Pressekonferenz oder Kasperletheater?

Die Pressekonferenz des HSV zum 8. Spieltag gegen den 1. FC Nürnberg war ein Glanzstück deutschen Nachkriegs-Sportjournalismus. Investigative und sachkundige Pressevertreter befragten schonungslos einen ebenso sachkundig und eloquent antwortenden Cheftrainer.

Die Ausgangslage: Der Nordderbysieger erwartet zuhause die in der Saison bisher ungeschlagenen Clubberer (3 Siege, 4 Unentschieden). Zwischen dem Tabellen-Siebten HSV und dem Tabellen-Fünften Nürnberg liegt nur ein Pünktchen. Ein Sieg könnte die Rothosen bis auf Platz 3 katapultieren, bei einer Niederlage droht ein Absacken bis auf Platz 10. Diese Situation erhält zusätzliche Brisanz durch die Tatsache, dass mit Nürnbergs Sportvorstand Dieter Hecking ein ehemaliger Trainer des HSV an seine alte Wirkungsstätte zurückkehrt. Die er vor zwei Jahren nicht besonders glanzvoll verlassen hat. Dazu kommt, dass Hecking vor kurzem noch ungefragt mit ein paar schmissigen Statements zum aktuellen HSV-Keeper Öl ins Feuer gegossen hat. Beste Voraussetzungen also für informationshungrige Journalisten, sich mit intelligenten und hintergründigen Fragen an Tim Walter in Szene zu setzen.

Den Anfang macht – wie immer – Wolfgang Stephan, der Chefredakteur vom Stader Tagblatt:

„Ja, Moinmoin aus dem alten Land. Herr Walter sie müssen ja Sebastian Schonlau ersetzen. Geben Sie uns doch mal so’n bisschen Einblick in Ihre Überlegungen. Also, Mittelfeld belassen und nur die Abwehr ändern oder Moritz Heyer nach hinten und damit auch im Mittelfeld was verändern? Wohin tendieren Sie?“

Äh, Moinmoin? Schwätzer! Egal, die Frage nach dem rotgesperrten Schonlau ist berechtigt und liegt als Eingangsfrage gradezu auf der Hand. Was antwortet Papa Walter:

„Na, Sie haben ja alles schon vorweggenommen, brauch‘ ich ja nix mehr erzählen. Ja, diese Optionen gibt’s plus gibt’s noch die Option mit ‘ner Dreierkette zu agieren, und äh, da sind wir uns aber nicht schlüssig, was wir jetzt dann letztendlich favorisieren und deswegen, ähm, wer‘n wir des schauen, wie wir das am Sonntag machen.“

So, jetzt wissen wir Bescheid. Man kann das so oder so oder aber auch ganz anders machen. Alles weitere dann tomorrow, my friend! Weiter geht’s mit Ulknudel Finn Freitag von Radio NRJ:

„Ja, Hallo, Herr Walter. Ich habe eine, ja, ganz allgemeine Frage. Eine Fanfrage, die kam jetzt häufig von unseren Hörern und zwar geht’s um ihren Job: War das schon immer ihr Ziel Fußballtrainer zu werden und was gefällt Ihnen so sehr daran?“

Radio NRJ, ist das ein Sender für Sechsjährige? Aber OK, raus mit der Sprache, Coach, wovon träumte Klein-Timmi?

„Also, im Fußball tätig zu sein war schon immer mein Traum. Äh, ich wollt‘ früher selber Fußballprofi werden, ähm, dazu hat‘s nicht gereicht, aus verschiedenen Gründen und ich bin auch sehrsehr froh drum, und deswegen habe ich mich irgendwann entschieden, meine Trainerscheine zu machen und hab sehrsehr viel Gefallen daran gefunden, mit jungen Menschen zu arbeiten, äh, mit ehrgeizigen Menschen zu arbeiten, die Atmosphäre im Stadion zu genießen, wenn die Stadien wieder voll sind auch, und das macht mir einfach jeden Tag Freude, hält mich jung, wenn man mit jungen Menschen zusammenarbeitet und deswegen hab‘ ich mich damals entschieden, Trainer zu sein und äh, genieße es jeden Tag.“

Das ist ja sehrsehr hübsch gesagt, aber wie soll Walter auch darauf antworten: „Nein, als Kind träumte ich von einer Karriere als mofafahrender Fischbrötchenbeleger, aber weil ich beim Mofaschein durchgefallen bin, musste ich diesen Traum begraben.“ Mein Gott! Aber weiter im Text mit Roland Kahl von HL Sports:

„Ja, Moinsen, aus Lübeck und viel Erfolg für Sonntag, schon mal vorweggenommen. Mit Nürnberg kommt die Mannschaft, die als einziges Team in der Liga noch ungeschlagen ist. Ist der 1. FCN jetzt der Favorit oder ist es eher so, dass die Nürnberger vielleicht eher die Hosen vollhaben sollten, weil ja einige Spieler Eier in der Hose haben von den.“

Hä? Ach so, es geht darum, dass Leibold nach dem Nordderby im „kicker“ gesagt hat, „Wir brauchen Eier in der Hose, und man sieht, dass wir sie haben (würg).“ Wieso fragt man denn nach sowas, Sportskamerad Kahl? Und was antwortet Linksträger Walter darauf:

„Ahaha, Ok, hehehe OK, kann man mal so sagen, ne… ähm, ja also, wir spielen zuhause, ist ganz klar, dass wir dieses Spiel gewinnen wollen. Wir wissen, dass Nürnberg ‘ne Herausforderung ist. Trotzdem kennen wir unsere eigenen Stärken und dementsprechend wollen wir dann auch am Sonntag auftreten, um letztendlich unseren Zuschauern zu zeigen, dass sie auch gern hierherkommen können, weil wir ähm, Spiele gewinnen.“

Was sind denn das bitte für idiotische Fragen? Und die Antworten sind genauso bescheuert. Aber jetzt kommt Hendrik Jacobs vom seriösen Hamburger Abendblatt, da darf man Kompetenz und Qualität erwarten:

„Ja, Moin, Herr Walter. Sie sind ja jetzt auch schon ein bisschen mehr als drei Monate beim HSV und haben schon erlebt, wie schnell sich hier so die Stimmung drehen kann. So nach dem Derby bei St. Pauli war alle schlecht, jetzt ist grade nach dem Derbysieg gegen Bremen alles gut. Wie erleben Sie persönlich so diese Stimmungsschwankungen beim HSV?“

Nein, wie süß, man erkundigt sich nach der emotionalen Befindlichkeit des Herrn Cheftrainer, das ist ja entzückend! Wie schwankt es Ihnen, Herr Walter?

„Ja, genauso wie am Anfang auch. Wir lassen uns davon nicht leiten, lassen uns davon nicht lenken, weil wir uns intern ganzganz einig sind. Äh, wir sprechen viel miteinander, wir wollen ähm äh, Entwicklung vorantreiben. Ich glaube, auf diesem Weg sind wir auch. Aber wir wissen auch, dass wir noch nicht am Ende sind. Aber Entwicklung bedeutet, genauso wie es im negativen Sinne über die letzten Jahre, Jahrzehnte hier abgelaufen ist, wissen wir natürlich, ja, dass Erfolg auch nicht planbar ist. Dessen sind wir uns bewusst, und darum haben wir uns für diesen Weg dann auch entschieden und den wollen wir auch gehen. Und da befinden wir uns momentan am Anfang, öhm öh, dass es dann aber immer wieder holprig wird, das werden wir auch erfahren. Trotzdem sind wir uns dadrüber einig und schlüssig, und äh, deswegen ist alles so wie immer hier beim HSV.“

Was ist denn das für ein wirreswirres Gelaber? Und hat Walter grade wirklich seine Vorgänger der letzten Jahre, nein, Jahrzehnte gedisst? Der Eier-in-der-Hose-Spruch scheint Nachwirkungen zu haben. Und wer ist eigentlich immer dieser „uns“ und „wir“? Geben wir nun Tanja, äh, Thomas Hürner von der Süddeutschen Zeitung die Chance auf die erste sinnvolle Frage:

„Ja, Hallo, Herr Walter, wie würden Sie denn den Fußball Ihres Kontrahenten Robert Klauß beschreiben, der ja als exzellenter Theoretiker gilt und die Mannschaft nach einer eher etwas schwierigeren Vorsaison ziemlich auf Kurs gebracht hat?“

Ok, Frage nach der Einschätzung des Gegners, gut. Was sagt Papa Walter zu Bobby „Ich hab den Matchplan erkannt“ Klauß?

„Ja, ich glaub, dass man, wenn man bisschen Geduld hat, dass man dann auch, äh ja, und bisschen länger am Trainer festhält, dass wir dann das auch erleben kann, öhm öh… Es ist natürlich einer derjenigen, der aus ‘ner RB-Schule ein bisschen hervorgeht. Deswegen sind sie extrem aggressiv, versuchen, extrem druckvoll zu agieren, versuchen, zu jagen, und trotzdem haben sie ‘ne spielerische Komponente in ihrem Spiel drin und das sieht man und darum sind sie auch bis jetzt noch ungeschlagen.“

Oh Mann, ich bin bei „Geduld“ und „länger am Trainer festhalten“ beinahe eingeschlafen, was schade wäre, denn die Antwort war gar nicht mal so schlecht. Nur, wie man ein „bisschen“ aus der RB-Schule hervorgehen kann, dass muss mir Walter dann doch noch mal erklären. Who’s next? Irgend so ein Blogger, habe leider den Namen verpasst:

„Hallo Herr Walter, Moin. Sie sprachen ja immer wieder oder sprechen immer noch von Entwicklung in Ihrer Mannschaft, was ist denn, oder was fehlt Ihnen noch in Ihrer Mannschaft? Worauf muss man noch mehr achten, was ist das, was Sie als nächstes anstreben mit Ihrem Team dann auch zu beherrschen.“

Endlich mal einer der sauber und gradeaus formulieren und klare Fragen stellen kann. Hier die ebenso sauber formulierte Antwort:

„Also, ich hab’s, wie gesagt, auch vorhin schon mal ähm, genannt, ja, dass negative Entwicklung hier über Jahre stattgefunden hat, öhm öh, bis hin, wo wir jetzt auch letztendlich sind. Und genauso kann‘s im positiven Sinne dann auch sein, ähm äh. Was da noch letztendlich fehlt, ist einfach auch ein bisschen Erfahrung zu sammeln, in den Situationen, in den wir uns jetzt befinden und deswegen kann man des jetzt nicht genau beschreiben, was uns noch fehlt. Aber wir versuchen jeden Tag, neue Inhalte zu schaffen, versuchen jeden Tag, den Jungs neue Inhalte mitzugeben, versuchen, Sie im Kopf flexibel zu machen und ich glaube, da lernt man nie aus. Deswegen ist es jetzt schwierig einen Entwicklungstand abzugeben. Wir sind zufrieden mit dem, was wir tun. Wir sind zufrieden mit dem, wie wir agieren, extrem aggressiv, extrem öhm, gut am Ball. Wir arbeiten uns viele Torchancen heraus, lassen immer weniger zu, aber wie gesagt, das kann auch in ‘nem Spiel mal wieder ganz anders aussehen, aber das bedarf ganz einfach der Zeit. Wir befinden uns auf’m guten Weg, deswegen sind wir auch sehr zufrieden, aber wollen weiter die Entwicklung vorantreiben, das ist auch ganz normal.“

WTF? Wieso reitet Walter in einer PK vorm Spiel auf der Negativentwicklung des Vereins rum? Welche Inhalte will er schaffen? Und wie schön, dass man so selbstzufrieden mit sich und seiner Arbeit ist. Extrem gut am Ball? Lass das nicht Jatta hören.

OK, wir brechen den Schwachsinn hier ab, bevor uns die Jungs von BILD, Mopo und NDR komplett verblöden. Diese PK war keine. Das war ein Kasperletheater mit schwachsinnigen Fragen, armseligen Figuren und sehrsehr verquirlten Antwortversuchen. Geistiger Nährwert gleich Null. Prädikat: Ansehen lohnt nicht. Aber die Bilder dieser Speerspitzen des Sportjournalismus möchte ich keinem vorenthalten:

Die Silberlocke vom Grevenbroicher, äh, Stader Tagblatt.

Der Kindergärtner von Radio NRJ

Hintergrund macht Bild gesund. Hübsche Pflanze, wie gießt man die da oben, Herr Kahl von HL-Sports?

So muss ein Sportreporter aussehen. Zumindest bei der SZ. Kann mal einer die Nasengardine beiseite ziehen?

 

Das seriöse Gesicht der Presse. Btw: Schöne Zimmerdecke, Herr Jacobs. Und was ist das da auf Ihrem Kopf?

Humbug Meloni mit neuer Perspektive. Ist die Kamera umgekippt?

Irgendwer vom NDR. Ach ne, das ist DJ Flo von der mopo.

Ein blinder Stierzüchter war auch dabei.

 

Und das waren sämtliche teilnehmenden Sportjournalisten.

 

Von | 2021-09-27T16:08:11+02:00 26. September 2021|Allgemein|7 Kommentare

7 Comments

  1. baltic 26. September 2021 um 09:17 Uhr

    Ein Blog des Gegners. Im Interview: Tanja. HSV-Fanin

    https://www.clubfans-united.de/2021/09/25/manchmal-vogelwild-aber-nie-langweilig/

  2. Ex-HSVer+im+Herzen 26. September 2021 um 12:39 Uhr

    Was für eine armselige und überflüssige Veranstaltung. Das fand ich schon immer. Welche Sau interessiert es, was die Trainer vor dem Spiel sagen? Die Fans wollen das Spiel sehen und Siege gesehen. Danach kann man analysieren und Fragen stellen.

  3. Christian Horner 26. September 2021 um 12:43 Uhr

    Sehr schön seziert, Demo. Wird Zeit, dass das mal öfter auf den Tisch kommt, was für ein unwürdiges Schauspiel da regelmäßig stattfindet. Das sind auch keine Sportreporter mehr, das sind institutionelle Arme der hiesigen Fanszene. Offenbar gibt es ja ein Abkommen: Man tut dem HSV nicht weh und betreibt Hofberichterstattung aus hündischem Blickwinkel – und auf der anderen Seite kann man sich als “nahe dran” inszenieren.
    Dass man so längst Teil der Minderleistungskultur des HSV geworden ist, scheint niemanden zu stören.

  4. Gravesen 26. September 2021 um 15:36 Uhr

    Nur der Tabellen-7. HIV 😂😂😂😂

    • Sag' Tschuess Dino 26. September 2021 um 23:06 Uhr

      Wenn am Ende Bremen, HV und Schalke „den Klassenerhalt schaffen“ und ST. Pauli aufsteigt – mit Blick auf die Zeit ab Rückrundenstart alles andere als unrealistisch, also allein die Freude über die vielen blöden Gesichter der Orks wäre das wert. Danach rahme ich mir sogar den Sportteil der Mopo ein. 😉

  5. Kugelblitz 27. September 2021 um 00:19 Uhr

    was für ein Gruselkabinett. Da schaudert es einen ja. Und ma jetzt ohne Spaß. Die Herren sehen voll ungepflegt aus.

  6. Dirk 27. September 2021 um 09:13 Uhr

    Die PKs sind sooo schlecht.

    Wie ein paar Fanboys die Neymar oder Ronaldo befragen dürfen, das würde mein 9jähriger Sohn besser machen, auch optisch.

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