No to racism

Das Traurige ist eigentlich nicht, dass es passiert, das Traurige ist, dass es immer noch passiert. Wir könnten jetzt endlos darüber diskutieren, wie falsch es grundsätzlich ist, gegen etwas zu sein, was nicht ist, wie man selbst und dies geht weit über Rassismus gegen Schwarze, Asiaten, indigen Völkern etc. hinaus. Denn es reicht nicht, „No to racsim“ zu sagen, man muss „no to racism“ auch leben und auch, wenn wir es uns nicht eingestehen wollen, es ist schwerer, als wir alle glauben. Zwei Beispiele. Ich habe in der Vergangenheit desöfteren den Begriff „Black Kloppo Thioune“ benutzt und ich habe ihn zu 100% nicht deshalb benutzt, um darauf hinzuweisen, dass der aktuelle Coach des HSV afrikanische Wurzeln hat.  Der Mann ist am 21. Juli 1974 in Georgsmarienhütte/Niedersachsen geboren und damit mindestens genauso Deutscher wie ich, der 10 Jahre zuvor in Hamburg-Eimsbüttel geboren wurde. Ich habe den Begriff benutzt, um auf ironische Art und Weise darauf hinzuweisen, dass einige Fans den Mann bereits auf eine Schwelle mit dem Liverpooler Trainer heben wollen und die leichteste Abgrenzung zu Klopp ist nun mal seine Hautfarbe. Der Umstand, dass ich dies als nicht wirklich fragwürdig und relevant empfunden habe, ist ebenso bedauerlich wie falsch und ich werde in Zukunft auf diese Begrifflichkeit verzichten. Warum? Nicht, weil Thioune nicht „black“ ist, denn das ist er und ich bin sicher, er ist zu Recht stolz darauf. Sondern weil andere Unterscheidungsmerkmale zwischen Klopp und Thioune eine Rolle spielen sollten und diese Mühe muss man sich machen. 

Das Problem unserer Zeit ist, dass man im Umgang mit Rassismus, Sexismus, Frauenfeindlichkeit, Ausländerfeindlichkeit, im Grunde im Umgang mit allem, was anders ist als man selbst, mehr falsch als richtig machen kann. Äußert man sich nicht, gilt man als feige und eventuell doch auf der „falschen Seite“. Äußert man sich, wird jede Silbe der Äußerung auf politische Korrektheit abgeklopft und man gerät ganz schnell in Gefahr, eine Äußerung zu tätigen, die man bestimmt richtig gemeint, aber mißverständlich ausgedrückt hat. Das zweite Beispiel. Ich habe mit meiner Tochter, die bekanntlich in Australien lebt, gesprochen und dabei den Begriff „Abo“ als Abkürzung für Aborigines benutzt und meine Tochter meinte entsetzt: „Um Gottes Willen, tu das bloß nicht hier. Das ist so, als würdest du das N-Wort benutzen“. Dazu muss man wissen, dass ich die Aborigine-Kultur extrem faszinierend und den Umgang der weißen australischen Bevölkerung mit den wahren Australiern widerlich finde, insofern lag mir garantiert nichts ferner, als diese Menschen zu beleidigen. Problem war: Ich wusste es einfach nicht. Jetzt weiß ich es und werde es in Zukunft unter Garantie nicht mehr verwenden. 

Wie kommen ich überhaupt auf dieses Thema? Am Dienstag fand das Champions League-Spiel zwischen Paris St. Germain und Basaksehir FK statt und im Verlauf der Partie hat der 4. Offizielle nach eigener Aussage den Begriff „negru“ für den Co-Trainer Pierre Webò der türkischen Mannschaft (ich wollte zuerst „der Türken“ schreiben, aber allein das klingt ja irgendwie nach Vorurteil) benutzt. Der Schiedsrichter kommt aus Rumänien und erklärte, das Wort „negru“ bedeutet auf Rumänisch „schwarz“, er hat also einen Schwarzen als Schwarzen bezeichnet. Wahrscheinlich würde sich Webò überhaupt nicht darüber echauffieren, als Schwarzer bezeichnet zu werden, denn schließlich ist er schwarz und das lässt sich kaum leugen, aber Webò störte der Unterschied, der gemacht wird, denn der Schiedsrichter hätte wohl nie gesagt, dass „der Weiße“ Co-Trainer von PSG sich falsch verhalten hätte. Der Umstand, dass daraus ein Spielabbruch mit anschließender Wiederholung erfolgte, zeigt, wie sensibel dieses Thema ist und wie außerordentlich vorsichtig man inzwischen mit derartigen Begrifflichkeiten umzugehen hat. 

Für uns weiße Männer, die wohl in einer einzigartigen Position sind, nämlich in der, so gut wie nie in irgendeiner Form diskriminierend verfolgt zu werden, ist die Sache kompliziert. Denn zum Einen können wir aus eigener Erfahrung nicht einmal im Ansatz ermessen, was es heißt, diskriminiert zu werden, zum Anderen stehen wir ständig in Verdacht, in irgendeiner Art und Weise diskriminierend unterwegs zu sein. Sei es gegen Menschen, deren Haut eine andere Pigmentierung haben, sei es gegen Frauen, die im Jahr 2020 immer noch um ihre natürlichen Rechte kämpfen müssen. Eines weiß ich sicher, ich bin kein Rassist. Aber ich weiß, dass aufgrund meiner Lebensgeschichte rassistische Begrifflichkeiten zu meinem natürlichen Sprachgebrauch gehörten, obwohl ich sie selbst überhaupt nicht als rassistisch empfunden habe. Allerdings geht es nicht darum, was ich als rassistisch oder sexistisch empfinde, sondern was die Betroffenen empfinden. 

Wie gesagt, ein extrem schwieriges und polarisierendes Thema, über das zu sprechen und zu schreiben anstrengend ist, aber dennoch muss man es tun. Eines weiß ich aber ebenfalls, nämlich welche Art von Menschen ich nicht leiden kann. Ich hasse Betrüger, ob sie nun weiß, schwarz, rot oder blau sind. Ich hasse Egoisten, ob sie nun hetero, schwul oder bi sind und ich hasse Profiteure, ob sie nun männlich, weiblich, beides oder nichts sind. Die Eigenschaft ist entscheidend und nicht die Hautfarbe, die Herkunft oder die sexuelle Ausrichtung und so muss sich sowohl ein weißer Profiteur wie auch ein schwarzer Betrüger gefallen lassen, dass man ihn als das bezeichnet, was er ist. Gleiches Recht für alle. Wichtig ist und bleibt, dass jeder bereit ist, permanent an sich selbst und seinem Umfeld zu arbeiten.

An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank für all die tollen Spenden gestern. Es ist großartig zu sehen, was einigen dieser Blog im Laufe der Jahre wert geworden ist. 

 

Von | 2020-12-15T20:24:53+01:00 11. Dezember 2020|Allgemein|15 Kommentare

15 Comments

  1. Thomas Vernunft 11. Dezember 2020 um 09:29 Uhr

    Starke Worte ! Diesen Blog kann, sollte jeder Verantwortliche eines Profifussballvereins 1 zu 1 übernehmen – und nicht nur dort. In nahezu jedem täglichen Miteinander begegnet uns Rassimus. Und dieser fängt bei jedem von uns an. Irgendwer sagte einmal: Wenn Du die Welt besser machen willst, fang´bei Dir selber an ! In diesem Sinne.

  2. Dennis61 11. Dezember 2020 um 10:17 Uhr

    Moin! Aufrichtig, stark und brutal ehrlich. So wie ich Dich kenne und schätze. Ich verneige mich vor Dir und zolle Dir meinen allergrößten Respekt für diesen Text. Wenn nur mehr Menschen so reflektiert wären.

    Besonders gut finde ich, dass Du es alles in einen vernünftigen Kontext bringst. In erster Linie ist tatsächlich nicht wichtig was man sagt, sondern was man meint bzw. tut. Insofern ist es für alle besser bestimmte Begrifflichkeiten einfach wegzulassen, wenn jemand sich davon angegriffen fühlt oder fühlen könnte. Dann muss man sich nicht erklären und niemand bekommt etwas in den falschen Hals. Es tut doch niemandem weh Schaumkuss anstatt Negerkuss zu sagen. Wir haben uns da als kleine Pinsel beim Bäcker vor der Schule auch nie was bei gedacht, trotzdem ist es nicht in Ordnung es so zu nennen, weil es schlichtweg diskriminierend ist.

    Und ebenso korrekt von Dir geschrieben, am Ende entscheidet nicht der Sender, sondern der Empfänger ob es ihn kränkt oder nicht. Das hat auch nichts mit Weichei oder „political correctness“ zu tun, sondern mit gesundem Menschenverstand und Empathie.

    Ich hatte es Dir ja auch persönlich geschrieben, dass ich Dich nie für einen Rassisten gehalten habe oder Dir unterstellt, dass Du Daniel Thioune aufgrund seiner Hautfarbe abwerten wolltest. Ich habe mich nur und ausschließlich an dem Begriff „Black Kloppo“ gestört, da er den Menschen ungeachtet seiner fachlichen Kompetenz eben genau auf sein Äußeres reduziert.

    Ich wünsche allen einen schönen dritten Advent. Bleibt gesund und kommt gut durch diese verrückte Zeit.

  3. Kugelblitz 11. Dezember 2020 um 10:33 Uhr

    Bockstarke Worte.

    Ich bin Jahrgang 65 und in meiner Kindheit mit vielen Alltagsrassistischen Worten aufgewachsen: Kümmeltürke, Spaghettifresser, Froschfresser, Negerküsse, Kameltreiber uvm.
    Das hat sich heute weitestgehend gelegt, viele Menschen sind sensibilisiert. Umso mehr fällt es eben auf, wenn ein jemand ein diffamierendes Wort benutzt. Aber allzuoft denke ich, dass man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen sollte und nicht jeder gleich ein Nazi ist, wenn er jemanden anderen mit Worten eingruppiert.

    Oder wie sagte schon Serdar Somuncu, ein deutscher Kabarettist mit türkischen Wurzeln zum Inhalt seines „Der Hassprediger“ Programms:

    Es wird flächendeckend beleidigt. Und deswegen wird es Juden, Schwule, Neger, Türken… schwule Judenneger und türkische Schwuljuden mit Vorliebe treffen. Aber auch Deutsche! Wer nicht lacht ist Nazi.“

    • Namotrip 11. Dezember 2020 um 11:26 Uhr

      Ich finde Somuncus Erklärung in dem Zusammenhang mindestens ebenso wichtig. Der Tenor lautet: Wenn ich Witze mit/über Weiße, Deutsche, Chinesen und Juden mache, über den Afrikaner aber nicht, weil ich dunkelhäutigen Menschen gegenüber nicht diskriminierend sein möchte, bin ich dann nicht genau das – diskriminierend? Immerhin behandel ich ihn anders, weil er eine andere Hautfarbe hat.

      Heutzutage empfinde ich eiinges aufgrund der großen Anzahl an übertriebenen „Gutmenschen“ (ich mag das Wort eigentlich nicht) als anstrengend. Das Verhältnis zwischen fundierter, gesunder Anti-Haltung und verbissener Suche nach anstößigen Formulierungen stimmt bei vielen meines Erachtens nicht mehr. Zweifelsohne sind Debatten über und eine klare Haltung gegen Rassismus und Diskriminierung von enormer Wichtigkeit und beides sollte in einer modernen Gesellschaftt in keinster Weise Platz haben. Wenn ich jedoch darauf achten muss, „Studierende“ zu sagen statt „Studenten“, nur weil letzteres maskulin ist und Studentinnen diskriminieren würde, dann hörts bei mir irgendwo auf. Und wenn mich auf der Straße eine fremde Frau ankreischt, ich sei diskriminierend, nur weil ich meinen querschnittsgelähmten Arbeitskollegen frage, ob er heute noch zum Aldi _geht_, dann auch. Letzterer hat mich übrigens mal ermahnt, ich solle ihn nicht anders behandeln oder mit Samthandschuhen anpacken, weil er im Rollstuhl sitzt. Das würde ihn verletzten. Aber die Mutti auf der Straße fühlt sich bemüßigt, mich zu maßregeln.

      Von daher: Starke Worte, gravesen. Ich wäre allerdings im Leben nicht darauf gekommen, die Formulierung „Black Kloppo“ in irgendeiner Weise rassistisch zu interpretieren.

      • Dennis61 11. Dezember 2020 um 13:58 Uhr

        Ich teile Deine Meinung, dass es heutzutage bisweilen etwas anstrengend ist. Aber genauso wichtig finde ich, dass es voran geht. Weiterentwicklung ist nichts schlechtes, im Gegenteil.

        Der „Kampf“ gegen das generische Maskulinum ist auch mir ein bisschen suspekt. Allerdings habe ich mich auch nie davon diskriminiert gefühlt. Eine gendergerechte Sprache kann es meiner Meinung nach nur geben, wenn wir uns auf neue neutrale Begriffe einigen. Auswüchse wie /innen, *innen, _innen und ähnliche Versuche Sprache neutral zu gestalten, halte ich für unpraktisch und nicht alltagstauglich. Ich finde auch eine Wortkreation wie „Beamt*innen“ schließt nicht alle ein und sieht einfach nur blöd aus. Wirklich konsequent wäre es, wenn wir uns auf einen ganz neuen Begriff einigen würden. „Beamtan“ oder „Beamtux“ oder so, keine Ahnung.

        Die Frage, die sich hier anschließt: würde es unsere Welt besser machen? Würde es das Leben von diskriminierten Menschen oder sagen wir mal wenig oder nicht sichtbaren Menschen (hier: Frauen und Diverse) besser machen? Unmittelbar wahrscheinlich nicht, aber mittelbar schaffen solche Diskussionen ein bestimmtes Bewusstsein und regen zum Denken an. Und das Denken bestimmt nunmal das Handeln. Aus Worten werden Taten. Dass jeder Diskurs auch immer seltsame Früchte trägt, geschenkt.

        Ich glaube kein Mensch ist frei von Diskriminierungen. Ob nun aufgrund von Hautfarbe, Herkunft, Religion, Geschlecht oder sexueller Orientierung. Im Kleinen dann eben auch wegen des Aussehens, des Namens, des sozialen Stands, des Autos, des Berufs bzw. der beruflichen Position, des Schulabschlusses oder nicht zuletzt wegen der Begeisterung für einen bestimmten Fußballverein, um nur einige Beispiele zu nennen, die vermutlich so oder so ähnlich jeden treffen oder schonmal getroffen haben. Blöde Sprüche unter Freunden kann man sich um die Ohren hauen. In der Öffentlichkeit kann ein anzüglicher Witz tüchtig in die Hose gehen.

        Bestimmte Begriffe zu verwenden mag vielleicht gesetzlich nicht verboten sein, doch Sprache hat so viel Macht. Jeder weiß aus welcher Ecke geboxt wird, wenn jemand etwas von „Maulkörben“, „Umvolkung“ oder „Meinungsdiktatur“ faselt.

        Gut und schön, wenn wir alle die Freiheit haben uns selbst zu entscheiden was wir sagen und wie wir uns ausdrücken. Doch insbesondere durch die sozialen Medien und das Internet scheint heutzutage jedes Wort auf die Goldwaage gelegt zu werden. Das ist auch nicht immer etwas gutes. Ich habe sehr oft das Gefühl, dass Menschen andere nur kritisieren, um sie zu kritisieren. Es hat dann etwas sehr selbstgerechtes und hypermoralisches und lenkt auch gerne mal davon ab, was eigentlich gesagt wurde bzw. gemeint war. Die Frau, die sich in das Gespräch mit Deinem Kumpel einmischt, ist einfach nur übergriffig. Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht.

        Wir als Gesellschaft sollten aufpassen wo die Reise hingeht. Einerseits ist es wichtig DInge zu hinterfragen und ergebnisoffen diskutieren zu können. Andererseits muss man akzeptieren, dass ein Konsens oftmals illusorisch ist. Frag doch mal fünf Leute was sie essen wollen. Wir erreichen höchstens Kompromisse. Alle Fragen lassen sich unterscheidlich beantworten, bzw. die Antworten unterschiedlich begründen. Wenn wir zu den großen Fragen kommen: sollten wir Tiere schlachten, Alkohol trinken, Sex aus Spaß haben, Zucker essen, Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor benutzen, in den Urlaub fliegen, körperlich mit anderen auseinandersetzen? In vollständiger Askese will wohl keiner leben, von daher gilt es erstmal für sich Grenzen zu setzen. Diese müssen geachtet werden. Dabei ist nicht entscheidend wie es einem selber behagt, sondern was der andere fühlt. Der Rest regeln erstmal die Gesetze.

        Ich habe mal in einem Café in Spanien ein Sprichwort aufgegriffen, was ich sehr schön fand:
        „Die Frauen machen die Sitten. Die Sitten machen die Gesetze. Also machen die Frauen die Gesetze.“ (unbekannter Autor)

        Wir werden sicher nicht mit jedem Freund, doch wir können es schaffen uns zu respektieren und zu achten. Und wir können uns in einer Sache die Meinung geigen und in einer anderen wieder zusammen lachen. Das macht doch das Miteinander aus. Wenn wir nicht mehr in den Austausch gehen, dann verdörren wir mental in unserer Filterblase und drehen uns nur im Kreis.

  4. Peter 11. Dezember 2020 um 10:45 Uhr

    Die Frage wird immer sein WIE man etwas sagt. Ich glaube kaum, dass der Co-Trainer der türkischen Mannschaft wusste was Negru überhaupt heißt (ich wusste es auch nicht).
    Dann kommt noch hinzu WEM man etwas sagt. Ein dunkelhäutiger Kollege nennt mich schon mal des öfteren Weißbrot was ich gerne mit Schwarzarbeiter kontere und wir beide dürfen das weil wir uns freundschaftlich verbunden fühlen. Es geht mir mittlerweile zu weit wenn jeder dahergelaufene für mich differenzieren möchte ob ich zu 100% korrekt unterwegs bin. Daher bleibt für mich ein Zigeunerschnitzel auch weiterhin ein Zigeunerschnitzel und kein Schnitzel mit Balkanhintergrund. Bitte nicht falsch verstehen, ich habe weder Vorurteile noch bin ich Rassist.

  5. Matze 11. Dezember 2020 um 11:10 Uhr

    Starke Worte!

    Das wichtigste ist die Haltung, aus welcher heraus ich etwas sage oder tue. Nicht minder wichtig ist die Fähigkeit zur Selbstreflexion unter anderem auch, um eine gute Haltung und Meinung entwickeln zu können. Ich glaube bezüglich dieser beiden Aspekte musst du dir rein gar nichts vorwerfen oder dich gar anfeinden zu lassen, ganz im Gegenteil!

    Beide Aspekte betreffen das eigene Handeln und Denken. Gerade in der Interaktion kommt aber noch der wichtige Aspekt „Sprache prägt denken“ hinzu. Und bei der Reichweite deines Blogs ist dieser Punkt nicht gerade unerheblich.

  6. Jan 11. Dezember 2020 um 11:38 Uhr

    Sehr schöne Ansicht, die ich komplett teile. Und wichtig, dass das geschrieben wurde, da ich mich an dem Ausdruck für Thioune gestört habe. Umso umsichtiger und selbstreflektiv von dir, dass du in der Lage bist, diese Fehleinschätzung öffentlich einzugestehen, danke dafür.

    So funktioniert eben die Sprache, sie entwickelt sich. Und wenn ich da nicht mitgehe und darauf beharre, dass die Ausdrücke „von früher“ im allgemeinen Sprachgebrauch doch schon immer gesagt wurden, dann stehe ich eben früher oder später im kommunikativen Abseits und muss mich nicht wundern, wenn meine Wortwahl von immer mehr Leuten als verletzend und beleidigend angesehen wird. Und wer spätestens da nicht in der Lage ist, gegenzusteuern, ist entweder nur ignorant oder tatsächlich Rassist.

    Sehr gut der Hinweis, dass wir als weiße Männer die Bevölkerungsgruppe auf der Welt sind, die mit Abstand am wenigsten durchmachen musste was Diskriminierung angeht, wenn überhaupt irgendwas. In dieses Argument flüchten sich nur zu gern die geistig Schwachen, dass Rassismus ja auch in beide Richtungen funktioniere („Wenn ich Kartoffel genannt werde, darf ich den anderen auch das N-Wort nennen“). Dabei vernachlässigen sie zu gern ihre historisch gewachsene privilegierte Situation.

    Ich hatte in letzter Zeit ein, zwei Diskussionen mit meinem 70-jährigen Vater, der der Meinung ist, dass das N-Wort nichts weiter bedeute als „Dunkelhäutiger“, während er die Historie dieses so rassistischen Begriffs komplett imstande war auszublenden. Für ihn hat es gereicht, dass er dieses Wort nicht aus rassistischem Antrieb verwendet, also könne er es ja ruhig weiterverwenden. „Der alte Mann mit seinem Starsinn“, pflegt meine Mutter dabei zu sagen.
    So funktioniert ein Miteinander nicht.

    Noch mal: Ganz wichtiger Text heute!

  7. marlor 11. Dezember 2020 um 12:07 Uhr

    Starker Blog, den ich so unterschreiben kann. Mir geht es genauso wie Dir, aber auch Peter und Namotrip. Ich kann das alles sehr gut nachempfinden. Mir geht die „political correctness“ auch manchmal zu weit (Stichwort Studierende oder Kolleg*innen statt Kollegen und Kolleginnen usw.). Mich würde es z.B. auch nicht stören, wenn ich als „Weißer wasweißichwas“ bezeichnet werde, wenn ich in Afrika im Urlaub bin. Aber ich bin auch weit davon entfernt je das Gefühl gehabt zu haben, diskriminiert worden zu sein und das ist ganz eindeutig der Unterschied. Die Sensibilität dafür fehlt, auch manchmal gegenüber Frauen, das gebe ich zu.
    Und ich bin auch weit davon entfernt, ein Rassist oder sexistisch o.ä. zu sein, zumal meine Frau als Kind nach Deutschland eingewandert ist und somit Migrationshintergrund hat und damit auch meine Kinder: obwohl hier geboren, nur eine Staatsangehörigkeit und nur eine Sprache sprechend (also nicht zweisprachig erzogen). Das wird übrigens auch noch für unsere Enkelkinder gelten. Erst unsere Urenkel haben dann keinen Migrationshintergrund mehr, vorausgesetzt, meine Kinder und Enkelkinder suchen sich keinen Partner mit direktem Migrationshintergrund, sonst geht das wieder von vorne los. Das ist schon alles sehr seltsam und zeigt, wie tief verwurzelt dieses ganze Thema in unserer Gesellschaft ist. Da wird man bei der Einschulung oder beim Eintritt in die KiTa z.B. gefragt, ob das Kind denn auch deutsch spräche. Tatsächlich empfinden wir das dann auch als rassistisch. Meine Frau empfindet schon die Frage, woher sie denn käme, als rassistisch, weil diese ihr das Gefühl vermittelt, sich dafür rechtfertigen zu müssen, hier (also in diesem Land) zu sein. Der Sender der Nachricht weiß eben oft nicht, welche Gefühle diese bei dem Empfänger auslöst.
    Ich weiß nicht, ob diese Brücken jemals überwunden werden können, aber wenn, wird das noch einige Generationen dauern.

    • Namotrip 11. Dezember 2020 um 15:31 Uhr

      Deine beiden Praxisbeispiele (Die Frage, ob deine Kinder deutsch sprechen und die Frage an deine Frau, woher sie denn kommt) zeigen ein häufiges Problem auf. Wie du beschreibst: Sender und Empfänger.

      Für die Schule/Kita ist es eine wichtige Information, ob ein Kind deutsch spricht, daher fragen sie nach. In der Regel ohne wertenden Unterton. Für die Eltern fühlt sich die Nachfrage (mitunter durchaus aus gutem Grund) rassistisch an. Ein Mitmensch ist an der Lebensgeschichte/Kultur deiner Frau interessiert, sie jedoch empfindet die Frage nach ihrer Herkunft (sicherlich auch aus guten Gründen) als rassistisch.

      Diese Brücken kann man wirklich nur durch einen Dialog überwinden – und durch ein Bewusstsein des Senders, wie der andere die Nachfrage aufnehmen könnte. Gleichzeitig erfordert es aber auch eine Bereitschaft des Empfängers, nicht jede „Kleinigkeit“ als rassistisch zu bewerten. Ich persönlich möchte mich weiterhin für meine Mitmenschen und ihre Kultur interessieren können, ohne dabei befürchten zu müssen, dass ich bei Nachfragen als rassistisch eingestuft werde. Andersrum freue ich mich im Ausland ja auch, wenn mich jemand fragt, wie es in Deutschland so ist, was ich für einen familiären Hintergrund habe oder ähnliches. Da kommt aber die Skizzierung von gravesen ins Spiel, nach der wir das Privileg haben, eigentlich nie aufgrund unserer Herkunft/Hautfarbe benachteiligt worden zu sein und daher viele Empfindungen eines Empfängers gar nicht nachvollziehen können.

      Empathie ist ein großer Punkt und die erreicht man meines Erachtens nicht, indem man darüber diskutiert, ob es nun Studenten oder Studierende heißen soll. Diese Diskussion ändert am Gedankengut derer, die wirklich rassistisch oder diskriminierend sind, gar nichts. Und allen weltoffenen Menschen ohne entsprechende Vorurteile sollte schon ein Austausch mit einem Betroffenen reichen, um für die Thematik sensibilisiert zu sein.

  8. St.Patrick 11. Dezember 2020 um 15:09 Uhr

    Respekt, Grave! 👍👍👍
    Ein großes Dankeschön für diesen zum Nachdenken und Reflektieren anregenden Beitrag, der weit über den Fußball hinaus reicht.
    Grüße von einem ehemaligen Meiendorfer 👋
    PS: Spende kommt

    • Gravesen 11. Dezember 2020 um 15:41 Uhr

      Nur der MSV!

      • St.Patrick 12. Dezember 2020 um 12:43 Uhr

        Deepenhorn 4ever! 👍

  9. Demosthenes 11. Dezember 2020 um 16:16 Uhr

    Top, Grave, danke dafür.

  10. Maddin 11. Dezember 2020 um 19:26 Uhr

    Was wohl die Weltweit 200 Millionen Nigerianer zu diesem Thema zu sagen haben.😁

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