen auf dem grünen Rasen rumturnt. Noch vor ein paar Jahren machte ich mich auf den Weg Richtung St. Ellingen und freute mich auf Spieler wie Ze Roberto, Petric, Barbarez, van Buyten oder Bernardo Romeo. Heute kann es mir niemand mehr bezahlen, damit ich mir einen Sonntag Mittag damit versaue, indem ich mir das Gestolpere von Maltafüssen wie Jatta/Daffeh, Narey oder Wintzheimer antue. All das ist der Lauf der Dinge bei einem Verein, den man in nur wenigen Jahren gefoltert, ausgeblutet, vergewaltigt und getötet hat, aber die entscheidende Frage lautet: Was ist stattdessen gekommen? Wie hat man versucht, diese zumeist emotionalen Lücken zu schließen? Die Antwort lautet: Nichts! Man hat überhaupt nichts getan, man hat maximal verwaltet. 

Aus dem ehemaligen Dino mit der Perle ist ein hohles Gefäß ohne Idee geworden, niemand weiß mehr, wofür dieser Verein eigentlich stehen soll. Was sind die Ziele, was sind die Werte? Und wer lebt sie vor? Boldt? Wettstein? Jansen? 😀 Allesamt Teilzeit-Rauten ohne Verweildauer. Niemand hat sich darum gekümmert, wie denn dieser Verein eigentlich im Jahr 2025 aussehen soll. Oder 2035. Jeder ist nur damit beschäftigt, seine eigene Agenda im Blick zu behalten, kurzfristig wird das eine oder andere Pflaster geklebt, damit die dümmlichen Rauten-Salafisten den Rand halten und weiterhüpfen. So aber hüpft man sich langsam aber sicher in Richtung Liga 3, dann aber sind all die Dampfplauderer aus Vorstand und Aufsichtsrat längst über alle Berge. Zur Zeit ist besonders Sportvorstand Boldt bemüht, den KSV auf Begriffe wie Demut und Entwicklung zu trimmen, aber warum tut er das? Weil er davon überzeugt ist? Garantiert nicht, er tut es, weil es unausweichlich ist und nicht deshalb, weil man sich im Verein für diesen Weg entschieden hat. Und hier haben wir das nächste große Problem: Veränderungen geschehen immer nur dann, wenn man keine andere Wahl mehr hat, aber nicht, weil ihnen eine Überlegung und eine Strategie vorausgeht. Entsprechend wenig überzeugt ist man dann innerhalb des Vereins von den Schritten, die man nach außen als die Offenbarung verkaufen muss. 

Wer mich fragt, wie man das Problem KSV lösen könnte, erhält die Antwort: Keine Ahnung. Denn ist, entgegen der Meinung einiger ahnungsloser Klugscheißer, nicht damit getan, dass man einen „willensstarken 6er“ oder eine Alternative für Jatta verpflichtet, die Problem sind weit elementarer, als dass man sie in einer Transferphase löschen könnte. Man müsste die Abhängigkeit von Kühne beendet, aber keine neue Abhängigkeit erzeugen. Man müsste Personen an der Spitze des Vereins installieren, die diesen Verein leben und nicht als Durchgangsstation empfinden oder als Spitzel eines Gönners besetzen. Man müsste ergründen, nach welchen Werten man arbeiten möchte und diese müssten von oben nach unten vorgelebt werden. Man müsste sich von den Medien, besonders der BILD emanzipieren und den Verein vor Eigeninteressen stellen. Man müsste…

Ob ich glaube, dass all das passieren wird? Nein, glaube ich nicht. 

Die Leuten sagen, es gäbe einen ständigen Kampf zwischen Gut und Böse, aber das stimmt nicht. Der wahre Kampf ist zwischen Wahrheit und Lüge.

[Don Miguel Ruiz]

 

Von | 2020-07-16T09:21:17+02:00 12. Juli 2020|Allgemein|6 Kommentare

6 Comments

  1. Hannover1958 12. Juli 2020 um 09:16 Uhr

    Auf den Trikots der SG Flensburg Handewitt macht doch die Firma Nord-Schrott Werbung. Wäre das nicht der richtige Namenssponsor fürs Stadion? „Wir melden uns aus der Hamburger Nord-Schrott-Arena. Der HSV spielt auf das Tor Richtung Müllverbrennungsanlage.“

    • Greer 12. Juli 2020 um 11:33 Uhr

      Nehmen wir statt Müllverbrennungsanlage eher „Geldverbrennungsanlage“, und es passt perfekt.

  2. Greer 12. Juli 2020 um 11:40 Uhr

    Ich glaube ebenfalls nicht daran, dass sich etwas ändern wird. Warum auch? Der HSV scheint schon wieder im Normal-Modus zu sein, man konnte einen neuen Trainer präsentieren, auf den sich jetzt wieder alle Hoffnungen stützen, die vergangene Saison scheint schon abgehakt. „Lasst uns nicht zurückschauen! Hier, neuer Trainer, JETZT ist alles neu, jetzt geht es wieder los!“ ist offenbar das Motto, viele Fans machen genau das mit, also… warum Änderungen?

    Wie man natürlich mit dieser Sichtweise aus der Vergangenheit lernen will, das erschließt sich mir so nicht. Wobei die Antwort aber wohl auch ernüchternd ausfallen würde.

  3. NixmitAufstieg 12. Juli 2020 um 12:37 Uhr

    Und täglich grüßt das Murmeltier.

    Es ist doch jedes Jahr das Gleiche. Statt sich mit den fundamentalen und elementaren, strukturellen Problemen auseinandersetzen, die diesen Verein seit mindestens einem Jahrzehnt blockieren und eine Konkurrenzfähigkeit auf höchstem Niveau unmöglich machen (Einmischung Kühne ins operative Geschäft, Inkompetenz und Unprofessionalität in der Führungsebene, realitätsferne Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit, kurzfristiges, visionsloses Denken und Handeln etc.), doktert man an sekundären Symptomen der eigentlichen Krankheit herum und redet sich wiederholt ein, dass ein neuer Trainer oder ein neuer Sechser das Ruder im Alleingang herumreißen könnten und in absehbarer Zeit im Volksparkstadion wieder Milch und Honig fließen wird.

    Man lügt sich in die eigene Tasche, redet sich die Situation schön und vermeidet die notwendigen, strukturellen Änderungen, dieses Verhalten hat in Hamburg System und repräsentiert die einzige Konstante der letzten zehn Jahre.

    Die misserfolgsbegünstigenden Faktoren sind inzwischen so tief in der DNA des HSV verwurzelt, dass man das ganze marode Gebilde eigentlich einmal komplett einreißen müsste, statt ständig punktuelle, halbherzige Verschlimmbesserungen vorzunehmen und sich dann konsequent einzureden, man habe gerade das Rad neu erfunden und dem Erfolg könne nichts mehr im Wege stehen, bis das Saisonziel erneut verfehlt wurde und der Kreislauf von vorne beginnt.

  4. Ex-HSVer im Herzen 12. Juli 2020 um 14:39 Uhr

    Das Kernproblem dieses Gebildes ist, dass es keinen starken Führer gibt mit einer Vision. Der Top/Down alle Gremien so besetzt, dass sie effektiv und vor allem professionell funktionieren. Bei keinem Verein ist der Vorstand und Anteilseigner so dermaßen präsent in der Presse wie beim HSV. Statt sich um das Kerngeschäft im Hintergrund zu kümmern oder sich komplett aus dem operativen Geschäft raus zu halten (Anteilseigner/Investor) wird der sportlichen Führung permanent dazwischen gefunkt. Man bekommt das Gefühl, es gibt gar keinen Sportdirektor…. seine Arbeit wird durch den Sportvorstand (was soll eigentlich so eine Position??) gemacht. Ansonsten sind alle Positionen nur von Versagern im früheren Job besetzt. Wettstein? Kein Kommentar. Hoffmann? Narzisst und Dampfplauderer ohne großes Talent. Beiersdorfer? Kein Kommentar. Aufsichtsrat? Pfeifen oder Anti-Manager seit über 10 Jahren. Trainer? Vorher woanders gescheitert oder kaum Kompetenz. Das ist das einzige „passende“ momentan. Thioune (mittleres/unteres Zweitligaformat) passt zum durchschnittlichen Zweitligateam. Es müsste eine Basisphilosophie und einen Zehnjahresplan mit einer 5-jährigen Zwischenstation erarbeitet werden. Und zwar von einer Person, die es drauf hat oder einem Gremium, das unabhängig ist und alles neu aufbaut. Dem HSV müsste eine völlig neue Identität gegeben werden, die sich dann über die Jahre entwickelt. Zum Beispiel die viel gepriesene „Exzellent auf allen Ebenen“. Aber diesmal wirklich umgesetzt. Das fängt an beim Personal, geht über den trainingswissenschaftlichen Bereich bis hin zum Catering/Erlebnis im Stadion. Überall ist der HSV schlecht bis mies aufgestellt. Und das geht weiter so. Und weiter so und weiter so. Boldt, Wettstein, Mutzel, Köttgen, Jansen. Das sind doch alles 08/15 Pfeifen ohne besonderes Talent und Fähigkeiten. Man sollte allen dieses Buch empfehlen. Denn nur so kann man den Karren aus dem Dreck ziehen. Aber ich bezweifle, dass der Intellekt vorhanden ist.

    https://www.amazon.de/Disrupt-Think-Unthinkable-Transformation-Business/dp/0133995909/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&dchild=1&keywords=Disrupt%3A+Think+the+Unthinkable+to+Spark+Transformation+in+Your+Business&qid=1594557411&sr=8-1

  5. Fohlenflüsterer 12. Juli 2020 um 19:43 Uhr

    Ein sehr interessantes Interview vom GF von Borussia Mönchengladbach. Vielleicht wäre das ein gangbarer Weg für den HSV?
    http://www.mitgedacht-block.de/stephan-schippers-wir-sind-ein-relativ-einfacher-laden/

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