Der falsche Kult des KSV

„Kult“ ist zum Kultwort geworden. Wenn ich heute lese, was alles „Kult“ ist, kann ich nur noch mit dem Kopf schütteln. Irgendeinen blöden Spruch gelassen, irgendeine Instagram-Geschichte produziert, irgendeine hirnverbrannte Aktion gefahren – schon ist man „Kult“. Aber was bedeutet das eigentlich, „Kult“? 

Kult oder Kultus (von lateinisch cultus [deorum]; „Götterverehrung“, von colere „anbauen, pflegen“) umfasst die Gesamtheit religiöser Handlungen. Das abgeleitete Adjektiv kultisch unterscheidet sich vom umgangssprachlichen kultig, dem Adjektiv von Kultstatus. Obwohl Kult vor allem als Bezeichnung für religiöse oder spirituelle Praxis benutzt wird, ist die Bedeutung in der Alltagssprache weiter gefasst und schließt auch andere Arten von ritualisierten Handlungen ein. Dabei wird ein Kult durch drei Aspekte bestimmt: ein Kultobjekt, eine den Kult ausführende Personengruppe sowie eine Anzahl mehr oder weniger ritualisierter Kulthandlungen (Wikipedia)

Ich verstehe. Gottverehrung. Jemand, der im Grunde nichts falsch machen kann und bei dem alles, was er sagt und tut das Gelbe vom Ei ist. Aus meiner Sicht krank, selbst wenn es nicht dazu kommt, dass einzelne Personen in einen gottesgleichen Status erhoben werden. Es reicht, diesen Figuren grundsätzlich alles zu glauben, ihnen nicht im Mindestens kritisch gegenüber zu stehen und sie von den normalen Maßstäben zu lösen. „Kultfiguren“ sind unantastbar, fehlerlos und stehen fern jedem Zweifel. Und solche Vögel sollten sich im Normal bestens als Vorbilder eignen, oder? Wenn dem so ist, dann ist niemand fehlerhafter in der Findung seiner Kultfiguren als der KSV. Spontan fallen mir da ein…

Dietmar Beiersdorfer. „Didi“. Einer von uns. Der Dukaten-Produzent mit der eingebauten Raute im Herzen. Der Experte mit Stallgeruch. Jemandem wie mir, der sich bereits vor dessen Ernennung zum Vorstandsvorsitzenden gegen den Mann ausgesprochen hatte, schlägt eine Welle der Verachtung und des Hasses entgegen, denn wie konnte ich es wagen, an der Kultdukate zu zweifeln. Beiersdorfer konnte 3 Jahre lang machen, was er wollte, er wurde nicht von den Fans kritisiert, von den Medien schon gar nicht. Resultat ist bekannt, oder? 

Rafael van der Vaart. Der kleine Engel. In seiner ersten Zeit beim KSV eine absolute Bereicherung, er brachte den Verein auf ein neues Level. Aber da war er nur der geniale Kicker, zur Kultfigur wurde er, als er aus Tottenham zurückkehrte. Heute weiß man, dass die Rückholaktion des Holländers der Anfang vom Ende des Vereins war, van der Vaart war nicht nur über den Zenit, er war irgendwann eine Belastung für Team und Konto. Aber er war „Kult“, deshalb durfte man das nicht laut aussprechen. 

Ivica Olic. Kam 2006 aus Moskau nach Hamburg und entwickelte sich aufgrund seiner unortodoxen Spielweise zum Publikumsliebling. Sah nach 12 Minuten immer so aus, als würde er jeden Moment ableben, lief aber in der 93. Minute immer noch. „Kult“ wurde Olic, als er 2014 als 35-Jähriger zurückkehrte und keine Leistung mehr bringen konnte. Durfte man aber nicht schreiben, denn an Fan-Legenden rüttelt man nicht. Selbst dann nicht, wenn sie für den Verein nur noch Balast sind. 

Marcelo Diaz. Kam 2015 aus Basel, verwandelte in der Relegation einen unberechtigten Freistoß und war „Kult“. Also ungefähr ein halbes Jahr „Kult“, denn nach einem knappen Jahr in Hamburg bemerkte der zuvor erwähnte Düdü Beiersdorfer, dass Diaz „zu gut für die Mannschaft“ sei. Und wer zu gut für den KSV ist, der wird mit Verlust verkauft, das hat Tradition. Also ab mit ihm zu Celta Vigo nach 17 Spielen und einem Tor (eben dem in der Relegation). Für den Status „Kult“ in Hamburg reicht das allemal. 

Dennis Diekmeier. Der erfolgloseste Profi aller Zeiten fiel in Hamburg eigentlich nur dadurch auf, dass er immer da war und nie weg wollte. Weil ihn keiner wollte. Dennis, Dana, Dolf, Dieter und Dödel Diekmeier sind von oben bis unten bemalt und das reicht den Primaten manchmal schon aus, um jemandem in den Kultstand zu erheben. Es kann natürlich auch sein, dass man manchmal aus purem Mitleid „Kult“ werden kann, in Diekmeiers Fall würde das sogar Sinn ergeben.

Pierre-Michel Lasogga. PML10-Maschine. Der Maltafuß mit Muddi als Beraterin. Hatte ein gutes Jahr in Hamburg, wurde „Kult“ und ging daraufhin unter. Fiel in den darauffolgenden Jahren mehr dadurch auf, dass er über seine eigenen Knochen stolperte und mit € 15.000 Punkt- und Torprämie sogar dann reich wurde, wenn er gar nicht spielte. Am Ende war man froh, dass der Vertrag endlich auslief, weil die Kultfigur nicht mal in der zweiten englischen Liga ankam. Verdient heute seine € 4 Mio. pro Jahr bei Al-Kohlrabi in Katar und reißt dort Bäume aus. 

Lewis Holtby. Bruchweg-Boy. DJ Duracell. Große Hoffnungen, großes Einkommen, keine Leistung. Fiel mehr durch wildes Armfuchteln vor der Nordtribüne denn durch tödliche Pässe auf, war aber für die Musik in der Kabine und im Mannschaftsbus zuständig. Lag dem KSV insgesamt 5 Jahre auf der Tasche und war, nachdem er keinen neuen Vertrag erhielt, zwischenzeitlich vereinslos. Holtby konnte, wie alle seiner „Kult-Kameraden“ die in ihn gesetzte Hoffnung zu keinem Zeitpunkt erfüllen und kostet den Verein am Ende knapp € 25 Millionen. Und wie sagte der gute Lewis nach 5 Jahren in der Hansestadt: „Aus Hamburg wird nichts bleiben“. Aber er war die ganze Zeit „Kult“ bei den Einzellern und Kritik an ihm endete zumeist tödlich. 

Kyriakos Papadopoulos. Seines Zeichens augenrollender Grieche und amtlich zertifizierte Schienbein-Polierer. „Papa“ war „Kult“, aber eigentlich war er Sportinvalide. Die ganze Woche kein Training, am Wochenende in der Startelf, ein Antritt wie eine Diesellok aus den 70er. Aber egal, wenn „Papa“ am Mittelkreis einen Gegenspieler ins Hospital grätschte, bekamen die Kultjünger eine Spontanerektion. Der Umstand, dass dem Verein dies alles nicht half, spielte keiner Rolle, wenn man „Kult“ ist, darf man gern blind sein. Und viel verdienen. Und ständig verletzt sein. Macht alles nichts. 

Rick van Drongelen. van Dingeldong. Sieht immer so aus, als würde er jeden Moment anfangen zu weinen. Man kann dem armen Rick wirklich nicht nachsagen, er würde sich nicht reinhängen, aber reinhängen allein genügt nun mal nicht. Also jedenfalls nicht, um sich als Fußballer zu entwickeln. In Hamburg aber sind die Ansprüche im Laufe der Jahre immer kleiner geworden, heute reicht schon aus, wenn man 90 Minuten läuft und ab und zu mal grätscht, dann ist man „Kult“. 

Toni Leistner. Der Würger von Wolfenbüttel. Als Fußballer sagen wir mal begrenzt, als Mann ohne Selbstkontrolle ab sofort in ganz Deutschland bekannt. Den Verfall der Sitten erkennt man daran, dass man früher als Spieler Besonderes geleistet haben musste, heute muss man einfach nur über den Zaun klettern und einem Pöbel-Zuschauer ans Leder wollen. Schwupps, ist man „Kult“. Sagt natürlich mehr über die Sektierer als über die Kultfigur aus, aber egal. 

Tom Mickel. Berufsmäßiger Ersatztorhüter. Tom ist ein wirklich netter Kerl, soweit ich das beurteilen kann, aber er ist garantiert kein Spieler, der den Verein nach vorn bringt. Dritte oder vierte Liga, das ist seine Spielwiese, aber das war es dann auch. In Hamburg ist das egal, denn wenn man nur lange genug da ist und nie etwas kritisches von sich gegeben hat, wird man automatisch „Kult“. 

Zum Schluss…

….das Letzte. 

Helm-Peter. Rektal-Amöbe. Ex-Trucker mit dem Intellekt eines Hustenbonbons und der Ausdrucksstärke einer Wanderdüne. Doof wie 12 Meter Feldweg und für jeden Zuschauer mit einem IQ oberhalb von 15 nicht länger als 5 Sekunden zu ertragen. Der Mann (oder was immer er auch darstellen soll) kann nur eines wirklich gut, nämlich unzusammenhängenden Schwachsinn runterbrabbeln und sich innerhalb eines Satzes dreimal selbst zu widersprechen. Alles egal, denn wenn man ohne einen Blödhelm nicht mehr aus dem Bett geht und wirklich alles beim KSV supi endgeil findet, dann wird man „Kult“. Ende. 

Was sagt uns das nun? Die Auswahl der Kultfiguren ist mehr als symptomatisch für den Verfall und den Zustand des Vereins. Wenn bei anderen Klubs Führungsfiguren und verdiente Spieler in den Kultstatus erhoben wurden, so sind es beim KSV immer nur Versager, Abzocker, Eintagsfliegen und Blödhamster. Wie lautete nochmal die Überschrift über den Blog damals? „Das größte Kapital des Vereins……“

Der Umstand, dass die einzig wirkliche Kultfigur des Vereins eben kein Spieler, sondern ein Masseur war, sagt mehr als alles andere. Hermann Rieger ist unantastbar und das muss er auch bleiben. Allerdings würde ich mit dem armen Hermann, gestorben im Februar 2014, lieber nicht über die letzten 10 Jahre seines Vereins reden wollen.

Einen habe ich dann doch noch 😀 😀 😀 

Ist Rohr nicht ein bisschen zu alt, um den ganz großen Durchbruch noch zu schaffen? Beim HSV ist man überzeugt, dass das nicht der Fall ist. In Hamburg will man den Verteidiger, der in seiner Karriere im Herren-Bereich neben Jena bislang für den VfB Eppingen, den SSV Reutlingen und den SGV Freiberg spielte, nun einen Feinschliff geben. (Quelle: Mopo.de)

Genau 😀 😀 Den Feinschliff geben 😀 😀 😀 In Hamburg 😀 😀 Weil das mit den eigenen Juwelen ja seit Jahren so hervorragend klappt 😀 😀 😀 Ich könnte mich wegschmeißen 😀 😀 😀 😀 

Fun Fact: Der KSV, durchschnittlicher Zweitligist und in der ersten Runde aus em DFB-Pokal ausgeschieden, beschäftigt nun insgesamt 8 etatmäßige Innenverteidiger. Der FC Bayern München, deutscher Meister, Champions League-Sieger mit wahrscheinlich mehr als doppelt sovielen Pflichtspielen, hat 6 unter Vertrag, wobei Linksverteidiger Alaba neuerdings als Innenverteidiger gelistet wird. 

 

Von | 2020-09-30T18:56:04+02:00 27. September 2020|Allgemein|11 Kommentare

11 Comments

  1. Fohlenstall 27. September 2020 um 09:34 Uhr

    Moin Zusammen,
    „Das Wort zum Sonntag“!!
    Der Blogbetreiber in Bestform 🙂
    Und das ganze wird getragen von den kultigen „Fans“!
    Was man sich immer wieder vor Augen halten muss,
    ist dieses kritiklose Verhalten der hüpfenden Menge.
    Allein 65000 sogenannte „Supporter“ sind seit Jahren
    nicht in der Lage,den sogenannten Führungskräften mal Einhalt
    zu gebieten.Auch das hat schon fast „Kultstatus“….

  2. Demosthenes 27. September 2020 um 10:16 Uhr

    Hahaha, sehr gut, Grave, aber einen KSV-Kultspieler hast Du vergessen: HW4.

    Was sind schon CR7 oder DM10 gegen den bemühtesten Abräumer der Liga. Immer am Limit, besonders dem eigenen spielerischen. Ein Stellungsspiel wie Steve Wonder, stets einen Schritt zu spät und flexibel wie eine Betonspundwand. 27-facher Nationalspieler, Vize-Europameister und dreifacher Relegationsspieler, besonders letzteres macht ihm so schnell keiner nach!

    Stolperte 2010 in die damals noch nicht so großen Fußstapfen von Boateng und bekam von Trainerlegende Armin Veh prompt die Binde, die er fortan stolz und festverknotet über den Augen trug. Der hölzerne Heiko war ein Torgarant für jeden Gegner. Unvergessen auch sein Rap-Song mit einem gewissen Elvis (dem Rapper, nicht dem King), wo sich der sympathische Ex-Schalker gesanglich zeigt, wie man ihm vom Feld kannte und liebte: Knapp daneben, technisch fehlerhaft, aber stets bemüht.

    Heiko, Du Krieger, Kult bist und wirst Du bleiben. Oder wie es seine Gegenspieler gerne formulierten: HW4, unser bester Mann.

  3. Holger Pfeiffer 27. September 2020 um 11:38 Uhr

    Mal wieder ein großartiger Blog, wie ganz viele vorher schon. Auf den Punkt kritisch, garniert mit feinem Humor. Herrliche Sonntagslektüre. Zeit, einfach mal DANKE zu sagen!

  4. St.Patrick 27. September 2020 um 12:44 Uhr

    Müssen wir uns Gedanken machen, wenn IV Nr 8 Rohr seine erfolgreichen Karrierestationen bei zwei Pokalschrecks des HSV durchlaufen hat? Seinerzeit verlor der noch relativ große HSV gegen den VfB Eppingen und den SSV Reutlingen, weil man zu gut und deshalb überheblich war. Jetzt kommen etatmäßige Spieler mit Perspektive für den Profikader von dort…

  5. Dommy71 27. September 2020 um 13:50 Uhr

    Feinste Lektüre hier, herzhaft erfrischend geschrieben … Danke dafür !!

  6. Geier 27. September 2020 um 14:13 Uhr

    Zum Wegschmeissen! Klasse Blog von Gravesen und oberklasse Zugabe von Demosthenes!

    • Demosthenes 27. September 2020 um 14:36 Uhr

      🙂

  7. Freundchen 27. September 2020 um 16:32 Uhr

    Sehr, sehr geil geschrieben 😀 wobei die Tatsache, dass der KSV mehr IV als FC-BAYERN hat, logisch erscheint: für die deutlich härtere Spielart in der zweiten deutschen Knochenbrecherliga braucht man einfach mehr Backups…😀

  8. Gravesen 27. September 2020 um 17:00 Uhr

    Ich frage mich ja immer wieder, wie ein einzelner Primatenblog es immer wieder schafft, Berufsarschlöcher wie den selbsternannten Soziologen (wer würde das behaupten, wenn es nicht wahr wäre?) Jankele anzulocken. Das sind Typen, die einzig und allein im Internet existieren können, weil sie mit ihrer Art im realen Leben jeden Tag was auf die Fresse kriegen würden. Aber da spielen sie unter Garantie die Rolle des angepassten Arschkriechers.

  9. F.Ae 28. September 2020 um 00:04 Uhr

    Wann fing das eigentlich an mit diesem dämlichen Kult beim HSV? Da fällt mir als erstes Valdas „Ivan der Schreckliche“ Ivanauskas ein. Ein Holzfussballer vor dem Herrn, wurde in den Neunzigern zum Kult erhoben, obwohl er kein Scheunentor traf. Schämte mich schon damals eher, wenn andere von ihm schwärmten…

  10. Cokie 29. September 2020 um 15:51 Uhr

    In der Liste könnte man noch einige Namen ergänzen:
    Roy präger
    Ali Albertz
    Emil Mpenza
    Benny Lauth
    und so weiter.

    Einige jedoch sehe ich schon eher als Kult, weil die etwas gezeigt haben:
    Timmy Atouba
    Tony Yeboah
    Hans Jörg Butt

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